Niemand hat die Absicht, Kunst zu verdrängen

Berlin Art Week Eine Gruppenausstellung der in den Berliner Uferhallen arbeitenden Künstler:innen könnte für lange Zeit die letzte sein. Auf dem Areal soll gebaut werden
Mehrheitlich in Besitz einer Investorengruppe: Die Uferhallen in Berlin-Gesundbrunnen
Mehrheitlich in Besitz einer Investorengruppe: Die Uferhallen in Berlin-Gesundbrunnen

Foto: Uferhallen e.V.

Hinter dem Titel der Ausstellung On Equal Terms, auf Deutsch etwa „Zu gleichen Bedingungen“, müsste eigentlich ein Fragezeichen stehen, findet die Kuratorin Sophia Gräfe. Denn was aktuell mit den Uferhallen, einem dieses Jahr zentralen Standort der Berlin Art Week passiert, sieht nicht danach aus, als würden hier zwei gleichgestellte Seiten miteinander verhandeln.

Dieser Kunst-und-Kultur-Ort in Berlin-Gesundbrunnen ist wie so viele Gebiete in der Stadt zum Objekt von Immobilienspekulation geworden. Seit 2017 ist die Uferhallen AG, der das Areal gehört, mehrheitlich im Besitz einer Investorengruppe, die dort Wohnungen bauen will. Zwar wird immer wieder beteuert, die ansässigen Künstler:innen sollten bleiben dürfen und sowohl Bezirk als auch Senat setzten sich für sie ein. Doch bereits die Vorbereitungen für den Bau bereiten einigen Künstler:innen Probleme bei der Arbeit, und die Nachverdichtung auf dem Gelände wird unweigerlich zu Konflikten mit den neuen Nachbar:innen führen. Denn wer wohnt schon gern über einer Motorsäge oder einem Schweißgerät?

Die Uferhallen sind ein belebter Ort. Wer im Café direkt am Eingang sitzt, kann ein beständiges Kommen und Gehen beobachten. „Dort trifft man wirklich jeden, wenn man einen Tag lang da sitzt“, erzählt Gräfe. Manche der Ankommenden bleiben kurz stehen, halten ein Pläuschchen mit jemandem im Café und verschwinden dann auf einer Seite der großen Backsteinhalle im Zentrum des Areals in ihren Arbeitsräumen.

Pferdestall und Straßenbahn

Das Gelände wird seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts genutzt. Noch immer sind die Schienen sichtbar, die von der Badstraße in Richtung der Uferstudios nebenan laufen. Auch in der zentralen Halle sind sie noch sichtbar. Der Standort wurde als Depot für die Straßenbahnen geschaffen, die im 19. Jahrhundert einen Boom erlebten. In den Hallen wurden die Trams gewartet, repariert und später sogar die Motoren gebaut. Die erste Tramlinie Berlins fuhr am nahe gelegenen Gesundbrunnen ab und wurde zunächst noch von Pferden gezogen. Entsprechend gibt es auf dem Gelände immer noch den „Pferdestall“ – mit mehreren Etagen für die Unterbringung der Tiere, denn auch damals war Land in Berlin teuer, weshalb der Stall in die Höhe, nicht in die Breite wuchs.

Genau das teure Land ist den Uferhallen nun zum Verhängnis geworden. 2005 endete die Nutzung der Hallen durch die Berliner Verkehrsbetriebe. Hans-Martin Schmidt und Ingrid Jonda waren 2008 die Initiator:innen der Uferhallen AG und gaben den Anstoß dazu, den alten Betriebsbahnhof in einen Standort für zeitgenössische Kunst zu verwandeln. Die Sorge vor Immobilienspekulation hat den Atelierbetrieb von Beginn an begleitet. 2011 wurden deshalb die sogenannten Kunstaktien gestartet. „Wir haben mit den Kunstaktien versucht, die Eigentümerschaft an den Uferhallen zu diversifizieren und stärker zu streuen“, erzählt Hansjörg Schneider, der an der Aktion beteiligt war. Auch er hat sein Atelier auf dem Gelände und ist im Vorstand des Vereins der Uferhallen, der mit Investoren, Bezirk und Senat über die Bebauung verhandelt. Trotz der Kunstaktien ist es der Investorengruppe gelungen, sich eine Mehrheit an dem Areal zu sichern. Dass es zur Bebauung kommen würde, war damit im Prinzip klar.

