Anschläge und Fragen

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Ein Sommernachmittag in Köln. 2004. Keupstraße. Zwei Jahre zuvor wurden hier rauschende Feste gefeiert, während der Fußball-WM, als die Türkei sich bis ins Halbfinale spielte. Straßenparty, ein Meer rot-weißer Fahnen, Luftballons ….

Nachmittags, gegen 16 Uhr, ist die Straße belebt, beidseitig zugeparkt, viele Familien, Kinderwagen, Kinder ….

An jenem 8. Juni sollte ich meine Wohnung nicht erreichen. Ich lief an der Straßenecke gegen ein Absperrband. Dahinter Polizeiautos, eine dicke Lage blutverschmierter Glasscherben auf der Straße. Panik. Wo war mein Mann? Erst nach etlichen Versuchen konnte ich ihn, höchst erleichtert, auf seinem Handy erreichen. Er wäre beinahe in die Explosion hinein gelaufen, es fehlten nur Minuten.

Was war geschehen? Ein Mann hatte sein Fahrrad entgegen der Einbahnstraße geschoben, ganz vorschriftsmäßig. Ein junger Mann, sommerlich gekleidet in Bermudas, T-Shirt und Basecap. Vor dem größten türkischen Restaurant der Gegend wollte er das Rad abstellen. Man bat ihn, etwas weiter zu gehen, die Glasscheiben gehen dort bis weit nach unten und angelehnte Räder verkratzen sie. Er ging, bis zum Friseursalon, ein paar Häuser weiter.

Er verschwand, spurlos, wie es schien, die Bombe explodierte. Über die „Ermittlungen“ der Polizei wurde nun ja in den letzten Tagen ausführlich berichtet – der Artikel des Kölner Stadtanzeigers zeigt noch einmal mit erschreckender Deutlichkeit die Blindheit auf.

Was lief denn da, ermittlungstechnisch? Es gab ein Video von einer Überwachungskamera ums Eck – da sind Fernsehstudios. Nicht sehr gut, aber immerhin, der Mann mit dem Fahrrad war drauf. Fahrrad – auch bei den neun Morden war der Mörder mehr als einmal mit einem Fahrrad unterwegs gewesen, wie ermittelt wurde. Die Phantombilder sind im KR-Artikel zu sehen….

Wonach wurde gesucht? Im Gespräch waren alle der „üblichen Verdächtigen“. Vor allem interessierte man sich für die Kunden des Friseursalons – tatsächlich, da gab es einen polizeibekannten Kölner. Aha!!! Nur: selbst wenn bekannt gewesen wäre, dass der sich zu der Zeit dort stylen ließ – warum hätte dann der Unbekannte das Rad eigentlich vor das Restaurant stellen wollen?

Hingegen passt das Restaurant ausgezeichnet in die Reihe der Mordanschläge: ein wirklich erfolgreiches Familienunternehmen türkischer Einwanderer. Ich habe selbst oft dort gegessen. Es wäre schwierig gewesen, dort eine bestimmte Person zu töten – ich hätte selbst keinen bestimmten „Chef“ ausmachen können. Daher war die Bombe gegenüber der Schusswaffe eine logische Wahl. Hinzu kam, dass die Täter richtig darauf spekulierten, dass es unter etwaigen Toten und Verletzten vor allem Menschen türkischer Abstammung treffen würde. Laut Aussagen der Polizei war es eher ein Wunder, dass es keine Toten gab, die Bombe wäre durchaus dazu geeignet gewesen. Unter den 22 teils schwer Verletzten gab es keinen „ethnisch deutschen“. Die Täter müssen gefeiert haben.

Aber, wenn ich jetzt mal von den Opfern ausgehe, komme ich auf Jana Hensels Artikel. Die Täter kamen aus Thüringen. Woher kannten sie diese Straße, dieses Geschäft? Die Frage stellt sich mir auch bei allen anderen Taten – wer hat die Mordopfer ausgesucht, z.B.? Aber lasst mich bei dem bleiben, was ich kenne. Die Straße mit ihren vielen türkischen Läden im Ganzen, aber auch das Restaurant, das keinen Alkohol ausschenkt, sondern halal kocht, ist den Rechten in Köln seit je her ein Dorn im Auge. Gerade die Feiern 2002 waren bemerkt, dokumentiert und gehässigst kommentiert worden. Auch in einem Forum einer Kölnerin, die später zu ProKöln ging. Eines der Bilder zeigte direkt meine Haustür, ich war nicht entzückt.

Der gemeinsame Nenner aller derzeit den drei Nazis aus Thüringen zugeschriebenen Anschläge sehe ich durchaus: selbständige Migranten, vorzugsweise türkischer Abstammung. Gerade wegen der Diskussionen über die Geschäfte der Keupstraße weiß ich, wieviel Hass Erfolg erzeugt. Und nein, da brauchte es keine Bekennerschreiben - es war Terror pur. Die Geschäftsleute litten noch den ganzen Sommer unter ausbleibender Kundschaft - die hatte Angst.

Vorhin, bei Twitter, schrieb Kübra Gümüsay (Kolumne "Das Tuch", taz): "Auswandern ist i.Ü. wieder Topthema bei den deutschen Muslimen."

Mely Kiyak bringt es auf den Punkt (Magda, danke für den link):

"Rechtsextremes Denken ist in unserer Bevölkerung offenbar unausrottbar vorhanden. Nicht die pathologisch Verrückten, die mit einer Waffe in der Hand mordend durch die Gegend ziehen, sind das Problem. Sondern unsere rechtsextrem denkenden Nachbarn, Zeitungsabonnenten, Vorgesetzten, Personalchefs, Eltern, Lehrer, Kita-Erzieher, Polizisten, Sachbearbeiter auf der Behörde und so fort. Rechtsextreme sind keine zoologische Besonderheit, keine Naturgewalt aus Zwickau.

Ein Drittel der Befragten einer großen Studie der Friedrich-Ebert Stiftung vom letzten Jahr stimmte diesem Satz zu: „Die Bundesrepublik ist durch die vielen Ausländer in einem gefährlichen Maß überfremdet“. Genauso viele meinen, dass „Ausländer kommen, um den Sozialstaat auszunutzen“, und dass bei knappen Arbeitsplätzen „Ausländer wieder in ihre Heimat“ geschickt werden sollten. Das ist nicht NPD-Gedankengut. Die NPD nutzt die vorhandenen Einstellungen.


Wenn das jeder Dritte denkt, wäre das jeder dritte Kollege, der mir auf dem Gang begegnet, jeder dritte Parlamentarier, jeder dritte Arzt. Bestätigt wird die Studie durch eine andere, die „antidemokratische Mentalitäten in Europa“ untersucht und zu ähnlichen Ergebnissen kommt. Nie gibt es eine Studie über die Deutschen, die besagt, dass wir kein Rassismus Problem haben. Innenminister Friedrich beschimpfte das Ergebnis einer Untersuchung über Rechtsextremismus in Bayern als Frechheit und Denunziation seiner Landsleute."

Jeder dritte, dem auch die Angehörigen der Opfer bzw. in Köln die Opfer selbst jeden Tag ins Gesicht sehen.


17:52 21.11.2011
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Alien59

Nächster Versuch. Statt PN: alien59(at)live.at
Alien59

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