Amman - Lebensmittel, Preise und andere Einkaufsgedanken

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Die vierzig Tage zwischen dem zwanzigsten Dezember und dem letzten Januar gelten als die kälteste Zeit in Jordanien. Kälte ist dabei relativ, selten fällt nachts die Temperatur unter den Gefrierpunkt. Tags merkt man schon jetzt, dass die Sonne wieder mehr Kraft hat – es kann nicht nur zehn, sondern bis fünfzehn Grad geben, und das Licht tut sein Übriges.

Eine Freude, dann bei blauem Himmel und strahlender Sonne einkaufen zu gehen. Die Wohnung wirkt dagegen eher kälter.

Brot ist ein Muss – derzeit kosten drei Kilogramm der kleinen, runden Fladen einen halben Dinar, fünfzig Piaster – etwa fünfzig Eurocent entsprechend. Das geht bei den derzeitigen Weizenpreisen auf dem Weltmarkt nur, weil die Regierung das Mehl subventioniert, ebenso wie einige andere wichtige Grundnahrungsmittel, so Zucker und Reis, und auch das Gas zum Kochen und Heizen.

Proteste in Amman in den letzten beiden Wochen richteten sich denn auch zu großen Teilen gegen die durch Kürzung von Subventionen verursachte Preiserhöhungen. Die trafen den Teil der Bevölkerung, der mit wirklich jedem Piaster rechnen muss – und das sind nicht wenige. Grund für die Reduzierung der Preisstützung war der Versuch, den jordanischen Haushalt zu sanieren, eingeleitet vom im letzten Herbst ernannten Premierminister Raffai. Er gilt durchaus als Wirtschaftsfachmann, allein, sagt man, da er selbst aus einer gut situierten Familie komme, habe er vielleicht nicht genug Gespür dafür, wie sehr sich auch kleine Preissteigerungen bei lebenswichtigen Waren auf die schmalsten Budgets auswirken.

Der König stützte seine Beliebtheit durch ein Machtwort an dieser Stelle, insofern hatten die Protestierenden einen Teilerfolg, denke ich.

Generell jedoch sind Preise für Lebensmittel hier hoch. Jordanien erzeugt insbesondere Obst und Gemüse auch für den Export – und das Preisniveau der Hauptkunden, EU und arabische Staaten, sind für die einheimischen Käufer schon ein Problem. Im letzten heißen Sommer kamen eine Verknappung der Produktion und eine Krankheit der Tomatenpflanzen hinzu. Trotz Gegensteuerns durch einen Exportstop für die Tomaten waren sie noch im Ramadan kaum bezahlbar – jedenfalls nicht für Leute wie uns.

Hinzu kommt, dass diese frischen Produkte auch immer mit einem der hier kostbarsten Rohstoffe bezahlt werden müssen: mit Wasser.

Und so sind viele Einkäufer, wie ich, immer auf der Suche nach Sonderangeboten. Der Gemüsehändler vor der Moschee hat regelmäßig für viel nachgefragte Waren wie Kartoffeln, Tomaten oder Zwiebeln zwei bis drei unterschiedliche Qualitäten und Preise: im Laden das feste Angebot zum Normalpreis, außen rechts die zweite Wahl etwas billiger – und in Kisten auf dem Boden die aussortierten Stücke zu Schleuderpreisen. Hinzu kommt, dass weniger gute Lieferungen von einigen Männern gegenüber gleich kistenweise angeboten werden, wer soviel verarbeiten kann, spart dabei ganz gut.

Selbst der große Supermarkt verfährt ähnlich: in einem separaten Regal liegen abgepackte Tüten mit ausgesondertem Obst und Gemüse – die Kartoffeln sind gut, nur kleiner als die hier so beliebten Riesen, dafür zu einem drittel des Preises. Blumenkohl – 20 Piaster für ein Kilo, da schmeckt er durchaus, vor allem, wenn das müde aussehende Grünzeug vor dem Abwiegen entfernt wurde.

Die Supermärkte bieten inzwischen auch schon Infoblätter mit ihren Sonderangeboten- hier lese ich sie sogar, vielleicht, weil man nicht täglich damit bombardiert wird. Danach eignet sich ihr festes Papier auch als Unterlage für den Papageienkäfig. Interessant sind oft Angebote, mehrere Stücke zu einem deutlich reduzierten Gesamtpreis zu kaufen – vier Dosen Bohnen für Foul zu insgesamt 88 Piastern, statt ca. 300 für die einzelne. Das rechnet sich zweifellos für den Verkäufer, aber auch für uns, ebenso wie zwei Päckchen Weißkäse für einen Dinar.

Was da drin ist? DAS ist dann die Gretchenfrage. Ein Verbraucherinstitut habe ich in Amman noch nicht getroffen. Viele abgepackte Lebensmittel zeigen ISO-Nummern für die Produktion, gerade für den Export wohl unabdingbar. Aus Deutschland las ich Kritik am Pestizidgehalt mancher Gemüsearten – sicher nicht unberechtigt, aber gerade im letzten trockenen Sommer ….

Fragt danach jemand? Noch nicht. Umweltschutzbewusstsein wird hier zwar erwünscht, aber noch nicht sehr gepflegt, und bezieht sich derzeit meinen Beobachtungen nach eher auf sichtbare Dinge, wie sauberere Straßen und die Wasserqualität.

Biogemüse – kürzlich las ich einen Artikel, dass versucht werden solle, langsam die Landwirtschaft auf biologisch verträglicher Anbaumethoden umzustellen, aber Mehrkosten könnte der Markt derzeit kaum verkraften – die Verbraucher würden im Zweifelsfalle zu den billigeren Produkten greifen, greifen müssen.

Verschwendung? Sicher, es gibt auch wohlhabende Leute, die unachtsam mit Lebensmitteln umgehen. Wenn ich in unserem Viertel jedoch mal sehe, was die Katzen an den Mülltonnen so ausbuddeln – das sieht anders aus, und gerade auch die Geschäfte scheinen hier anders zu kalkulieren. Vom Containern könnte man hier sicher nicht leben.

Ich sehe beim Einkaufen viele Männer – sehr sachkundig, auch, was die Qualität betrifft. Alleine wegen des Tragens schwerer Einkaufstaschen erledigen oft die Herren des Hauses diesen Teil der Hausarbeit. Ich gehe gerne selbst, weil ich die Spaziergänge genieße. Schweres soll ich aber nicht selbst holen – das Bild des Orientalen, der seine Frau die schweren Einkäufe tragen lässt und zwei Schritte vorne weg geht, ist zwar in manchen deutschen Publikationen kaum auszurotten, aber hier suchte man diesen Typus vergeblich.

Beim Heimweg bin ich mit meiner heutigen Ausbeute zufrieden und das Geld hat auch gereicht. Eine andere Frau nimmt mir zwei der Tüten ab, als es steil den Berg hinaufgeht – lieb von ihr. Nein, ich kenne sie nicht. Vor der Tür danke ich ihr, sie wehrt ab und setzt ihren Weg fort. Ein guter Vormittag.

12:27 24.01.2011
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Geschrieben von

Alien59

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Alien59

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