Ein richtiges Zeichen zur falschen Zeit

#unfollowtrump Die Twitter Kampagne #unfollowtrump kommt zu spät und offenbart eine Logik des Skandals.
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„I won the Election!“ Der noch amtierende US-Präsident Donald Trump will das Ergebnis der Präsidentschaftswahlen nicht anerkennen und hält sich verbissen an seinem Stuhl im Oval Office fest. Über Twitter bleibt er mit seinen Anhängern in Verbindung und lässt keine Gelegenheit ungenutzt, unbelegte Behauptungen über die angeblich gefälschte Wahl zu verbreiten. Diese Methode ist keineswegs neu und kommt nicht unerwartet, setzt aber eine besorgniserregende Eskalationsspirale in Gang, in der unter anderem vom „totalen Krieg“ die Rede ist.

In dieser Situation wird nun unter dem Hashtag #unfollowtrump auf Twitter dazu aufgerufen, dem noch amtierenden US-Präsidenten auf der Kommunikationsplattform nicht mehr zu folgen. Die Idee: Wenn genug Twitter-Nutzer*innen im Zuge von „the great unfollow“ massenhaft den blauen „Following“-Button in einen weißen Button ändern, sendet dies ein Signal an den narzisstischen Mann im Weißen Haus. Da Trump versessen darauf ist, täglich in den Medien zu erscheinen und omnipräsent zu sein – getreu dem Motto „Any publicity is good publicity“ –, könnte ihm dieser Aufruf Wind aus den Segeln nehmen.

Following heißt nicht Gefolgschaft

Zu Beginn seines Amtsantritts gab es zunächst berechtigte Gründe, Trump auf Twitter zu folgen. Als „derzeitiger Inhaber einer gewählten oder ernannten Führungsposition in einem Regierungs- oder Gesetzgebungsorgan“, der über 100.000 Follower und einen verifizierten Account verfügt, fällt Trump unter den Schutz einer Twitter-Richtlinie[1], die seine Tweets trotz Verstöße gegen Twitter-Regeln vor Sanktionen bewahrt. Als politisch interessierter Mensch ist es daher nur legitim, dem obersten Repräsentanten der Vereinigten Staaten von Amerika zu folgen, insbesondere dann, wenn dieser Twitter als wesentliches Sprachrohr nutzt, um sich an die Welt zu richten.

Bei Twitter drückt das Folgen einer Person – anders als beispielsweise bei Facebook – kein Bekenntnis von Sympathie aus, Folgen heißt nicht Gefolgschaft. Es ist allerdings ein Kompromiss den Millionen Nutzer*innen eingehen, wenn sie Donald Trump folgen:

Binnen Millisekunden, erfahren sie ohne Umwege welche Beschlüsse der mächtigste Mann der Welt gefasst hat. Im Gegenzug schaffen sie ihm Reichweite und sorgen dafür, dass jedes seiner Worte auch gehört wird.

Nun ist aber Trumps Macht im Begriff zu schwinden. Twitter hat – noch bevor der Wahlsieger feststand – angekündigt, Trump nicht mehr die gesonderte Behandlung zukommen zu lassen[2] und nachdem Biden bereits Gratulationen zu seinem Sieg von anderen Regierungschefs erhalten hat, machte bei Twitter der Hashtag #unfollowtrump die Runde – ein berechtigter Imperativ.

Zeichen des Widerstands und der Selbstermächtigung

Trump aktiv nicht mehr zu folgen, ist zwar ein kleines, als kollektive Aktion jedoch wirkungsvolles Zeichen des Widerstands gegen das mittlerweile unverhohlene Hinausposaunen von Lügen und alternativen Fakten, nicht nur durch Trump, sondern auch durch andere Mitglieder seiner Partei. Schon Marc Twain wusste: „Eine Lüge kann über die ganze Welt laufen, bevor die Wahrheit die Stiefel angezogen hat.“ In Zeiten von Social Media, in denen eine Aussage innerhalb weniger Sekunden mehrere Runden um den Globus macht, ist dieses Zitat umso bedeutungsvoller. Während Zeitungen, wie die Washington Post, versuchen der sprinklerartigen Verbreitung von Lügen durch Trump hinterherzukommen, haben sich seine Worte längst in den Köpfen seiner Anhänger*innen festgesetzt und lassen sich erst recht nicht durch „fake media“ korrigieren.

An den Überzeugungen seiner Anhänger*innen wird sich durch „the great unfollow“ zwar nichts ändern, doch wird es Trump nicht ungerührt lassen, wenn er seine Followerzahlen im Sinkflug beobachten kann.

Selbstverständlich ist es nicht möglich sich seiner Worte völlig zu entziehen. Trump weiß, wie die Medien funktionieren und wird es als ehemaliger Showmaster mit hoher Wahrscheinlichkeit trotzdem auf das Smartphone derjenigen schaffen, die sich auf Twitter von ihm abgewendet haben.

Doch ist der Entzug der Following-Bereitschaft selbstbestimmt, hat sichtbare Folgen und kann in Masse ein wichtiges Signal gegen die Logik des Skandals senden. #unfollowtrump ist daher vor allem ein Akt der Selbstermächtigung.

#unfollowtrump kommt zu spät

Der Bruch mit dieser Logik hätte aber schon deutlich früher geschehen sollen. Der anfängliche Kompromiss, über alle präsidiale Worte informiert zu sein, während diese konsequenter Weise mehr Reichweite erfahren, hat längst vor der Kampagne #unfollowtrump seine Berechtigung verloren. Zu Beginn von Trumps Regierungszeit war zwar noch nicht mit Sicherheit zu sagen, ob er sein hetzerisches und verlogenes Verhalten mit der Würde des Präsidentschaftsamtes und der damit einhergehenden Verantwortung zumindest in Teilen ablegen würde, doch zeigte sich schnell, dass er sich treu blieb: Allein nach acht Monaten im Amt zählte die Washington Post durchschnittlich fünf Falsch- oder irreführende Aussagen pro Tag[3]. Irgendwann ging es nicht mehr darum die wichtigsten Neuigkeiten aus dem Weißen Haus von oberster Stelle zu erfahren, sondern auf den neusten Eklat in Form von maximal 280 Zeichen zu warten. Dieser wurde kopfschüttelnd verurteilt, jedoch gleichzeitig hingenommen.

Das Bedürfnis nach Sensation stand einem effektiven Stummschalten Trumpscher Ausreißer im Wege. Die Kampagne #unfollowtrump kommt zu spät.

[1] https://help.twitter.com/de/rules-and-policies/public-interest

[2] https://www.theguardian.com/us-news/2020/nov/06/donald-trump-twitter-rules-newsworthy-election

[3] https://www.washingtonpost.com/politics/2018/12/21/president-trump-has-made-false-or-misleading-claims-over-days/

10:45 19.11.2020
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.

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