Effizient schweigen

Studieren An den Universitäten beginnt nun das dritte Digitalsemester. Zwar hat der Umstieg auf die Online-Lehre funktioniert – doch der soziale Raum ist weg
Effizient schweigen

Collage: der Freitag; Material: iStock, Getty Images

Als meine Mitbewohnerin eines Aprilmorgens mit klatschnassen Haaren aus dem Bad tritt, verkündet sie, sie habe Corona endlich etwas Positives abgewinnen können: „Man kann jetzt um zehn nach zehn aus der Dusche steigen und trotzdem pünktlich um Viertel nach zehn im Seminar sein.“ Das war im April 2020, zu Beginn der Pandemie also, als den Semestern noch Namen gegeben wurden, die nach Aufbruch und Abenteuer klangen: „Kreativ-Semester“ oder „Experimentiersemester“. Das darauffolgende Wintersemester sollte ein „Hybridsemester“ werden, aber dann kam der Lockdown light und wieder ein „Digitalsemester“. Für das nun beginnende dritte Pandemiesemester hat man sich die Namensgebung dann gespart. Normalität braucht keinen eigenen Namen.

Als digitales Studieren noch nicht Normalität war, sondern plötzlich Ausnahmezustand wurde, saßen meine Freundin Rino aus Japan und ich verwirrt über einer Liste für die Anforderungen eines literaturwissenschaftlichen Seminars an der Freien Universität Berlin. Von wegen Seminare mit nassen Haaren auf der Couch. Stattdessen hieß es Aufgaben erledigen, und zwar nicht zu wenig. Mehr Essays schreiben, nur dass wir das Material in den Bibliotheken dafür kaum beschaffen konnten. Diskussionen online schriftlich simulieren (funktioniert nicht wirklich). Haufenweise Kommentare zu Texten schreiben, schriftlich, was zuvor mündlich geschah; und auf die Kommentare der Kommiliton*innen reagieren. Schriftlich natürlich.

Und trotzdem funktionierte dann alles, irgendwie. Das hat viel mit der schon zuvor existierenden digitalen Infrastruktur zu tun. Mehr als 90 Prozent der Hochschulen in Deutschland nutzten schon längst sogenannte Lernmanagementsysteme (LMS), Plattformen, auf denen Dozierende und Studierende Material und eigene Arbeiten hochladen oder gemeinsam schriftlich kommentieren und diskutieren konnten. Die Notenvergaben liefen schon lange online, ebenso Kursbuchungen. VPN-Zugänge, um von zu Hause in Literaturkatalogen zu recherchieren, gab es ebenfalls vor der Pandemie. Eigene E-Mail-Programme und Clouds sind Standard.

Eher verblüfft stellten Rino und ich fest, wie viele Optionen diese LMS hatten, die vorher einfach noch nie zum Einsatz gekommen waren. Ich schreibe Rino und ich, weil ich nicht weiß, wie die anderen an unserem Institut die Digitalisierung erlebt haben. Wir haben sie ja nicht mehr getroffen. Wir sahen sie nur noch in Videokonferenzen, im neuen Kursformat.

Ein Fünftel fällt raus

Das Deutsche Zentrum für Hochschul- und Wissenschaftsforschung (DZHW) stellte in einer groß angelegten Umfrage fest, dass die Digitalisierung nicht nur bei uns gut klappte: Für drei Viertel der Studierenden fanden alle Kurse statt, wenn auch anders als ursprünglich geplant. Für Rino hatte das Online-Format zumindest einen klaren Vorteil: „Ich finde das Klima angenehmer“, sagte sie mir, „ich falle dort nicht als Ausländerin auf und habe das Gefühl, mich weniger erklären zu müssen.“

Es war ein erzwungenes Realexperiment, das erst jetzt langsam ausgewertet wird. Und wie sich zeigt, stehen Rino und ich mit unseren Erfahrungen keineswegs alleine da. Das haben sowohl interne Umfragen bei uns an der Uni als auch die erwähnte Studie des DZHW bestätigt, für die knapp 25.000 Studierende unterschiedlicher Fachrichtungen deutschlandweit befragt wurden. Über die Hälfte der Befragten gab an, dass ihr Studium in allen Bereichen, besonders aber im sozialen Austausch, schwerer geworden ist.