In einer Stadt wie Berlin, in der Wohnraum eine echte Notlage darstellt, will sich niemand offen gegen die Schaffung von Wohnungen aussprechen. Auch die Künstler:innen vor Ort haben per se nichts dagegen, dass in der Nähe zu ihren Ateliers Wohnraum geschaffen werden soll. Allerdings fürchten sie, dass sie kein Mitspracherecht bekommen und schlussendlich ein Weiterbetrieb der Uferhallen als Kulturort erschwert, wenn nicht unmöglich gemacht wird. Denn über dem Mangel an Wohnraum scheinen einige zu vergessen, dass Stadtleben mehr beinhaltet als Wohnen und Arbeiten.

Die Kunst muss also vor Ort beweisen, dass sie ebenso Anspruch auf den hart umkämpften Raum hat wie ein Büro oder eine Wohnung. Gräfe beobachtet, dass das zu einer merkwürdigen Aneignung der Kommunikationsstrategien führt. Plötzlich wird der „Kreativwert“ bemessen und die Wertigkeit der Kunst hervorgehoben. Die Uferhallen müssen sich wie ein Produkt vermarkten. Durch die Aneignung dieser Form des Diskurses hat die Kunst eigentlich bereits verloren, weil sie sich der Logik des Kapitals unterwirft, außerhalb deren sie sich doch eigentlich befinden will.

Das Denken in ökonomischen Dimensionen ist ohnehin eng mit dem Kunstbetrieb verbunden. Wenn Listen für Ausstellungen erstellt werden, steht die Quantifizierung der Werke oft vor der inhaltlichen oder ästhetischen Qualität der Ausstellung. Förderanträge fragen nach der Anzahl der Werke, große Namen müssen beworben werden, damit das Publikum kommt.

Diese Fragen beschäftigen auch das Kurator:innen-Duo aus Sophia Gräfe und Arkadij Koscheew. Denn auch die Gruppenausstellung in den Uferhallen im Rahmen der Art Week reiht sich ein in dieses ökonomische Handeln. „Natürlich wollen die Künstler:innen ihre Arbeit zeigen,“ meint Gräfe, „gleichzeitig steigern diese öffentlich beworbenen Ausstellungen aber auch den Wert als Kulturort.“ Und stärken damit die Basis, von der aus die Künstler:innen für den Erhalt der Uferhallen als Raum für Kunst kämpfen können.

Um diese Fragen der Ökonomie dreht sich deshalb auch die Ausstellung, die Gräfe und Koscheew entwickelt haben. Auf den 1.000 Quadratmetern der großen Halle werden 26 Künstler:innen ihre Arbeiten ausstellen. Das Kurator:innen-Duo musste auch hier Entscheidungen treffen, darüber, welche der über 120 Künstler:innen mit Ateliers in den Uferhallen ausgestellt werden. Auch das beinhaltet eine Hierarchisierung und passiert nicht für alle „on equal terms“. Noch stehen in der Halle hauptsächlich Baugerüste. Zum Aufbau der Ausstellung, aber auch als Zeichen für die Veränderungen, die dem Raum bevorstehen.

Löcher im Denkmalschutz

Die Uferhallen waren von Beginn an Transformationen unterworfen. Der letzte große Ausbau ist inzwischen fast 100 Jahre her. Hansjörg Schneider kommt richtig ins Schwärmen, wenn er von dem Architekten Jean Krämer erzählt, der in den 1920ern das Gelände ausgebaut hat. Krämer ist verantwortlich für die Backsteinfassaden mit ihrer vertikalen Unterteilung durch schmale Bänder, die heute noch das Bild der Uferhallen bestimmen.

