Berliner Wiederholungswahl: Der Winter macht Kai Wegner groß

Meinung Bei der Wiederholungswahl in Berlin hat die CDU stark zugelegt und die Wahl mit Abstand gewonnen. Dafür gibt es nur eine Erklärung: Kollektive Winterdepression
Hier sehen Sie, was die Berliner Winterdepression will
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Foto: Ooo Andersen/AFP via Getty Images

Wie an so vielen Wintermorgen stehen die Berliner:innen nach der Wahl zum Abgeordnetenhaus auf, gucken aus dem Fenster und sehen grau. So richtig schön diesig, nasskalt, dass es beim bloßen Blick durchs Fenster schon bis in die Knochen zieht. Der Stand der Sonne lässt sich nur aus der Erinnerung an bessere Tage bestimmen. Die innere Kälte hat sich im Februar bereits so festgesetzt, dass sie selbst mit warmem Tee und Wärmflasche unter der Heizdecke nicht mehr zu vertreiben ist. Die Laune auf den Straßen ist entsprechend mies, alles keift oder guckt sich zumindest böse an.

Und irgendein Gericht hat die brillante Entscheidung getroffen, genau dann eine Wahl abhalten zu lassen. Das kann ja nur in die Hose gehen und ist es dann auch.

Wenn 28 Prozent der Berliner:innen CDU wählen, dann muss die Stimmung im Keller sein. Knapp die Hälfte der CDU-Wähler:innen gab auch gleich mit an, die Partei nicht aus Überzeugung, sondern aus Frust über die Landesregierung gewählt zu haben. Grund zum Meckern haben wir auch genug, das würde niemand infrage stellen. Mieten: zu teuer. Verkehr: eine einzige Baustelle. Das Stadtbild: zu dreckig (da hilft auch so ein auf Hochglanz poliertes Schloss nichts). Die Verwaltung: Kafka-Cosplay ohne Gamescom. Wenigstens der Flughafen funktioniert jetzt. So einigermaßen.

Doch während die BVG das beschissene Image der Stadt und des eigenen Betriebs erfolgreich in eine Werbestrategie übersetzt, sind die Berliner:innen seit Jahren im Dauermeckermodus. Ändern tut sich trotzdem wenig. Also einfach mal die angestaute schlechte Laune in die Urne schmeißen und gucken, was passiert? Zumindest fühlt es sich so an. Experimentierfreude vom Feinsten. Was dabei rauskommt, ob sich wirklich etwas ändert und ob man diese Veränderungen dann eigentlich auch will, war der Frustrationshälfte der CDU-Wähler:innen scheinbar egal.

Die Winterdepression geht wählen

Ein wenig bizarr ist es allerdings schon. Viel schlimmer als vor eineinhalb Jahren sieht es in der Stadt doch gar nicht aus. Auch im September 2021 war die Verwaltung mies, weshalb diese Wahl ja gerade wiederholt werden musste, die Mieten zu hoch, weshalb es gleichzeitigen den Volksentscheid zur Vergesellschaftung großer Wohnungskonzerne gab, der Verkehr Chaos und dreckig war es sowieso schon immer.

Der einzige Unterschied: Wir hatten im September gerade einen Sommer hinter uns. Lagen an überfüllten Seen, tranken Bier in sommernachtswarmen Parks und verbrachten das Homeoffice auf unseren Balkonen, für die wir viel zu viel Miete zahlen. Natürlich waren die Probleme damit nicht vergessen, der Volksentscheid war eindeutig. Nur überlebt im Sonnenschein eben ein wenig Hoffnung, dass es in der Zukunft doch noch besser werden könnte.

Aber im Februar haben die Wähler:innen gerade vier Monate ohne Sonne in der Kälte verbracht, die Winterdepression ist am Tiefpunkt angekommen. Statt Hoffnung für die Zukunft ist da nur noch Verzweiflung über den Zustand der Stadt. Die in Berlin mit dem Herbst schlagartig eintreffende Gemütswandlung kam der CDU bereits früher zugute. Es ist kaum vorstellbar, aber Berlin war nach der Wiedervereinigung in den 90ern fest in der Hand der Konservativen. Das änderte sich erst bei der vorgezogenen Wahl zum Abgeordnetenhaus 2001. Anschließend wurde der Zeitraum für die Wahlen von Ende Oktober auf Ende September vorgezogen. Seitdem führte die SPD die Wahlergebnisse an.

Wenn bereits ein Monat im Berliner Herbst solche Auswirkungen haben kann, dann ist klar, in welchem mentalen Zustand sich die Hauptstadt nach vier Monaten befindet. Die CDU hat sich ein Beispiel an der BVG genommen und erfolgreich plakatiert, was alles schlecht läuft. Die winterdepressiven Gemüter scheint das abgeholt zu haben.

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Geschrieben von

Alina Saha

Redakteurin „Online“

Alina Saha hat in Berlin und Tokio Vergleichende Literaturwissenschaften und Japanstudien studiert. 2019 kam sie als Hospitantin zum Freitag, blieb zunächst als freie Autorin und ist seit Ende 2021 Teil der Online-Redaktion. Ihre Themen sind die Klimakrise, mit Schwerpunkt auf Klimabewegungen, sowie Gesellschaft und Politik Ostasiens.

Alina Saha

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