Zudem hat sich gezeigt, dass die Digitalisierung für eine gerechtere Teilhabe überhaupt nichts bringt, wenn die notwendige technische Ausstattung nicht vorhanden ist. Jede*r fünfte Studierende gab in der DZHW-Umfrage an, dass die Wohnsituation nicht geeignet ist, um zu Hause zu studieren. Diesen 20 Prozent, also einem erheblichen Anteil der Studierenden, wurde die Teilnahme durch die Digitalisierung erschwert. Die Einschränkungen, die weiterhin für die Universitäten gelten, erlauben es diesen Studierenden auch nicht, die technisch ausgestatteten Arbeitsplätze auf dem Campus zu nutzen. Obwohl hier bessere Hygienebedingungen eingeräumt werden könnten als in so manchem Großraumbüro.

Und dann ist ein Webinar eben nicht das Gleiche wie ein Seminar in den Universitätsräumen. Wenn ich mich per Link in die Konferenz einlogge, kann ich meine Kommiliton*innen sehen – zumindest diejenigen, die ihre Kamera einschalten. Wir könnten uns natürlich grüßen. Wir könnten über das Wetter reden oder über Politik diskutieren, über Impfpläne und Elternbesuche, bis der Kurs wirklich beginnt, aber wir tun es nicht. Wir winken uns höchstens kurz zu, und dann schweigen wir. Fünf Minuten. Oder zehn Minuten. Nach dem Seminar klicken sich alle weg, Wäsche aufhängen, Abendessen machen, Geschirr spülen. Oder schon während des Seminars. Die Vorlesung lässt sich so auch gut unter der Dusche verfolgen. Oder beim Kochen. Oder Aufräumen. Wie effizient.

Es ist ein merkwürdiger sozialer Raum, der entsteht. Während auf der einen Seite die persönliche Distanz zunimmt, lässt man seine Dozierenden irgendwie doch in die eigene Wohnung, Universität und privater Raum werden zu einem. Durch die verschwommenen Grenzen kommentieren Dozierende schon mal nicht nur das akademische, sondern auch private Verhalten. Vor laufender Kamera verkündet eine Professorin meiner Kommilitonin: „Ihr Nikotinkonsum gibt mir zu denken.“ Unangenehm, wenn über 20 Leute zuhören.

Und während die Universitäten ihre digitale Infrastruktur ausgebaut haben, hinkt die Internetverbindung in Deutschland mancherorts hinterher. Eine halbe Sitzung konnte ich meiner Kursleiterin beim Tippen in den Chat zusehen, weil ihr Bild zwar übertragen, der Ton aber abgeschnitten wurde. Pantomimen-Show: Eine Figur hebt zwischendurch erwartungsvoll den Kopf und blickt in die Kamera, acht Augenpaare fliegen sofort in die rechte untere Ecke, hochgehaltene Daumen erscheinen kurz darauf auf dem Bildschirm.

Gespräche nur zu zweit oder in kleineren Gruppen, wie man sie gewohnt vor dem Seminar führt, während des Seminars oder danach, gibt es seit Corona nicht mehr. Kein gemeinsamer Kaffee zwischen den Veranstaltungen, um die Sitzung Revue passieren zu lassen, Dinge anzusprechen, für die keine Zeit geblieben ist, Kritik zu entwickeln. Kein Austausch über Verständnisschwierigkeiten, offene Fragen. Wirklich kennengelernt habe ich seit der Pandemie niemanden. Über 80 Prozent der Studierenden spüren, dass hier etwas fehlt.

Die Fachschaften versuchen inzwischen dagegenzusteuern und halten online „Kneipenabende“ ab. Sobald mehr als fünf Leute im virtuellen Raum sind, kann das aber auch schwierig werden.

