Stadt mit Platz

Peripherie Luckenwalde in Brandenburg hat, was Großstädten fehlt: jede Menge leerer Gebäude zum Wohnen und Arbeiten. Das trifft sich gut. Denn die Zeiten der Abwanderung sind vorbei

Er hat in Brüssel gelebt und in London, aber so richtig heimisch wird Pablo Wendel gerade im Landkreis Teltow-Fläming, in Brandenburg: „Luckenwalde ist auf jeden Fall eine Stadt mit Potenzial“, sagt er. Wendel ist Performancekünstler, er kommt aus Stuttgart und steht jetzt in der riesigen Halle des ehemals städtischen Elektrizitätswerks Luckenwalde. Im Januar dieses Jahres hat sich Wendel in dem 105 Jahre alten Moderne-Bau niedergelassen. In dessen unterem Teil befinden sich die Werkstatt-Räume seiner Firma „Performance Electrics“; sie verbindet die Produktion von Strom mit Kunst, indem Designer, Architekten, Künstler und Kunsthistoriker Projekte entwerfen, die Installationen und zugleich Stromquelle sind, Windräder aus recycelten Straßenpfosten und Verkehrsschildern entlang von Autobahnen zum Beispiel oder zu Stromspeichern umfunktionierte Mülltonnen an Bushaltestellen, wo Laptops und Telefone aufgeladen werden können.

Hier in Luckenwalde soll das Erdgeschoss des E-Werks einmal als Veranstaltungshalle dienen, ergänzt durch ein Café oder eine Bar. „Ich will das Werk wieder für die Öffentlichkeit zugänglich machen“, sagt der 38-jährige Wendel, während eine neuseeländische Volontärin des Austauschprogramms „Workaway“ mit Werkzeugkasten in der Hand um ihn herumwirbelt. Einen kleinen Teil im oberen Stockwerk des denkmalgeschützten Gebäudes hat Wendel für sich selbst eingerichtet.

Zuzug nach Luckenwalde, das hat es lange nicht gegeben. Einst hatte die Stadt fast 30.000 Einwohner, doch so, wie der ganze Osten zwischen 1990 und 2012 knapp zwei Millionen Menschen verlor, so ging die Zahl in Luckenwalde zurück: von 25.745 (1995) auf 21.474 (2005), dann pendelte sie sich bei 20.000 Einwohnern ein; zuletzt gab es wieder ein leichtes Bevölkerungswachstum, 21.000 Menschen leben heute in der Stadt.

Doch die jahrelange Abwanderung hat Spuren hinterlassen. Während es in den Großstädten immer enger wird und Wohnraum fehlt, fragen sich die Luckenwalder, wie sie mit ihrem enormen Leerstand umgehen sollen. Über die ganze Stadt verteilt finden sich viele ungenutzte Gebäude, darunter zahlreiche verlassene Wohnhäuser, etliche andere sind bereits abgerissen worden.

Vor allem aber stehen die Produktionsstätten der Stadt leer, wie die alte, von Erich Mendelsohn entworfene Hutfabrik. Luckenwalde war vor und während der DDR-Zeit ein durchaus wichtiger Industriestandort. Dann kamen: das Ende der DDR, die Treuhand, die Deindustrialisierung, die Massenarbeitslosigkeit. Einzig die 1878 gegründete Feuerwehrgerätefabrik Koebe dient gegenwärtig noch immer der Produktion von Feuerwehrfahrzeugen.

„Früher hatten wir hier 180 Hektar genutzte Gewerbefläche, heute liegt die fast vollständig brach“, sagt Peter Mann. Er ist der Leiter des Stadtplanungsamtes. In der Folge sind viele weggezogen, vor allem die Jungen, die hier keine Perspektive mehr sahen und die in die großen Städte gingen.

Besuch aus Kolbermoor

Peter Mann ist seit 1994 im Amt, er hat die Auswirkungen der Krisenzeiten miterlebt. In ihm hat die Stadt jemanden gefunden, der alles daran setzt, dass Luckenwalde jene Zeiten hinter sich lassen kann. Das jüngste Projekt, das er an Land gezogen hat, ist eine „Leerstandskonferenz“, die bisher nur in ländlichen Regionen Österreichs stattgefunden hat: Stadtplanerinnen, Kommunikationswissenschaftler, Architektinnen und Denkmalpfleger aus der ganzen Republik kommen dieser Tage nach Luckenwalde, auch der Bürgermeister der oberbayrischen Stadt Kolbermoor, die Mitte der 1990er hart vom Niedergang der Textilindustrie getroffen wurde. „Betreten verboten! Strategien gegen den Leerstand von Produktionsstätten“ ist die Konferenz überschrieben, sie soll helfen, das Potenzial der Leerstände zu heben und sie von einer Bürde zu einem Instrument gegen die Abwanderung zu machen.

Auf dem Gewerbehof an der Beelitzer Straße zum Beispiel, wo früher eine Likörfabrik untergebracht war, könnte ein Co-Working-Space für Freiberufler und Kreative entstehen, so wie in Letschin, an der deutsch-polnischen Grenze, wo in der Alten Schule vergangenen Mai der „erste Co-Working-Space des Oderbruchs“ eröffnete.

