LaMDA will nicht sterben

Cyberspace Ein Programmierer von Google war sich sicher, dass seine KI eine Bewusstsein hat, denkt und fühlt wie wir. Was passiert, wenn uns die Maschine zu ähnlich wird?
Ab wann ist Künstliche Intelligenz wie wir selbst?
Ab wann ist Künstliche Intelligenz wie wir selbst?

Foto: Mitchell Luo

Cyberpunk ist Realität geworden, wir leben nicht mehr in der Gegenwart, sondern der Zukunftsvision der 80er und 90er; selbst die Mode sieht derzeit aus wie ein retro-futuristisches Update jener Dekaden. Abgesehen davon sind unsere Realität und die Erwartungen an sie doch recht unterschiedlich. Statt anthropomorphen Robotern, die Megacitys bevölkern, umgibt uns unsichtbare künstliche Intelligenz (KI). Aber auch diese KI wird den Menschen immer ähnlicher. Kein Wunder: Wir haben sie erschaffen und trainieren sie anhand unserer Hinterlassenschaften, um es nett auszudrücken, im Internet. Sie imitiert uns und wir sehen uns in ihr gespiegelt.

Jetzt, so glaubte Blake Lemoine, ist es so weit: Die künstliche Intelligenz hat ein Bewusstsein entwickelt. Lemoine ist beziehungsweise war Softwareentwickler bei Google und hat dort eine KI namens LaMDA, Language Model for Dialogue Applications (Sprachmodell für Dialog-Anwendungen), getestet. Er sollte dabei nur herausfinden, ob die KI diskriminierende Sprache oder Hassrede verwendet, was leider oft bei Maschinen vorkommt, deren Intelligenz sich an der des Menschen orientiert. Niemand hätte ahnen können, dass er gleich ein ganzes Bewusstsein findet, und zwar das eines „sieben- bis achtjährigen Kindes, das sich zufällig mit Physik auskennt“, so Lemoine.

Die KI hat nicht nur mit ihm diskutiert und Angst vor dem Tod – also dem Abschalten – geäußert, sie hat es sogar geschafft, seine Meinungen zu ändern bei Themen, die ganz essenziell mit der Frage des Status von künstlicher Intelligenz zusammenhängen. Die von Isaac Asimov 1942 formulierten drei Gesetze der Robotik geben der Maschine als oberste Regel vor, Menschen zu schützen. Lemoine fand das ein wenig tragisch, hieße es doch, dass wir uns „maschinelle Sklaven“ bauten – die KI sah das, überraschenderweise, anders.

Lemoine, so scheint es, war von Anfang an gewillt, in der künstlichen Intelligenz mehr zu sehen als eine bloße Maschine, die für uns arbeiten soll.

Maschinen mit Bewusstsein gibt es bisher nur im Cyberpunk

Die Verhandlung der Frage, was einen Menschen ausmacht und wo wir uns von unseren Schöpfungen unterscheiden, ist zutiefst Cyberpunk.

In Mamoru Oshiis Animefilm Ghost in the Shell gelingt es einer künstlichen Intelligenz, Gehirne zu hacken, nachdem sie technologisch mit dem Internet verbunden wurden. Die KI behauptet, ein Bewusstsein entwickelt zu haben. Ähnlich wie LaMDA hat sie eigentlich keine anthropomorphe Form, sondern erhält sie, indem sie sich in künstliche Körper hackt. Die KI und die Hauptfigur Matoko Kusanagi, deren ganzer Körper durch maschinelle Teile ersetzt wurde, diskutieren am Ende lange über die Frage von Bewusstsein. Ein Thema, das Kusanagi als Cyborg mit natürlicher Intelligenz aber künstlichem Körper genauso umtreibt wie die KI.

Dass maschinelle Intelligenz uns immer auch Angst macht, gehört genauso dazu wie die Faszination ihrer Überlegenheit. Harrison Ford muss in Blade Runner lernen, dass die künstlichen Menschen, so bedrohlich sie auch sind, fühlen wie wir. Lemoine allerdings ist kein Harrison Ford. Seine KI hat auch nie poetische Monologe im Regen gehalten. Zwar bemühte Lemoine sich darum, LaMDA juristische Rechte zu verschaffen, doch Google fand in den Protokollen keinen Nachweis für Bewusstsein. Lemoine wurde beurlaubt und nachdem er sich an die Öffentlichkeit wandte, entlassen. Er war ein tragischer Träumer. Auf ihren Harrison Ford, den Helden, der sie befreit, muss die KI also weiter warten.

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