Besonderer Schutz - frühmorgens

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Ein Dienstagmorgen, 5.30 h, in Hamburg. Lautes Klingeln an der Wohnungstür. Lena schreckt hoch, angelt ihren Kaftan, den sie statt Morgenrock benutzt und wankt schlaftrunken zur Tür. An die wird mittlerweile heftig getrommelt.

„Machen Sie auf, Außendienst, Ausländerbehörde!“

Lena öffnet die Tür einen Spalt, zwei Herren stehen draußen, ein hochgehaltener Ausweis, den sie mangels Brille nicht lesen kann, versperrt ihr umgehend die Sicht.

„Wird’s bald, machen Sie gefälligst auf!“ – dabei wird so stark gegen das Türblatt gedrückt, dass Lena unwillkürlich rückwärts geht, die beiden Männer, einer dünn, einer fett, stehen im Flur.

„Wo ist er?“

„Wer?“

„Na, ihr sogenannter Ehemann!“

Langsam dämmert ihr, was los ist. Morgens früh um halb sechs, nach nur sechs Stunden Schlaf, ist sie nicht so schnell.

„Er ist auf Arbeit, hat Nachtschicht“, antwortet sie trotzdem.

„Ach, Nachtschicht nennt man das heutzutage“, spöttelt grinsend der Fette.

„Was wollen Sie eigentlich?“ Lena ist sauer. Unverschämtheit, was denken die sich denn?

„Guck mal, Lütte, gib doch zu, dass er dir Geld für die Ehe gegeben hat, dann gehen wir wieder, und wenn du uns sagst, wo wir ihn finden können, kommst du beim Strafverfahren billig davon“, lockt der Dünne.

Lena holt tiefLuft.

„In etwa anderthalb Stunden wird er hier sein – wie immer, wenn er Nachtschicht hat. Und ihre Unterstellungen können sie sich schenken!“

„Ach soooo wollen Sie es haben, na bitte! – Wo ist das Schlafzimmer? – Ach, kein Pyjama von ihm? Franz, wie siehts im Bad aus? Nur eine Zahnbürste? Aha, dachte ich es mir doch. Also: der Herr wurde frühmorgens nicht in seiner Wohnung angetroffen, es sieht auch nicht so aus, als würde er wirklich hier wohnen. Frau K., Sie werden vorgeladen. Sollten Sie den anrufen, falls sie seine Nummer haben, können Sie ihm sagen, er kann schon mal packen!“

Nein, so was gibt’s doch nicht, höre ich jetzt meine Leser sagen. Oder nur mit gutem Grund. Schön wärs. Das kann jedes binationale Paar treffen, das aus dem ein oder anderen Grund nicht in das Denkschema der Ausländerbehörde passt, so dass diese eine sogenannte Scheinehe vermutet und eine Überprüfung anordnet. Die Überprüfungen finden tatsächlich in dieser Form oder ähnlich statt. Dass meine Geschichte in Hamburg spielt, ist nicht ganz zufällig: zwar ist die Handhabung in allen Bundesländern ähnlich, Hamburgs Ausländerbehörde hat sich jedoch einen speziellen Ruf hart erarbeitet, vor allem unter den binationalen Paaren, aber auch unter anderen Ausländern. Anscheinend ist man dort stolz darauf: als ein Fernsehteam einen Beitrag über Abschiebungen drehte, sah man dann auf einem der Bildschirmschoner den Lauftext: „Never-come-back-Airlines: wir buchen, Sie fluchen“. Trotz der Fernsehaufnahmen hatte man keinen Anlass gesehen, diesen Beweis der Menschenverachtung wenigstens vor der Kamera auszuschalten.



Dieses Paar hat noch Glück, da die beiden schon verheiratet sind und zusammen in Deutschland wohnen. Muss ein Partner erst nachziehen, wird vorher geprüft – und wie beweist man, dass man NICHT vorhat, eine Scheinehe zu führen, wenn man noch tausende Kilometer voneinander entfernt lebt? Die dazu gehörenden „getrennten Befragungen“ gehören zu dem Perfidesten, was sich Bürokratie ausdenken kann. Wer kennt – noch dazu VOR der Hochzeit, die Schuh- oder Wäschegrößen des Partners, alle Geschwister mit Namen, den Geburtstag der Schwiegermutter, die Hobbys des anderen? Vor allem, wenn im Heimatland des Ausländers Hobbys unbekannt sind und Geburtstage nicht gefeiert werden….

Da kommen dann ganz schnell unterschiedliche Angaben zustande, wann man sich das erste Mal verabredet hat, wer wann wo wem den Heiratsantrag gemacht hat – und das Urteil lautet: Scheinehe. Kein Visum.


Der letzte, mir bekannt gewordene Fall ist derzeit in dem Stadium, dass die Ehefrau, die immer wieder Wochen bei ihrem Mann im Ausland verbringt, nun schwanger ist. Die Ausländerbehörde geht aber weiter standhaft von einer Scheinehe aus. Der Mann hat einfach die falsche Staatsangehörigkeit.


Aber die Ehe steht unter dem besonderen Schutz des Staates.

08:44 09.04.2010
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Alien59

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Alien59

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