Platte Füße, glücklich

Anstehen Der Wert einer Ware bemisst sich darin, wie lange man Zeit hat, für sie anzustehen. So wie für einen Pulli von Supreme
Kaum zu glauben, aber diese Leitkegel sind nach einer aufwendigen Überarbeitung der Markenstrategie zusammen 1.200 Euro wert
Kaum zu glauben, aber diese Leitkegel sind nach einer aufwendigen Überarbeitung der Markenstrategie zusammen 1.200 Euro wert

Foto: Mike Kemp/In Pictures/Getty Images

Sie sind jung, tragen Streetwear, monoton schwarz-weiß, die Fannypacks schützend vor den Bauch geschnallt. Sie versuchen, möglichst gelangweilt zu gucken, die Leute, die vor der König Galerie, in einer Seitenstraße in Berlin-Kreuzberg, Schlange stehen. An diesem Abend wird keine Vernissage gefeiert und man redet auch nicht über Kunst. Man steht an. Es sind bestimmt fünfhundert Menschen, eingepfercht zwischen rot-weißen Absperrgittern, wie man sie sonst eher von Demonstrationen kennt. Sie warten auch nicht vor der Galerie, sondern vor dem kleinen Laden des Magazins 032c, der an sie angeschlossen ist.

Wofür der Aufwand, Sicherheitspersonal eingeschlossen? T-Shirts. Echt? Nicht irgendwelche T-Shirts. Entworfen wurden sie von Kanye West zum Tourstart seines Albums The Life of Pablo (2016), sie sind stark limitiert und wurden deutschlandweit nur an einem Tag in nur diesem einen Laden verkauft. Aber sie stehen nicht nur für die gleichen T-Shirts an, viele tragen sie bereits, fast wie eine Uniform, nur von einer anderen Marke, einer Streetwear-Marke, die ursprünglich aus der Skaterkultur kommt und bei der das Anstehen zu einer Disziplin erhoben wurde: Supreme.

James Jebbia, ein Skateshop-Inhaber, hat das 1994 entstandene Label gegründet, das mittlerweile eine Milliarde US-Dollar wert ist. Die Schlangen vor dem Supreme-Store in London bestehen vor allen Dingen aus Jugendlichen und jungen Erwachsenen, aufgewachsen zwischen Mittel- und Oberschicht, die hier ihr Taschengeld oder den Studienkredit von Papa verpulvern möchten. Dafür müssen sie bis um den nächsten Block anstehen, vier Stunden gelten als erwartbare Wartezeit.

Wer es in den Laden schafft, darf maximal ein Teil kaufen, nur einen Pullover und ein T-Shirt, niemals zwei davon. Hoch im Kurs sind T-Shirts, die auch viele der Wartenden vor der König Galerie tragen, weiß mit rotem Balken, auf dem der Markenname steht. Das ikonische Box-Logo-Shirt. Im eigenen Store gibt es sie so gut wie nie zu kaufen. Er treibt die Leute in die Schlangen, der Hype. Ein Begriff, der ursprünglich aus der Werbung stammt und eine Strategie benennt, die eine Ware künstlich mit Bedeutung auflädt, um die Nachfrage über das Erwartbare hinaus zu steigern. Das Begehren des Gegenstands wird so bedeutungsvoller als der Gegenstadt selbst.

Dabei hat das Label nie Geld in Werbung investiert. Die Schlangen vor den Geschäften in London, Paris, New York, L.A. und Tokio generieren sich weitestgehend aus künstlicher Verknappung, die den Artikeln und ihren Käufern einen roten Stempel der Einzigartigkeit aufdrückt. Nicht jeder kann die rote Box tragen, sondern nur die, die genug Zeit und Geld mitbringen können.

In London nahm der Supreme-Hype zwischenzeitlich solche Ausmaße an, dass die Stadtverwaltung drohte, die Filiale dichtzumachen. Vor dem Laden standen zeitweise Bodyguards und Einlasskontrollen.

Auch vor H&M standen mal Schlangen, weil dort exklusive Designerkollaborationen angeboten wurden, die sich möglichst viele leisten können sollten. Supreme kreiert – ganz im Gegensatz dazu – eine neue Exklusivität, die sich nicht mehr nur nach dem Preis richtet, sondern auch nach der Möglichkeit, mehrere Stunden an einem Donnerstag, wenn die neuen Teile eintreffen, mit Warten verbringen zu können.

Getragen wird Supreme oft von Rappern, Basketballspielern oder Influencern. Der amerikanische Comedian Hasan Minhaj umschreibt das Gefühl, sich für Sneaker anzustellen, so: „Für 150 Dollar konnte ich wie Mike (Michael Jordan) sein.“

Ziegelstein mit Logo

Bereits zu Minhajs Jugend basierte das System von luxuriöser Streetwear auf den sogenannten Drops (deutsch: etwas fallen lassen): An einem bestimmten Tag bringt das Label neue Entwürfe in die Läden. Da werden einzelne Artikel in geringer Stückzahl zum Verkauf angeboten. Die Daten, Preise und Orte werden über Plattformen wie HypebeastundHighsnobiety geteilt. Eine Anleitung, wie das System funktioniert, liefern sie gleich mit: „Die Stores in London und New York haben damit begonnen, ein Vor-Schlangen-System zu nutzen, bei dem sich Kunden auf einer anonymen Mail-Liste registrieren und am Montag zu einem anderen Ort gehen müssen, um einen Platz in der Donnerstag-Schlange zu erhalten.“ Eine Schlange für die Schlange.

In Williamsburg, dem New Yorker Viertel, in dem der Hipster angeblich geboren wurde, hat man an solchen Tagen schon zwei Warteschlangen vor dem Supreme-Geschäft beobachtet: eine direkt vor dem Laden und eine in etwa 80 Meter Entfernung.

