Leben an der Kante

Kohle Die Dörfer am Tagebau Garzweiler sollten eigentlich der Braunkohle weichen. Die Bewohner:innen vor Ort kämpfen nicht nur für ihre Heimat: Hier entscheidet sich das Pariser Klimaabkommen

Das ist dann wohl die Definition von plattem Land: Der Bahnhof Herrath besteht aus zwei Gleisen, einem grasüberwucherten Bahnsteig und einem klappernden Häuschen zum unterstellen. Neben der Hauptstraße schießt hin und wieder ein Baum in die Höhe, in der Ferne drehen sich ein paar Windräder. Ansonsten sind da nur Felder, soweit das Auge reicht.

Außer einer Gruppe von fünf Radfahrer:innen ist weit und breit keine Menschenseele unterwegs. Sie sind auf dem Weg in das nahegelegene Dorf Lützerath, um es gegen die Kohlebagger zu verteidigen.

Dass das Dorf größtenteils noch steht, liegt hauptsächlich an seinem letzten Landwirt Eckardt Heukamp, der sich immer noch gerichtlich gegen seine Enteignung wehrt. Am 28. März hat das Oberverwaltungsgericht Münster seinen Eilantrag gegen die vorzeitige Besitzeinweisung seines Grundstücks durch RWE abgelehnt. Damit ist Heukamp zwar noch nicht offiziell enteignet, RWE kann allerdings trotzdem Vorbereitungen für den Kohleabbau auf dem Gelände treffen. Ein Abriss des Dorfes wird dadurch wahrscheinlicher. Dem Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) zufolge hängt von der Zukunft des Dorfes ab, ob Deutschland seinen Beitrag zum Pariser Klimaabkommen, die Erderwärmung auf 1,5 Grad zu begrenzen, einhalten kann, weshalb das Dorf im letzten Jahr zu einem Zentrum der Klimabewegung geworden ist.

Von Ruhe kann keine Rede sein

Laut Google Maps dauert es mit dem Fahrrad eine halbe Stunde vom Bahnhof ins Dorf. Busse fahren in der Region kaum noch. Die Infrastruktur wird seit Jahrzehnten vernachlässigt. Warum investieren, wenn sowieso bald alles weg ist?

Auf Navis ist in der Region wenig Verlass. So schnell wie der Energiekonzern RWE hier die Karten neu schreibt, kann Google nicht mithalten. Also erst mal ungefähr in die richtige Richtung. Irgendwann wird Lützerath schon als Ziel erkennbar sein.

Eines der Dörfer, durch das der Weg nach Lützerath führt, ist Kuckum. Wer noch da ist und kämpft hat ein gelbes X vorm Haus angebracht oder im Fenster stehen. Waltraud Kieferndorf wirkt auf den ersten Blick nicht, wie eine typische Klimaaktivistin. Ihre Haare sitzen zu perfekt. Sie ist groß und schlank, trägt Jeans, schlichte Pullover und einen schmalen Daunenmantel. Sie strahlt einem geradezu entgegen, wirkt offen und entspannt. Trotzdem schwingt oft Wut mit, wenn sie spricht.

Eigentlich hatte die 64-Jährige im Ruhestand mit ihrem Mann reisen und ihre Gartenleidenschaft (auf 2.000 Quadratmetern haben sie mehrere hundert Pflanzensorten gesammelt) ausleben wollen. Doch von Ruhe kann keine Rede sein. 2016 hat Kuckum den Umsiedlerstatus erhalten, 2026 sollten die Bagger auch bei ihnen ankommen. Kieferndorf wusste, dass es so kommen würde, als sie vor knapp 25 Jahren mit ihrem Mann ein Haus in dem Dorf gebaut hat. Warum haben sie sich eine Heimat aufgebaut, von der sie wussten, dass es sie irgendwann nicht mehr geben würde?

„Alleine fühlt man sich ohnmächtig“

„Eigentlich wollten wir im Ruhestand zurück in die Pfalz ziehen. Aber erstens können wir uns das nicht leisten und zweitens wollen wir unsere jetzige Heimat auch gar nicht mehr verlassen. Außerdem,“ ergänzt sie, „war ich mir damals sicher, dass wir bis 2026 Alternativen zu der Braunkohle haben werden.“ Die Alternative, die sie meint, lagert aktuell in der Garage, soll aber bald schon aufs Dach: Photovoltaik Module.

