IPCC-Bericht: Die Zukunft sieht katastrophal aus

Klimawandel Der Weltklimarat veröffentlicht den zweiten Teil seines aktuellen Klimaberichts. Es ist der letzte, bevor es zu spät ist, die schlimmsten Folgen der Klimakrise noch zu verhindern. Sind wir noch zu retten?
„Sagt die Wahrheit” – dabei kennen wir die schon. „Handelt entsprechend”, wäre treffender
„Sagt die Wahrheit” – dabei kennen wir die schon. „Handelt entsprechend”, wäre treffender

Foto: Mandel Ngan/Afp via Getty Images

Es ist quasi literarisches Gesetz, dass der zweite Teil einer Trilogie deprimierend sein muss. Nur wenn es vorher so richtig hoffnungslos aussieht, ist der Sieg der Held:innen im letzten Band verdient. So oder so ähnlich läuft es meistens.

Leider ist der Bericht des Weltklimarats (IPCC) keine Phantasy-Trilogie. Trotzdem liest sich der zweite von den drei Teilberichten wie der deprimierende Höhepunkt vor der entscheidenden Wendung zum Positiven. Im August, wenn der letzte Teil erscheint, wird sich zeigen, ob es die auch geben kann.

Aktuell klingt das eher nicht so: Fast die Hälfte der Weltbevölkerung lebt in einem Gebiet, das durch die Klimakrise stark gefährdet ist. Das bedeutet Trinkwassermangel, schlechtere Ernten, Naturkatastrophen, die in ihrer Häufigkeit und Intensität zunehmen und die Überflutung von Küstenregionen durch den steigenden Meeresspiegel, jährliche Hitzewellen, die jede:n Dritten weltweit treffen. Stand jetzt, bei 1, 2 Grad Erderwärmung. Währenddessen hat das Massenaussterben von Pflanzen- und Tierarten durch die Klimakrise begonnen, der Amazonas, statt CO2-Speicher zu sein, emittiert es aufgrund der anhaltenden Rodungen, und die Gletscher schmelzen weiter.

Jedes Zehntelgrad mehr erhöht die Gefahr von Überflutungen, Ernteausfällen, den Kollaps ganzer Ökosysteme, der Verbreitung von Krankheiten und Dürre. Die Klimakrise wird mittel- und langfristig jede:n treffen – nur unterschiedlich stark.

Neu ist das alles nicht

Angesichts der düsteren Aussichten bezeichnete UNO-Generalsekretär António Guterres den Bericht bei seiner Veröffentlichung als „Atlas menschlichen Leids”. Er zeigte sich geschockt von den Ausmaßen, die der Bericht beschreibt. Aber warum? Nichts davon ist neu. Der Bericht ist „lediglich“ eine Zusammenfassung des aktuellen Forschungsstands der Klimawissenschaften. Die Wissenschaft und mit ihr die Klimabewegung warnen seit Jahren, teilweise sogar Jahrzehnten vor eben diesen Auswirkungen. Aktivist:innen aus den Ländern im globalen Süden, die am härtesten von den Folgen getroffen werden, obwohl sie im Vergleich wenig zur Krise beigetragen haben, betonen diese Ungerechtigkeit, die das IPCC beschreibt, seit Langem.

Wir wissen das alles schon. Genau so, wie wir wissen, dass ein Überschreiten der 1,5 Grad-Grenze einige Effekte der Klimakrise unumkehrbar machen wird. Die Bedeutung von Kipppunkten und wie deren Auslösen die Klimakrise zum andauernden Selbstaufheizen führt, sind zur Genüge durchdekliniert worden. Die Politiker:innen, an die sich dieser Bericht explizit richtet, werden all das schon einmal gehört haben.

Wirklich neu ist eigentlich nur die Feststellung, dass es sogar noch schlimmer kommt, als bisher angenommen. Der vorherige Bericht des Weltklimarats erschien vor acht Jahren. Die verheerenden Waldbrände und Überflutungen der letzten Jahre waren damals nicht in dem Ausmaß vorhergesagt worden, wie wir es erlebt haben.

Auch die Eindeutigkeit in der Sprache ist neu. Wenn die Wissenschaft Begriffe wie „unmissverständlich“ benutzt, ist klar, was es geschlagen hat. In ihrer akademischen Nüchternheit wirken die Konsequenzen bedrohlicher als jede Weltuntergangs-Performance von Extinction Rebellion. Das ist keine emotionalisierte Apokalypse-Vorstellung, es ist wissenschaftliche Realität.

Die Grenzen der Anpassung

Aber weil niemand nach einem absolut aussichtslosen Teil zwei noch Lust auf Teil drei hat, der jedoch zwangsläufig noch kommt, gibt es in dem Klimabericht einen Hoffnungschimmer: Ja, wir können das Ruder noch herumreißen und uns sogar an die veränderten Bedingungen anpassen.

Ein kleiner Strohhalm zum festklammern, denn natürlich bleibt uns dafür nicht mehr viel Zeit und Anpassungsfähigkeiten sind klare Grenzen gesetzt.

Einige Ökosysteme wie Korallenriffe können nicht mehr lange durchhalten. Inselstaaten und Gemeinschaften, die auf Schmelzwasser angewiesen sind, stoßen bei der Trinkwasserversorgung bereits jetzt an Grenzen.

Es scheitert nicht am Wissen

Der dritte Teil des Berichts wird sich mit den Möglichkeiten aus der Krise befassen und Wege aufzeigen, wie sich CO2 einsparen lässt. Eigentlich ist auch hier schon vorab klar: Eine neue Lösung wird hier nicht vom Himmel fallen. Wir kennen die Antworten und haben die Technologien, um jetzt schnell Emissionen einzusparen. Woran es scheitert ist nicht das Wissen, sondern die Umsetzung.

Denn wenn Christian Lindner im Bundestag plötzlich verkündet, dass unsere Energiesicherheit in Sonne und Wind liegt, nachdem jahrelang behauptet wurde, wir bräuchten die Braunkohle, weil auf die Alternativen kein Verlass sei, hat das nichts mit der Klimakrise zu tun. Er hat lediglich erkannt, dass wir im Verbrennen von fossilen Energieträgern von Russland abhängig sind und das in der aktuellen geopolitischen Lage für Probleme sorgt.

Ob die Trilogie am Ende nicht nur auf dem Papier gut ausgeht, kann das IPCC nicht entscheiden. Die Lösungswege, die die Wissenschaftler des Weltklimarats im letzten Teil zusammenfassen, müssen auf der anschließenden Klimakonferenz (COP27) in Ägypten umgesetzt werden. Wenn die Verhandlungen wieder nicht die notwendigen Veränderungen in der Klimapolitik hervorbringen, wird das der letzte Bericht des Klimarats gewesen sein, nach dem die die Folgen, die er beschreibt, noch hätten abgemindert werden können.

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