Staat? Hallo?

Scheinheiligkeit Claudia Pinl sieht das Florieren des Ehrenamts als Krisensymptom
Staat? Hallo?
Bild aus der Serie "Broken Sea" von Nata Sopromadze und Irina Sadchikova (siehe Infokasten)

Foto: Nata Sopromadze & Irina Sadchikova "Broken Sea"

 

Ehrenamtliches Engagement ist eine tolle Sache, oder? Ob Klassenzimmerstreichen in der Schule, die Begleitung älterer Damen beim Einkauf, es gibt immer etwas Gutes zu tun. Warum nicht zwei Cappuccini zahlen und nur einen trinken und bei der Gelegenheit „ein bisschen die Welt retten“.

Freiwilligenarbeit und Wohltätigkeit sind in der Gesellschaft grundsätzlich positiv konnotiert. Es ist obendrein ein Win-win-Engagement. Beide Seiten profitieren davon. Freiwilliges Engagement gilt als sinnerfüllend, es hat den Ruf einer „befriedigenden Gestaltung der freien Zeit“. Dass es auch eine andere Seite gibt, dass das Ehrenamt nicht selten als „Geschäftsmodell“ für große Konzerne genutzt wird oder freiwillige Helfer zunehmend in einen neuen Niedriglohnsektor gedrängt werden, indem sie öffentliche Dienste sukzessive ersetzen, dafür aber nicht (anständig) bezahlt werden, entlarvt Claudia Pinl in ihrem neuen Buch Ein Cappuccino für die Armen: Kritik der Spenden- und Ehrenamtsökonomie.

Klamme Kommunen

Die Politikwissenschaftlerin Claudia Pinl geht mit der Gesellschaft hart ins Gericht. Die Wirtschaft, die Politik, die Medien – nach ihr tragen alle zur Instrumentalisierung des Ehrenamtes bei. Große Firmen werben mit Hilfe von sogenannten Freiwilligenagenturen gezielt Ehrenamtshelfer an und können sich damit als sozial und verantwortungsbewusst geben, andererseits spielen sie der Politik damit in die Hände. Denn die wiederum sagt nicht laut „Nein“, wenn die soziale Infrastruktur durch Freiwillige gestützt wird. Gerne werden hier „demokratiepolitische Gründe“ vorgeschoben. Freiwilliges Engagement soll BürgerInnen zum Beispiel mehr Selbstermächtigung an gesellschaftlicher Teilhabe ermöglichen. So fällt unter den Tisch, dass der Staat immer mehr auf die kostengünstige Arbeit der Engagierten angewiesen ist.

Die Scheinheiligkeit hat eine Geschichte, arbeitet Pinl heraus, die mit der CDU-geführten Regierung unter Helmut Kohl ihren Anfang nahm und dessen neoliberale Ideologie des „aktiven Staates“ treu von dessen SPD-Nachfolger Gerhard Schröder fortgeführt wurde und bis heute gilt. Gestützt werden Politik und Wirtschaft von den Medien, die die Bürger mit Slogans zum Selbermachen und Spenden ermuntern, vor allem von der immer wieder erwähnten Bertelsmann-Stiftung. Die fördert zum Beispiel Phineo, ein wirtschaftsnahes, „gemeinnütziges Beratungshaus für gesellschaftliches Engagement“. Aus ihrer Verachtung für diesen Trend macht die Autorin, die schon mehrere Werke zum Thema wie Freiwillig zu Diensten? Über die Ausbeutung von Ehrenamt und Gratisarbeit veröffentlicht hat, keinen Hehl. Detailliert und beispielhaft beschreibt Pinl, wie Freiwillige in der Pflege und in der Bildung unterstützen, erste Hilfe in Notunterkünften leisten oder bei der Tafel aushelfen, frei nach dem Prinzip: „Überall, wo die Kommunen klamm sind, springen Ehrenamtliche ein.“

Natürlich ist es nicht so, dass ehrenamtliche Tätigkeiten und das Spenden per se verwerflich sind, auch wenn man bei Pinls sarkastischem Schreibstil durchaus diesen Eindruck bekommen könnte. Nur wenn das Ehrenamt zum Lückenbüßer für staatliche Sparmaßnahmen und der Sozialstaat überflüssig wird, sobald „nur genügend Reiche Geld spenden“ – wodurch ganz nebenbei auch noch der Teil der Gesellschaft als unsozial diskreditiert wird, der sich so ein Mäzenatentum nicht leisten kann –, dann läuft etwas grundsätzlich schief. Mit Recht fordert Pinl dazu auf, nicht danach zu fragen, was bessere Konzepte für ein soziales Engagement wären, sondern woher die Probleme eigentlich kommen, wie Armut, wie soziale Benachteiligung überhaupt erst entstehen konnten. Dass an alledem der berüchtigte Neoliberalismus Schuld trägt, erschließt sich nicht erst auf der letzten Seite, es wird zuweilen überbetont. Auch Pinls Fazit, dass die Lösung in einem funktionierenden Sozialstaat und einer vernünftigen Steuerpolitik liegt, kommt nicht gänzlich unerwartet. Nichtsdestotrotz ist ihr Cappuccino für die Armen eine wichtige Lektüre.

Info

Ein Cappuccino für die Armen: Kritik der Spenden- und Ehrenamtsökonomie Claudia Pinl Papyrossa 2018, 159 S., 12,90 €

Zu den Bildern

Die Bilder dieser Beilage stammen aus dem Fotoprojekt „The Broken Sea“ von Nata Sopromadze und Irina Sadchikova.

Nata Sopromadze wurde in Sochumi geboren, das ist die Hauptstadt der Autonomen Republik Abchasien am Schwarzen Meer. Nata war 12 Jahre alt, als die Familie nach Tiflis floh und alles zurücklassen musste. Seither hat Nata die Orte ihrer Kindheit nie wieder gesehen, sie darf in ihre Heimat nicht einreisen.

Ihre Freundin Irina Sadchikova ist in der Ukraine geboren, sie lebt derzeit in Moskau. Irina hat die Orte von Natas Kindheit besucht und fotografiert. Nata benutzte die Filme, sie fotografierte damit ihr Leben, ihre Kinder und sich, ohne zu wissen, was sie doppelbelichtet. Entstanden sind traumschöne Zufallsaufnahmen, ein Manifest für die Freiheit.The Broken Sea ist nominiert für den Unseen Dummy Award, mehr Information gibt’s hier: www.brokensea.photoshelter.com

06:00 13.10.2018

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