Ihre Überzeugung verwundert nicht. Als Kieferndorfs ihr Haus bauten, fiel Deutschland noch eine Vorreiterrolle in den Erneuerbarer Energien zu. Damals war kaum vorstellbar, dass wir uns irgendwann über die Abstände zu Windrädern streiten würden. Am Tagebau wirkt das wie Hohn.

Die Initiative Menschenrecht vor Bergrecht, die Kieferndorf mitgegründet hat,hat 2019 ein Grundstück in Keyenberg erworben. Knapp 250 Meter trennt die kleine Apfelwiese vom Tagebau. Ein Windrad dürfte niemals so nah dran stehen.

„Die Zeiten, in denen Menschen für fossile Energien enteignet wurden, sind vorbei. Wir haben uns in einer Gemeinschaft zusammengeschlossen um uns gegen die Enteignung zu wehren, denn alleine fühlt man sich ohnmächtig. Das ist nur gemeinsam möglich.“ Das Grundstück existiert, um diesen gemeinschaftlichen Kampf mit RWE führen zu können.

„Niemand hier ist freiwillig gegangen, auch wenn RWE das behauptet. Jeder, der verkauft hat, hat auf Druck verkauft.“

Die Klimabewegung hat viel erreicht

Dieses Gefühl der Ohnmacht hat sich erst geändert, als Gruppen wie Ende Gelände auf die Folgen des Kohleabbaus aufmerksam gemacht und den Kohleausstieg gefordert haben. Trotzdem verkündete das Kohleausstiegsgesetz 2020, man wäre energiepolitisch weiter auf die Kohle unter den Dörfern angewiesen, das Ende für die Braunkohle wurde auf 2038 gelegt. Der Leitentscheid vom März 2021 wiederholte die Aussage.

Aber nur einen Monat später entschied das Bundesverfassungsgericht zu Gunsten der Klimabewegung, das Klimagesetz wurde nachgebessert. Letzten Herbst schrieb sich die neue Bundesregierung schließlich den Erhalt der fünf Dörfer am Tagebau Garzweiler, das sind alle außer Lützerath, in den Koalitionsvertrag.

Der erste globale Klimastreik von Fridays for Future war da keine drei Jahre her.

Trotz all des Klima-Pessimus hat die Bewegung in relativ kurzer Zeit viel erreicht. Noch vor einem Jahr, haben sie vor Ort nicht laut daran glauben wollen, dass sie bleiben werden. Gefeiert haben sie trotzdem nicht. „Wie denn?“ entgegnet Kieferndorf bloß. „Wir haben gar keine Räumlichkeiten, um uns zu treffen.“ Soll heißen: Sie haben keinen Ort, zu feiern. Sämtliche Gemeinschaftsräume, ehemalige Kneipen, selbst die Kirchen gehören RWE.

RWE schafft vor Ort Fakten

Außerdem muss der Ampel-Beschluss in NRW noch juristisch verankert werden. Bis dahin fühlen sich die Dorfbewohner:innen nicht sicher. Vor den Landtagswahlen im Mai wird nichts passieren. Dann ist Sommerpause und dann kommt schon der neue Leitentscheid, der prüft, ob Deutschland die Kohle unter den Dörfern noch braucht. Bis zum Ende des Jahres hängen sie in der Luft.

Und RWE? Nach außen ignoriert das Unternehmen den Koalitionsvertrag und buddelt weiter wie gehabt. Das können sie. Und das dürfen sie auch. Der Betriebsplan ist genehmigt. Mehr als 80 Prozent der Anwohner:innen hat sich mit RWE geeinigt, entsprechend gehört ein Großteil der Landschaft RWE. Und RWE zwingt der Landschaft seinen Stempel auf. „Fakten schaffen“ nennen sie es am Tagebau.

Strategiespiel könnte man es auch nennen, wie RWE und die Aktivist:innen aufeinander treffen. Schach spielen, um Häuser und Bäume in Dörfern, Straßen und Wege zwischen den Feldern.

