IS vereitelt Rebellen Offensive auf Aleppo

Aleppo Der IS nahm am Sonntag im Kampf gegen rivalisierende Rebellen wichtige Territorien an der Grenze zur Türkei ein. Versorgungsrouten nach Aleppo sind gefährdet.
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Milizen des selbsternannten „Islamischen Staates“ haben die Stadt Soran Azaz und zwei in der Nähe liegende Dörfer eingenommen. Die Eroberung ermöglicht es den Dschihadisten, künftig die Straßen, die nördlich zum türkischen Grenzübergang Bab al-Salam führen, zu kontrollieren, berichtet die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte unter Berufung auf Aktivisten. Der Grenzübergang verbindet die syrische Provinz Aleppo mit der türkischen Stadt Kilis.

#Syria #Aleppo map situation #IS launches attacks on ShamFront held countryside,after attack on #SAA in Sheikh Najjar pic.twitter.com/76g3Esrgaz

— Hassan Ridha (@sayed_ridha) June 1, 2015

Der Verlust der Stadt Soran Azaz sei ein Rückschlag für den Rebellenzusammenschluss „Levantinische Front“, die hauptsächlich in Nordsyrien agiert, weil die Stadt die sichere Waffenversorgung für diese bisher garantierte, erklärten über den strategischen Verlust enttäuscht zwei Kämpfer eben jener Miliz.

Abu Bakr, ein Kommandeur der „Levantinischen Front“, fügte in einer Online-Nachricht hinzu:

„Die Hauptversorgungsroute zwischen der Türkei und Aleppo wird nun schwer beeinträchtigt.“

Die Rebellenformation „Levantinische Front“ wurde gegründet, um die einander häufig gegenseitig bekämpfenden syrischen Rebellengruppen im Rahmen eines großen Zusammenschlusses zu einigen. Zudem versprach man sich bessere Ergebnisse im Kampf gegen die Truppen des syrischen Präsidenten und den „Islamischen Staat“.

Rebellen räumten ein, dass die Gewinne des „Islamischen Staates“ Pläne, die eine Großoffensive auf Regierungspositionen in Aleppo umschrieben, nunmehr zunichtemachten. Eigenen Angaben zufolge wollten die gemäßigten Rebellen während des heiligen Fastenmonats „Ramadan“, also Mitte Juni, mit der Großoffensive auf die zweitgrößte Stadt des Landes beginnen.

Die in Aleppo im Südwesten sowie Süden von Regierungstruppen und im Osten von IS-Milizen umringten als gemäßigt deklarierten Rebellen sollen allerdings laut Berichten von Anwohnern teilweise wieder aus der Stadt ausgebrochen sein, um den IS auf dem Land in der Region Soran anzugreifen und möglichst zurückzuschlagen.

Das nächste Ziel des IS hingegen könnte die Stadt Azaz sein, die nur ein paar Kilometer weiter nordöstlich von Soran Azaz liegt. Azaz ist auch ein Grenzübergang zur Türkei mit Tausenden von Flüchtlingen, die der Gewalt in Aleppo zu entrinnen suchen, berichtet die SOHR.

Neben Waffenlieferungen, die durch Azaz gehen, gilt die Grenzstadt als wichtige kommerzielle Brücke, die Nordsyrien wirtschaftlich am Leben hält. Von dort aus werden türkische Güterlieferungen nach Aleppo und in die jüngst von der Rebellenformation Dschaisch al-Fatah (zu Deutsch: „Eroberungsarmee“), bestehend unter anderem aus Ahrar al-Scham und dem syrischen al-Qaida-Ableger al-Nusra, eroberte Provinz Idlib organisiert.

Der „Islamische Staat“ hält ein großes Territorium in Syrien und dem Irak. In den letzten Wochen expandierte die Terrormiliz nochmal deutlich, indem sie die zentralsyrische Stadt Palmyra, den letzten übrig gebliebenen Grenzübergang zwischen Syrien und Irak, und die nur hundert Kilometer von Bagdad entfernte Stadt Ramadi eroberte. Dabei kämpft der IS einen Mehrfrontenkrieg gegen rivalisierende Rebellen, das syrische Militär sowie alawitisch-schiitische Milizen, diverse kurdische Kräfte und die irakische Armee.

Die kurdischen Milizen und die syrische Armee haben aktuell in der nordöstlichen syrischen Stadt Hasaka einen schweren Stand gegen den IS, der die Stadt seit letzter Woche ins Visier nimmt. Für den „Islamischen Staat“ ist die mehrheitlich von Kurden besiedelte Stadt so wichtig, weil sie den IS künftig besser mit seinen Territorien im Nordirak verbinden könnte.

Dennoch scheint der IS rund um Tal Abyad, eine Ortschaft mit einem Grenzübergang zur Türkei und für die Terrormiliz praktisch das Tor zur Welt, worüber laut lokalen Quellen möglicherweise der Zufluss an Waffen und Dschihadisten organisiert wird, gegen die kurdischen Milizen und die FSA, die von US-amerikanischen Luftschlägen tatkräftig unterstützt werden, an Boden zu verlieren.

Analysten vermuten, dass der IS mit seinen Angriffen auf die Stadt Soran Azaz und weiter nördlich einen womöglichen Wegfall ihres einzigen Grenzübergangs zur Türkei bei Tell Abyad kompensieren wolle. Kurdische Milizen erklärten bereits, dass sie den Grenzübergang bis Ende des Jahres einnehmen wollen.

16:57 01.06.2015
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Ali Özkök

Ali Özkök ist Nahost-Experte, spezialisiert auf den Syrien- und Irak-Konflikt, Spannungsverhältnis Sunniten-Schiiten, Südkaukasus, Zentralasien.
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