Mehrheitlich männlich

Wikipedia Die Online-Enzyklopädie hat ein Repräsentationsproblem, das die meisten Chefetagen fortschrittlich wirken lässt
Ausgabe 45/2019
Das sogenannte Kuhfladen-Bingo in Flandau. Relevanter als so manches feministisches Kollektiv, laut Wikipedia
Das sogenannte Kuhfladen-Bingo in Flandau. Relevanter als so manches feministisches Kollektiv, laut Wikipedia

Foto: Imago Images/Horst Rudel

Dass der Feminismus generell an allem schuld ist und Männer von Frauen unterdrückt werden, sollte inzwischen allgemein bekannt sein. Ist es aber leider nicht, glaubt eine Gruppe Maskulinisten. Deshalb rücken sie auf wikiMANNia, der misogyn-rassistischen Alternative zu Wikipedia, das von Frauen kontrollierte falsche Weltbild, das auch die offizielle Version des Onlinelexikons propagiere, zurecht.

Die Maskulinisten können jedoch unbesorgt sein. Feministische Themen kommen bei Wikipedia nämlich gar nicht gut an. Der Artikel zum Feel Tank Chicago, einer queerfeministischen Performance-Gruppe, wurde zum Löschen vorgeschlagen. Der Vorwurf: irrelevant. Ähnlich erging es dieses Jahr einer Liste über deutschsprachige Sci-Fi-Autorinnen. Zum Vergleich: Als relevant erachtet Wikipedia Bauchnabelfussel, die Abrollrichtung von Toilettenpapier und Kuhbingo.

Wikipedia hat ein Repräsentationsproblem, das die meisten Chefetagen fortschrittlich wirken lässt. Einer Umfrage der Wikimedia-Stiftung zufolge sind zehn Prozent der aktiv Beitragenden Frauen. Die Richtlinien zur Qualitätsprüfung der Plattform betonen, wie wichtig Objektivität sei. In der Auswahl der Themen und Artikelinhalte ist die Seite aber von den subjektiven Interessen der Editierenden abhängig. Für eine Seite mit der Konzeption von Wikipedia heißt das, dass Artikel über Frauen oder Themen, die sich an Frauen richten, unterrepräsentiert sind. Regelmäßig werden entsprechende Artikel zur Löschung vorgeschlagen oder stark gekürzt. Der Umgangston in den Diskussionsforen ist oft schroff und herabwürdigend.

Obwohl Wikipedia sich dieser Probleme bewusst ist, sie öffentlich anspricht und betont, die Situation ändern zu wollen, hat sich an der Zahl der Autorinnen nicht viel getan. Deshalb nehmen es immer mehr Frauen selbst in die Hand und organisieren sogenannte Edit-a-thons. Eine solche feministische Schreibwerkstatt organisierte etwa der Verein texture am 26. Oktober in Berlin-Kreuzberg. In einem dunklen Raum, die Gesichter nur von den Laptops erhellt, schrieben und bearbeiteten die Teilnehmerinnen Wikipedia-Artikel, deren Fokus auf Frauen und frauenspezifischen Themen liegt.

Sowohl der Beitrag zum Feel Tank Chicago als auch die Liste deutschsprachiger Sci-Fi-Autorinnen haben die Qualitätsprüfung inzwischen überstanden. Gebraucht hat es lange Diskussionen und eine Änderung der Texte entlang der fadenscheinigen Relevanzkriterien, erstellt von den mehrheitlich männlichen Autoren auf Wikipedia.

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