Es ist dieses „Fakten schaffen“, das Manövrieren mit Navi in der Nähe des Tagebaus schwierig macht. Noch vor einem Jahr verband eine Landstraße Lützerath mit dem Dorf Keyenberg. Seit RWE die Verbindung gekappt hat, müssen Autos Umwege fahren. Mit dem Fahrrad kommt man noch durch die Feldwege. Ist das Wetter mehrere Tage schlecht, bleiben die Räder aber im Matsch stecken. Auch schieben ist kaum möglich. Die Stiefel sinken teilweise fast zehn Zentimeter in die aufgeweichte Erde.

Ein Dorf wird isoliert

Google Maps weiß nicht, welche Wege RWE gehören und welche nicht. Immer wieder endet die Route an Schranken oder Sackgassen, weil ein Wall über einen Weg geschüttet wurde, der letzte Woche noch nicht da war. Mit ganz viel Pech, biegt man einmal falsch ab und steht unerwartet an der Abbruchkante. Dahinter geht es steil 200 Meter tief in den Boden. Gefühlt hat man sich verfahren. Juristisch begeht man Hausfriedensbruch. Lützerath wird systematisch isoliert.

Feige sei es, dass die Ampelkoalition die Gerichte über Lützerath entscheiden lassen will. Diesen Spruch hört man hier oft. „Je mehr wir uns mit dem Klima beschäftigt haben, desto klarer wurde uns: Unsere Kohle muss in der Erde bleiben. Wir haben hier die Möglichkeit einen enormen Beitrag für das Klima zu leisten. Wir kämpfen nicht nur für unser Haus. Wir kämpfen für das Klima und deshalb muss auch Lützerath gerettet werden,“ sagt Kieferndorf.

Die Aktivist:innen vor Ort sind sich einig, dass sie Lützerath, komme was wolle, gegen den Tagebau verteidigen werden. Die Baumhauslandschaften wachsen seit einiger Zeit, das Urteil aus Münster wird sie weiter anspornen. Anfang Januar haben sie das letzte leerstehende Haus im Dorf „wiederbelebt“.

In Lützerath entscheidet sich Paris

In Lützerath könnte es zu einem Hambacher Forst 2.0 kommen, denn es geht hier nicht einfach nur um ein Dorf, die dahinter liegenden Felder und das Zuhause von Eckardt Heukamp: „Die 1,5 Grad-Grenze verläuft vor Lützerath.“

Ist das nicht ein bisschen überzogen? Überhaupt nicht, meint David Dresen. Der 30-Jährige ist in der Region aufgewachsen, fast seine gesamte Familie kämpft gegen RWE und den Tagebau. Bis 2018 hat er Mathe unterrichtet, seitdem ist er hauptberuflich Klimaaktivist. Er kennt die Studien gut, die sich mit dem Tagebau und der Klimakrise auseinandersetzen, kann die Variablen erklären, die Wahrscheinlichkeiten abwägen. Trotzdem steht unterm Strich der Studie des DIW: Wird Lützerath abgebaggert ist es das gewesen mit dem deutschen Beitrag, die Erderwärmung auf 1,5 Grad zu begrenzen.

Deshalb ist Dresen, genauso wenig wie Kieferndorf, zum Feiern zumute. Obwohl seine Familie ihr Haus wahrscheinlich behalten darf, mitsamt Pferden und Hühnern. „Die wollte RWE auch nicht mit umsiedeln,“ erzählt er. Das Grundstück, das ihnen als Entschädigung angeboten wurde, war in der Fläche ein Bruchteil dessen, was sie jetzt haben und hätte nicht gereicht für die Pferde. „Sei ja nur ein Hobby, meine Mom könnte sie loswerden oder an einem Strick durch das Dorf führen.“ Alles, was für die Menschen vor Ort nicht in Geld aufgewogen werden kann, wird einfach abgeschafft. Was keinen finanziellen Wert hat, hat für den Konzern keinen Wert an sich.

