Prinzen, Pfaffen und Piraten

K-u-J-Bücher Bjarne Reuters meisterlich erzählter Historienschmöker

Als Tom Collins den schiffbrüchigen Spanier Ramón und seinen Sklavenjungen Bibido vor der kleinen karibischen Insel Nevis aus dem Meer fischt, glaubt der 14-jährige Schankjunge sein Glück gemacht. Für einen Schluck Wasser verrät Ramón ihm nämlich, dass der Sklave in Wirklichkeit der Sohn des Königs von Kap Verde ist. Als Beweis für dessen Abstammung zeigt ihm Ramón einen Ring, den Bibido an einer Schnur um den Hals trägt, und verspricht ihm eine fürstliche Belohnung, wenn sie den Königssohn zurückbrächten. Tom, gierig nach Gold und begierig, den Frondiensten in der Schenke des Señor Lopez zu entkommen, fängt Feuer.

Tom päppelt die beiden Gestrandeten auf - und eines Nachts macht sich der Spanier heimlich davon, natürlich zusammen mit Bibido. Tom schäumt vor Wut. Aber so leicht lässt er sich nicht abschütteln. Neben seiner ehrfürchtigen und fast religiösen Liebe zum Meer und seiner naiven Träumerei von Ruhm und Reichtum hat er nämlich auch noch einen hartnäckigen irischen Dickschädel aufzuweisen, den er von seiner Großmutter, einer echten Piratin geerbt hat. Entschlossen folgt Tom dem treulosen Spanier, um sich seinen kostbaren "Besitz" zurückzuholen.

Grausame Sklavenaufseher, säbelschwingende Piraten, eifernde Pfaffen, die unschuldige alte Frauen auf den Scheiterhaufen bringen - das ist nur ein Querschnitt durch menschliche Abgründe, mit denen sich Tom auf seiner Reise herumschlagen muss. Bis er Kap Verde erreicht, ist aus dem einstmals naiven Träumer Tom ein raffinierter und kluger Weltenbummler geworden, der sich dennoch seine Unschuld und seine Integrität bewahrt hat.

Der vielfach ausgezeichnete dänische Autor Bjarne Reuter beweist mit Prinz Faisals Ring einmal mehr, dass er zu den ganz Großen in der Kinder- und Jugendliteratur gehört. Stilsicher und fesselnd, mit ungeheurem Spaß am Fabulieren, entführt er seine Leser in die Karibik des 17. Jahrhunderts. Jeder Handlungsstrang ist wohl überlegt, jedes noch so kleine Wort sitzt - und trotzdem kommt die ganze Geschichte federleicht daher. Reuter zieht hier alle Register des historischen Abenteuergenres. Sein Personal könnte einem Roman von Robert Louis Stevenson entstammen und Szenerie und Dekor erinnern an die farbenprächtigen Piratenfilme Hollywoods.

Reuters Gespür für Stimmung und seine ausgefeilte Charakterzeichnung heben den Roman weit über Unterhaltungsniveau. In dem Bild, das er von der Karibik des 17. Jahrhunderts malt, herrscht keine romantische Sonnenuntergangsstimmung, wohl aber knisternde Spannung und brodelnde Leidenschaft, und das alles gewürzt mit einer gehörigen Prise Humor. Sein Protagonist Tom Collins, literarisch eine Mischung aus Jim Hawkins, Tom Jones und Till Eulenspiegel, lügt, säuft, stiehlt, betrügt und philosophiert sich durch das Pulverfass Karibik, dass es eine wahre Pracht ist. Ein prall-buntes, aufregendes und kurzweiliges Lesevergnügen.

Bjarne Reuter: Prinz Faisals Ring. Aus dem Dänischen von Gabriele Haefs, Sauerländer, Düsseldorf 2002, 491 S., 18 E (ab 13)

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