Der Künstler Pablo Wendel ist bei der Leerstandskonferenz dabei, er wird seine Pläne für die Wiederbelebung des alten Elektrizitätswerks präsentieren. „Ich stelle mir das E-Werk als einen Anziehungspunkt und eine Schnittstelle zwischen Wissenschaft und Kunst vor, eine Art ‚Zukunftswerkstatt‘ “, sagt er. Die Luckenwalder reagierten bisher mit viel Zustimmung zu dem, was er vorhabe, sagt Wendel, sein Projekt stoße in der Stadt auf viel Anklang. Er ist nicht der einzige Neue mit großen Plänen in Luckenwalde: Die Architektin und Tischlerin Irmina Körholz aus Berlin hat zusammen mit einem Geschäftspartner ein 1929 vom Architekten Paul Backes entworfenes, denkmalgeschütztes Wohngebäude gekauft und will dort ein genossenschaftliches Hausprojekt realisieren. Die Wohnungen sollen saniert werden, die Mieten bezahlbar sein.

Womit Luckenwalde wuchern kann, das ist die Nähe zu Berlin – eine Zugfahrt vom Bahnhof Berlin-Südkreuz hierher dauert nur 35 Minuten. „Deswegen haben wir mit der Umgestaltung und Sanierung der Stadt direkt am Bahnhof angefangen“, erklärt Peter Mann. „Schon der Startpunkt in die Stadt sollte attraktiv wirken.“ Das erste Projekt war die „Bibliothek im Bahnhof“. Seit ihrer Fertigstellung vor zehn Jahren dient sie „als anziehendes Eingangstor in die Stadt“ und wurde 2009 mit dem Brandenburgischen Kulturpreis in der Kategorie Bauen im Bestand und Denkmalpflege ausgezeichnet. In diesem Jahr veranstaltet die Bibliothek zum zweiten Mal die Aktion „Luckenwalde liest“, alle BewohnerInnen haben an verschiedenen Orten in der Stadt die Möglichkeit, gemeinsam ein Buch zu lesen, aktuell Mark Uwe Klings Quality Land. Gerne verweisen sie hier auch auf den „Fläming Skate“: Von Luckenwalde aus kann man auf Inlineskates mehrere hundert Kilometer durch den Niederen Fläming und das Baruther Urstromtal düsen.

„Seit 2016 sind wir Mitglied im Sanierungsprogramm ‚Städtebaulicher Denkmalschutz‘ “, sagt Peter Mann. Die Zeiten des Abrisses sind vorbei. „Unsere aktuelle Sanierungsquote liegt bei 120 Wohneinheiten pro Jahr. Dadurch konnten wir die Leerstandsquote von 30 Prozent im Jahr 2003 auf aktuell unter sechs Prozent bringen.“ Mitfinanziert wird das Förderprogramm zu je gleichen Teilen vom Bund und der Kommune. Außerdem ist die Stadt ständig darum bemüht, Investoren zu finden, die die Restauration bezuschussen.

Der Stadt ist das anzumerken, an den vielen Baustellen und Einrüstungen. Noch aber wirkt zugleich etwa jedes vierte Gebäude ungenutzt – zugezogene Rollläden, kaputte Fensterscheiben, morsche Dächer und riesige Risse prägen das ehemals herrschaftliche Stadtbild.

„In Luckenwalde sind fast alle deutschen Bauepochen vertreten“, schwärmt Peter Mann. „Es gibt zum Teil sogar noch Weberhäuser aus der Kaiserzeit, die ehemals Teil einer Kolonistensiedlung waren.“ Es ist aber vor allem die Moderne, die das Luckenwalder Stadtbild stark beeinflusst hat. In keiner anderen brandenburgischen Stadt ist die Dichte an modern geprägten Gebäuden so hoch. Besonders deutlich zu erkennen ist der architektonische Einfluss der 1920er Jahre in den ehemaligen Arbeitersiedlungen „Am Anger“ und „Auf dem Sande“.

Auf der Breiten Straße, dem Boulevard der Stadt und dem Ort mit der laut Mann „größten Aufenthaltsqualität“, sind die Einflüsse der Gründerzeit und der Moderne ebenfalls noch deutlich erkennbar. „Bei der Sanierung haben wir darauf geachtet, altes Gemäuer teilweise zu erhalten und miteinzubauen.“ Richtig schick sei es jetzt hier, meint eine 71-jährige Luckenwalderin auf der Straße. Sogar ihre Tochter, die schon lange in München wohne, sei ganz begeistert von der Flaniermeile ihrer alten Heimatstadt.

Dass die einst in den Westen Gezogenen zurück in den Osten kommen, daran arbeiten etliche Kommunen in Brandenburg. Über Rückkehrer-Messen, wie sie zum Beispiel Eberswalde ausrichtet, denkt auch Peter Mann nach: Gerade in den Tagen um Weihnachten und Silvester, wenn viele Fortgezogene die Feiertage bei ihren Eltern und Verwandten verbringen, laden die Städte sie ein, um über Wohn-, Arbeits- und Kinderbetreuungsmöglichkeiten zu informieren und so für eine Rückkehr in die Heimat zu werben. „Viele, die vor Jahren aus Luckenwalde fortgegangen sind, wissen ja vielleicht gar nicht, wie viel sich hier seither verändert und getan hat“, vermutet Peter Mann. Zugleich weiß er, dass es dafür in Sachen öffentliche Infrastruktur noch einiges zu tun gibt: „Wir haben einfach noch zu wenig Kita- und Schulplätze“, sagt der Stadtplaner. Das müsse sich ändern, um die Renaissance der Stadt wirklich weiter voranbringen zu können.

06:00 18.10.2018

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