„Es ist unglaublich, was wir erreicht haben, was der Widerstand und der Protest bewirkt hat.“ Und dann kommt das große Aber. „Es reicht nicht. Angesichts der Krise, in der wir uns befinden, reicht das bei Weitem nicht.“

RWE an jeder Ecke

Deshalb wird Dresen weiter machen. Aber nicht nur für Lützerath. Am Tagebau denken die verbliebenen Bewohner:innen jetzt auch über ihre Zukunft nach. Denn auch wenn sie bleiben, sind es doch nicht mehr die gleichen Dörfer. Nur weil der Tagebau nicht bis an die Haustür kommt, heißt das nicht, dass RWE weg ist. Dem Konzern gehören die Nachbarhäuser, die Kirchen, die Kneipen, die umliegenden Felder. RWE ist auch ohne Tagebau an jeder Ecke.

Nach der Flutkatastrophe letzten Sommer hat der Konzern guten Willen gezeigt und einige der leerstehenden Häuser an Flutopfer vermietet. „Zwei Jahre waren wir allein in der Straße,“ erzählt Kieferndorf. Sie möchte ihre neuen Nachbarn behalten und auch die wollen bleiben. Aber die Mietverträge laufen im Oktober aus. Verlängerungen lehnt RWE mit Verweis auf den Leitentscheid ab. Dabei wird der Konzern kaum glauben, dass die Dörfer doch noch unter die Bagger kommen. Auf Anfrage erwidert der nur, er würde sich an den bisherigen Abbauplan halten, gültig sei nur der Leitentscheid und bis der nächste kommt, warten sie ab. Sprich: Für den Konzern läuft alles weiter, wie gehabt. Zumindest nach außen.

Auch von der Politik sind die Verbliebenen enttäuscht. Im Zuge der russischen Invasion in der Ukraine war der nordrhein-westfälische Ministerpräsident Hendrik Wüst einer der ersten, der lautstark eine Verlängerung des Kohleabbaus vorschlug, um sich von russischer Kohle unabhängig zu machen. In der Tagebauregion war das ein Schlag ins Gesicht. Die Erkenntnis hätte doch sein müssen, dass man sich von fossilen Energieträgern unabhängig machen muss. Selbst Christian Lindner sieht in den Erneuerbaren inzwischen „Freiheitsenergien“.

Um wessen Perspektive geht es hier?

„Niemand von der Stadt Erkelenz hat sich für unseren Einsatz bedankt. Man könnte ja auch sagen, ‚toll, ihr habt uns so viele Flächen erhalten, danke, dass ihr uns die Möglichkeit gebt, Dörfer neu zu gestalten. Lasst uns das zusammen machen.‘“ Dresen hat den Eindruck, für die Stadt wären die verbliebenen Bewohner:innen nur eine Last, ein Häufchen Dörfer, um die sie sich eigentlich nicht mehr hatte kümmern wollen.

Die Stadt streitet das zwar vehement ab, aber Aussagen des Bürgermeisters in einem Interview mit der Rheinischen Post, wonach die Dörfer für ihn umgesiedelt sind, tragen wenig dazu bei, Vertrauen zu stiften.

Dass NRW und RWE jüngst die Perspektive.Struktur.Wandel-GmbH gründeten, stiftet zusätzliches Misstrauen.Da über die Region Garzweiler noch nicht offiziell entschieden ist, findet sie sich zwar nicht in den Plänen der GmbH, Grüne Politiker:innen der aufgelisteten Regionen fürchten aber bereits, dass so die Milliarden für den Strukturwandel in den Taschen von RWE verschwinden könnten, ohne dass den Bewohner:innen vor Ort tatsächliche Perspektiven geboten würden.

Dörfer für die Zukunft

Dabei wäre viel möglich, wenn die Wünsche und Ideen der Dorfbewohner:innen ernst genommen würden. Immerhin sind sie es, die langfristig gut in ihren Dörfern leben wollen. Dresen ist Mitglied der Initiative „Zukunftsdörfer“. Nicht weniger als beweisen, dass auch Dorfleben zukunftsfähig und klimaneutral sein kann, haben sie sich vorgenommen.

Den ersten Schritt sind sie dabei bereits gegangen. Ausgerechnet bei der Stromversorgung. „Unser Ziel ist es, im Jahr mindestens so viel Strom zu erzeugen, wie wir selbst verbrauchen. Für das Dorf Keyenberg haben wir das bereits erreicht.“ Die Dörfer kooperieren mit Green Planet Energy, der Energie-Genossenschaft von Greenpeace. Auch Kieferndorfs Solarzellen in Kuckum werden Teil des Projekts.