In der Schlange vor der König Galerie in Berlin konnte auch ich erfahren, wie schnell man sich von der Begeisterung der Anhänger der Ansteh-Kultur anstecken lassen kann. Weshalb ich am Ende den Laden nicht nur mit den versprochenen Sachen für verreiste Freunde, sondern auch mit einem eigenen Pulli verließ.

Die Schlange wächst zu einer Art Gemeinschaft zusammen. Spekulationen verbreiten sich, diejenigen, die als Erste rauskommen, zeigen ihre Trophäen vor. Man versucht gemeinsam, von der gezeigten Größe auf die eigene zu schließen, denn, wie langsam durchsickert, ist Anprobieren und Umtauschen verboten. Während der Wartezeit wurde ich für zwei Stunden die beste Freundin dreier Franzosen, die ich danach nie wieder gesehen habe und deren Namen ich nie erfuhr. Wir unterhielten uns über Kanye Wests Einfluss auf zeitgenössischen Hip-Hop, verschiedene Samples auf dem neuen Album, welche unserer Freunde welche gehypten Sneaker oder Teile von Supreme-Kollaborationen wo erstanden hatten und wie lange sie dafür hatten anstehen müssen. Es gibt in der Schlange nur ein Thema. Die Schlange selbst.

Jedes Mal, wenn ich in den Wochen danach jemanden im gleichen T-Shirt sah, fühlte ich mich sofort verbunden, als teilten wir ein Geheimnis.

Je nach Kollektion und Kollaboration kosten Supreme Sweatshirts bis zu 900 Euro. Wie kann ein 15-Jähriger oder auch Student sich davon einen ganzen Schrank zusammensammeln? Denn – auch wenn ein paar der oft als Kids bezeichneten, eigentlich auf die Midlifecrisis zusteuern – so viele junge Erwachsene, wie in der Schlange stehen, können kaum wohlhabende Eltern haben, die ihren Kindern einfach so mehrere Hundert Euro in die Hand drücken, um sie für überteuerte Pullover auszugeben.

Also kaufen viele der Teenager mehrere Teile, um die meisten davon online auf den Resellmarkt zu bringen, sie also für einen ordentlichen Preisaufschlag weiterzuverkaufen. Das so verdiente Geld lässt sich problemlos in der nächsten Schlange reinvestieren, mit Anstehen lässt sich äußerst gut verdienen. Wer geduldig ist und einen Sinn dafür hat, was auf dem Wiederverkaufsmarkt Umsatz macht, kann Supreme in sein persönliches Geschäftsmodell verwandeln.

Nicht selten verfünffacht sich der Wert bestimmter Artikel online. Stark limitierte Sneaker, die ursprünglich etwas mehr als 200 Euro kosten, knacken die 1.000-Euro-Marke. Beinahe so absurd sind im Grunde nur manche Gegenstände, die Supreme abseits von Kleidung hin und wieder verkauft: Brechstangen, Geldpistolen (selbstverständlich zum Selbstbefüllen) und Ziegelsteine. Natürlich alles mit fettem Logo bedruckt, sogar der Ziegelstein ist gestanzt. Und weil auch diese Gegenstände eine Multiplikation mal fünf erleben, kostet der Ziegelstein im Wiederverkauf 150 Dollar. Klingt nach einem Scherz? Supreme ist Meister der Ironie: Gegen die Fälschung des eigenen Logos zieht das Label regelmäßig vor Gericht, man vergisst praktischerweise, dass man das Design selbst geklaut hat – und zwar ausgerechnet von Barbara Kruger, einer konsumkritischen Konzeptkünstlerin. Kruger hatte eine rote Box entworfen, die sie auf Plakaten platzierte: „I shop therefore I am“ (Ich kaufe, also bin ich). Heute steht da: Supreme. Die Aussage dahinter hat sich so wenig verändert wie das Design. Der britische Kulturtheoretiker Mark Fisher nannte dieses Prinzip „Kapitalistischen Realismus“. Der Kapitalismus eignet sich die Kritik an ihm an und macht sie dadurch wirkungslos. Aus konsumkritischer Kunst wird ein Logo, das wie wenige andere für Warenfetischismus steht.

Kürzer als Castorf

Längst findet aber nicht mehr bloß der Wiederverkauf online statt. Adidas verkauft limitierte Sneaker inzwischen auch auf seiner Website, was die Seite bei stark nachgefragten Schuhen unter den vielen plötzlichen Aufrufen zusammenbrechen ließ. Also repliziert die Marke das Schlangestehen inzwischen auch im Internet und bedient sich einer Art digitaler Warteschleife. Die Besucher werden so lange hingehalten, bis sie per Zufall ausgewählt und auf die Seite gelassen werden. So wird garantiert, dass das System nicht überlastet abstürzt.

Supreme hat es 2018 sogar zum Berliner Theatertreffen geschafft: In Frank Castorfs Faust stürmen die Schauspieler auf der Bühne ein Bekleidungsgeschäft und kommen mit prallen Tüten wieder heraus: „Supreme“, brüllt ihnen der Verkäufer hinterher. Supreme steht auch auf den Tüten und auf Castorfs Bühne. Wie der frühere Intendant ausgerechnet auf Supreme gekommen ist, bleibt rätselhaft. Gemeinsam ist ihnen nur die Dauer, wobei Castorfs Theater mit sieben Stunden eine Schlange bei Supreme locker in den Schatten stellt.

Alina Saha war Praktikantin des Freitag und selbst mal Teil der Schlangen-Community. Eines Tages hat sie sich spontan von allen Supreme-T-Shirts getrennt. Zu homogen

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