Überall auf dem Gelände sind auch die anschließenden Einschnitte zu sehen. In der großen Halle, in der die Ausstellung stattfindet, passen die Tore nicht ganz ins Bild. Sie wurden nachträglich eingebaut, höher und breiter als die alten. „Für die Doppeldecker, die nach dem Krieg die Straßenbahn ersetzten“, erzählt Schneider.

Wer um diese Halle läuft, entdeckt immer wieder Ecken, an denen der Backstein eine andere Farbe hat. Statt zu Dunkelrot tendiert er eher zu Orange. Mehrere Bombeneinschläge während des Zweiten Weltkriegs haben Teile des Geländes zerstört, das anschließend wieder aufgebaut wurde. Deshalb stehen diese Bereiche, anders als der Rest, nicht unter Denkmalschutz. Dort kann einfacher abgerissen und neu gebaut oder aufgestockt werden.

Der Umbau steckt aktuell noch im Bebauungsplanverfahren, denn die Öffentlichkeit muss bei einem solchen Vorhaben beteiligt werden. Doch die Investoren haben bereits Genehmigungen erhalten. An mehreren Stellen, die nicht denkmalgeschützt sind, darf bereits gebaut werden.

Auf dem Weg in Schneiders Atelier zeigen sich dann auch die ersten Maßnahmen. Direkt zwischen den Eingängen zu zwei Gebäudekomplexen wird in die Erde gebohrt. Testbohrungen, Vorbereitungen für den Bau. „Arbeiten ist in den angrenzenden Ateliers kaum noch möglich“, sagt Schneider. Keine Überraschung, der Lärm ist unerträglich. Künstler:innen, deren Ateliers vom Umbau betroffen sind, müssen umziehen. Ersatz für ihre Räumlichkeiten wurde noch nicht gefunden. Die Idee der Investor:innen: Überseecontainer auf dem Vorplatz. Doch darin lässt sich nicht arbeiten, meint Schneider. „Da bohrt man einmal zu weit, und schon ist der Container komplett unbrauchbar.“ Auch das Umziehen von Ateliers ist keine einfache Angelegenheit. Die Künstler:innen haben sich dort ihren Bedürfnissen entsprechend eingerichtet, um eine für sie gute Arbeitsatmosphäre zu schaffen.

Auch Hansjörg Schneider hat viel in seinem Atelier umgebaut, Zwischenwände eingezogen, Ablagen geschaffen, das Atelier quillt über von Werken, Materialien und Modellen. Auf einer kleinen Erhöhung steht eine Couch, die aussieht, als könne man darin gut versinken. Vom Fenster aus ist das angrenzende Dach erkennbar. „Dort soll der Turm hin“, sagt er mit Bezug auf die Baupläne. „13 Stockwerke, 46 Meter hoch.“ Die meisten Häuser in der Umgebung haben maximal fünf. Fragt sich, ob ein LKW noch durchkommt, um Werke für eine Ausstellung zu holen, wenn das Gebäude steht. Ob in den Ateliers dann noch gearbeitet werden darf, wenn die Belastung durch Lärm oder Emissionen zu groß wird.

Sie verstehen alle, wie groß die Wohnungsnot ist. „Wir wollen nur ein Mitspracherecht“, betont auch Schneider, ein Gespräch auf Augenhöhe. Die Ausstellung zur Berlin Art Week wird voraussichtlich für einige Jahre die letzte große Jahresausstellung der Uferhallen sein. Aus ökonomischer Sicht dürfte der Standort damit auch etwas von seinem „Wert“ verlieren, weil er kulturellen Einfluss verliert und damit einen Teil seiner Verhandlungsbasis.

On Equal Terms Uferhallen, 15. bis 25. September 2022

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