Die Region am Niederrhein liegt eigentlich gut. Es ist ländlich, trotzdem sind Städte wie Köln, Düsseldorf und Aachen nicht weit – wäre da nicht die mangelnde Infrastruktur und der fehlende Nahverkehr. „Der Anreiz den Pkw zu nutzen ist sehr hoch.“ Dresen erzählt von einem Versuch, ohne Auto nach Köln zu kommen. „Das hat zwei Stunden gedauert. Mit dem Auto brauche ich eine halbe.“

Für einen Ausbau des ÖPNV vor Ort wären sie auf politische Unterstützung angewiesen. Solange der Betriebsplan für RWE noch steht, sind allerdings auch der Politik in der Region die Hände gebunden. Sie könnte nicht eingreifen, selbst wenn sie wollte. Und so beschränken sich die Überlegungen aktuell auf geteilte Lastenräder und ein E-Auto.

Auch die Landwirte müssten mitziehen, damit der Wandel zu Klimaneutralität klappt, dafür braucht es viel Überzeugungsarbeit und Kompromissbereitschaft. „Ich weiß zwar nicht warum,“ Dresen grinst beinahe, „aber irgendwie sind Landwirte meistens doch eher konservativ.“ Er muss es wissen, seine Familie lebt seit mindestens 200 Jahren in der Region und war bis vor wenige Generationen selbst noch in der Landwirtschaft tätig.

Ideenlosigkeit in der Stadtverwaltung

Der Initiative zufolge, habe die Stadt ihnen bereits mitgeteilt, dass sie den Dorfbewohner:innen keine Hoffnungen machen sollen, sie hätten große Möglichkeiten vor Ort mitzubestimmen. Gleichzeitig schreibt das zuständige Amt für Strukturwandel auf Anfrage, dass der Stadt durchaus an den Bewohner:innen in den sogenannten „Alt-Dörfern“ und deren Perspektive gelegen sei. Von dem Unmut der Dorfbewohner:innen darüber, von der Stadt in der Schwebe gelassen zu werden, will man dort allerdings nichts mitbekommen haben.

Auch Kieferndorf ist schwer enttäuscht. „Bis jetzt haben sich nur Politiker von den Grünen mit uns in Verbindung gesetzt und gefragt: ‚Was braucht ihr, was wünscht ihr euch?‘“

Hans-Josef Dederichs, der für die Grünen im Stadtrat in Erkelenz sitzt und selbst aus einem der Alt-Dörfer umgesiedelt ist, meint die Stadt hätte selbst keine Idee, was sie mit den Flächen und Dörfern machen soll. „Dabei ist das ein riesiger Gewinn für Erkelenz. Wir haben die einmalige Chance, hier etwas Neues zu machen, etwas ganz Anderes mit echter Bürgerbeteiligung.“

„Das sind unsere Dörfer“

Der Kampf hat sich gelohnt, findet Dresen. „Ob es reicht,“ sagt er, „ist eine andere Frage. Aber nichts tun ist keine Option.“ Er will sich auf jeden Fall nicht für den Rest seines Lebens damit befassen. „Ich möchte zurück und unterrichten.“ Die Auseinandersetzung mit den Jugendlichen habe ihm Spaß gemacht. „Die sind noch offen, haben Vorstellungen von dem, was Leben bedeutet. All das, was bei uns so falsch läuft und mit kapitalistischer Logik wegerklärt wird, war für die ‚einfach dumm‘. Die haben Bock zu überlegen: Was wollen wir mit dieser Welt machen?“

Weder mit RWE noch dem Bürgermeister von Erkelenz ließen sich solche Gespräche führen. Notgedrungen werden sie irgendwann miteinander reden müssen, aber wie? Die Dörfler haben schlussendlich gewonnen, aber mit der Menge an Arbeit vor ihnen, fühlt es sich noch nicht wie ein Sieg an.

„Es wurde immer über uns bestimmt, seit Jahren,“ sagt Kieferndorf. „Wir sind hier, wir bleiben hier, das sind unsere Dörfer und wir wollen endlich selber über unser Schicksal entscheiden.“

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