Beißt überraschend stark in der Nase

Performance Ungleichheit sehen, sich empören und zum Alltagstrott übergehen: So leicht machen Nuray Demir und Minh Duc Pham es dem Publikum ihrer Performance „Semiotiken der Drecksarbeit“ nicht
Die Künstler bauen Skulpturen aus Plastikstühlen und machen dann erstmal Pause
Die Künstler bauen Skulpturen aus Plastikstühlen und machen dann erstmal Pause

Foto: Dorothea Tuch

Sie tragen blütenweiße Nike-Sneaker oder halb eingelaufene Doc Martens, und sie sind hier, um zuzusehen. Der überwiegend weiße, gut gebildete und offensichtlich gesellschaftskritische Nachwuchs der Mittelschicht – sonst wären sie nicht hier – sitzt im Saal der Studiobühne des Berliner Theaters Hebbel am Ufer und erwartet, in seiner Kritik an den Verhältnissen der deutschen Gesellschaft bestätigt oder weitergebildet zu werden.

Doch Nuray Demirs Semiotiken der Drecksarbeit wird es ihnen nicht so einfach machen. Angekündigt ist eine Performance, in der die Rolle der Arbeitsmigrant:innen in Deutschland verhandelt wird: Wie die erste Generation unsichtbar den Dreck der Dominanzgesellschaft beseitigt hat und wie auch die zweite Generation, die der Performer:innen, immer noch damit beschäftigt ist, in deutschen Institutionen aufzuräumen. Auch wenn der Dreck, den sie beseitigen, ein anderer ist.

Wer im Rampenlicht sitzt

Zu Beginn wirkt es, als bekäme das Publikum, was es haben wollte: Demir kommt mit Putzeimer und Mopp bewaffnet in den Saal und wischt die Stufen. Der Allzweckreiniger beißt überraschend stark in der Nase. Es scheint eine Performance zu werden, in der das Publikum zusieht, wie ungleich unsere Gesellschaft ist, sich anschließend bei einem Glas Wein darüber aufregen kann und dann zurück in den Alltagstrott geht. Findet man selber blöd, kann man jetzt aber auch nicht ändern. Gut fühlen, weil man auf der richtigen Seite steht, kann man sich trotzdem.

Die Fragen nach der Klassengesellschaft und rassistischer Ausgrenzung werden seit einigen Jahren endlich breit in der Kunst und an den Universitäten diskutiert. In Hörsälen wird „die soziale Frage“ gestellt und Romane, die das Leben der Arbeiterklasse schildern, werden Bestseller. Doch während sich ein Roman zuschlagen lässt und eine Distanz zwischen der Welt der (wahrscheinlich) komfortabel situierten Leser:innen und den prekär beschäftigten Figuren bestehen bleibt, verweigern Nuray Demir und Minh Duc Pham dem Publikum ebendiese Flucht in die teilnahmslose Beobachtung.

Denn plötzlich sitzt es selbst im Rampenlicht. Dem Blick der Performer:innen ausgesetzt, wird es nervös. Unbehaglich rascheln Kleider in dem Versuch, sich umzusehen oder wenigstens wegzusehen, aber wer mitten im Rampenlicht sitzt, sieht nichts. Irgendwo fällt klirrend eine Flasche um. Die Konfrontation mit der eigenen Rolle, die viele von uns so schön verdrängen, macht nervös. Wir sind eben nicht unbeteiligte Zuschauer:innen dessen, was auf der Bühne performt wird.

Darin liegt die Stärke von Semiotiken der Drecksarbeit: Die Performer:innen lassen uns nicht davonkommen. Sie werden uns auch nicht einfach erklären, wie „Drecksarbeit“ aussieht und was sie mit einem macht.

Immer wieder wechseln sich zwei Sequenzen ab. In der einen wird choreografiert aufgeräumt oder aufgebaut. In der Mitte der Bühne liegen weiße Monobloc-Plastikstühle auf einem weißen Quadrat achtlos aufeinandergeworfen. Die werden erst fein säuberlich am Rand gestapelt, dann skulptural zu einer Stuhlpyramide aufgebaut, schließlich wieder abgebaut und neu zu Türmen arrangiert. Zwischendrin machen Demir und Pham Pause. Eingeengt sitzen sie auf ihren Monobloc-Stühlen auf einem Rollbrett. Das Brett ist nicht groß genug, um Raum zwischen ihren Knien zu lassen, wenn sie sich gegenübersitzen. Sie sprechen nicht, tauschen sich ausschließlich in vertrauten Gesten aus. Demir kämmt und flicht Phams Haare, sie trinken gemeinsam Tee, betrachten die Monobloc-Skulpturen und gehen dann zurück an die Arbeit.

Als sie schließlich die Stühle in das Quadrat hineinstapeln, kommt das einem Akt der Selbsteinschreibung gleich. Die Performer:innen eigenen sich den Raum, den sie vorher aufgeräumt haben, an. Sie sitzen oben auf den Stuhltürmen, knacken Sonnenblumenkerne und werfen die Schalen auf den Boden. Dort bleiben sie als wachsender Haufen schwarzer Punkte liegen. Über wenig können sich deutsche Spießer:innen dermaßen aufregen wie über diese Schalen auf dem Boden.

Die Putzkittel, die sie beim Aufräumen trugen, haben sie zu dem Zeitpunkt abgelegt. Und trotzdem tragen sie in dem Raum, den sie sich selbst angeeignet haben, immer noch eine Rolle, die ihnen zugeschrieben wird: die der Respräsentant:innen einer anderen Kultur.

Am Ende wird es nochmals ungemütlich für das Publikum. Demir und Pham stehen auf, packen die Tüte Sonnenblumenkerne ein, fahren ihren Putzwagen über die Bühne und sind weg. Der Zuschauerraum war ohnehin nicht wirklich dunkel, also kann das Licht nicht angehen, um das Ende der Performance anzuzeigen. Einige Minuten schweigen alle, dann beginnt das Rascheln und vorsichtige Umsehen. Als schließlich jemand klatscht, lachen viele erlöst auf. Doch die Performer:innen kommen nicht für eine Verbeugung zurück.

Info

Semiotiken der Drecksarbeit von Nuray Demir mit Minh Duc Pham ist eine Koproduktion des Berliner HAU, des Mousonturm in Frankfurt am Main und der Gessnerallee Zürich

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