Den Dozierenden geht es dabei nicht anders als ihren Studierenden: „Ich habe mir meinen Berufseinstieg jetzt auch nicht so vorgestellt, dass ich kaum jemanden kenne und auch kaum jemanden am Institut sehe“, sagt Thore Walch, seit April 2020 wissenschaftlicher Mitarbeiter der Theaterwissenschaften an der FU. Eigentlich hätte er im ersten Pandemiesemester sein erstes Seminar gegeben, aber dann: Lockdown.

Elf Stunden Zoom

Auch Walch stellt fest, dass sich unter den Studierenden unter diesen Bedingungen keine richtige Gemeinschaft bilden lässt. Die Diskussion funktioniert zwar über die Webcam und die Studierenden seien durchaus aktiv dabei, „aber alles läuft viel stärker über mich. Es kommt kaum zu Gesprächen zwischen den Studierenden. Direkt kurz auf eine Aussage zu reagieren, sich eben argumentativ rechtfertigen, ist im digitalen Raum nicht möglich, wenn man nicht vorher drangenommen wird.“ Im kommenden Semester, in dem ersten ohne Pandemie-Namen, möchte er ein soziales Element in sein Seminar einweben. Mehr Zeit für Gruppenarbeit etwa, mehr Raum für Smalltalk, für Berichte über Theater-Erlebnisse.

Unterdessen werden unsere Augen so komisch, Rinos und meine, und vielleicht ja auch die der anderen. Wenn wir uns nach Stunden der Block-Sitzungen vor unseren Bildschirmen in der WG-Küche treffen, definieren unsere erschöpften, müden Gesichter, was unter dem Neologismus „overzoomed“ zu verstehen ist. Elf Stunden war der bisher längster Zoom-Tag meiner Mitbewohnerin Eva. Konzentration und Motivation verschwinden dabei schnell, spätestens aber nach zwei Stunden. Nach fünf Stunden ist der Kopf eigentlich dicht.

Eva hat andere Erfahrungen als Rino und ich: Sie studiert Sound, an der Filmhochschule Babelsberg. Als Studentin eines praxisorientierten Studiengangs ist sie mit am stärksten von den Einschränkungen an den Universitäten betroffen. Das Studio in Babelsberg darf nur in Ausnahmefällen für Abschlussprojekte genutzt werden. Die Theorie wird den Studierenden weiterhin vermittelt, aber die praktischen Übungen, die zur Ausbildung in „Sound“ wohl unweigerlich dazugehören, bleiben fast gänzlich auf der Strecke. Dabei sind sie nur neun Leute in ihrem Studiengang, „lächerlich“ findet Eva diese Einschränkungen.

Und was kommt nun nach dem Studium? Nach dem dritten Online-Semester ist die Hälfte eines Bachelor-Studiums in Regelzeit um. Ohne praktische Erfahrung. Wie also weitermachen? Für den Masterstudiengang fühlt Eva sich nicht angemessen vorbereitet. Praktika und Netzwerken sind während der Pandemie nicht möglich und die Jobs, die „nach der Pandemie noch übrig sind“, wie sie sagt, gehen wohl eher an diejenigen, die schon einmal fest im Beruf standen. „Meine Sorge ist, dass die Situation für Neueinsteiger sehr schwierig werden kann.“ Und das ist wieder eine Sorge, die nicht nur Studierende praxisorientierter Fachbereiche betrifft.

In der DZHW-Studie geben zwar 40 Prozent der Studierenden an, mit dem erworbenen Wissen zufrieden zu sein, knapp ein Drittel hat allerdings den Eindruck, dass zu wenig vermittelt wurde. Vor Ausbruch der Pandemie bewerteten in Umfragen noch fast 80 Prozent der Studierenden ihren Wissenserwerb positiv.

Wie eine Ausnahmesituation fühlt sich die digitale Universität inzwischen nicht mehr an. Vonseiten der Politik scheint es, als hätte der erfolgreiche Digital-Umzug sie davon überzeugt, dass wir schon klarkommen werden, irgendwie. Eine einfache Anweisung schafft den sozialen Raum Universität ab: Präsenzlehre bis auf wenige Ausnahmen weiterhin einstellen.

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06:00 12.04.2021
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