Papa ante Portas!

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Wahrlich nun hat also der deutsche Papst Ratzinger einen Hirtenbrief[1] "an die Katholiken in Irland" geschrieben.

Allgemein wurde bedauert, dass er Missbrauchsopfer in anderen Ländern, die eigene Schuld und Konsequenzen nicht erwähnte.

Gejubelt habe der Klerus, nicht nur der irische - auch deutsche Bischöfe seien sehr zufrieden mit dem Schreiben des "Stellvertreters".

Worum geht es?

"Mary Raftery hatte 1999 mit ihrem Dokumentarfilm "States of Fear" für Aufsehen und Empörung gesorgt. Die Regierung setzte eine Untersuchungskommission über Missbrauch in den Institutionen der katholischen Orden ein. Die Leitung hatte zunächst die Richterin Mary Laffoy, die aber im Jahr 2003 aus Protest gegen die Verzögerungstaktik des Erziehungsministeriums zurücktrat. Ihr Nachfolger, Richter Sean Ryan, legte seinen Bericht schließlich im Mai 2009 vor. Er dokumentiert den Missbrauch von Zehntausenden von Kindern im 20. Jahrhundert - geduldet von einem willfährigen Staat. Der damalige irische Premierminister, Bertie Ahern, entschuldigte sich schon 1999 im Namen des Staates und übernahm die Verantwortung. Drei Jahre später wurde ein Tribunal für die Entschädigung der institutionellen Opfer eingesetzt. Es blieb den Opfern überlassen, individuell vor Gericht zu klagen, aber die wenigsten wählten diesen Weg.

Der Staat setzte bis Ende 2005 die geltende Verjährung für Zivilklagen außer Kraft (strafrechtlich gibt es in Irland für Sexualverbrechen keine Verjährung). Bis zum Ende vergangenen Jahres gingen bei dieser Behörde 14 667 Gesuche ein. 2741 Opfer sind bereits entschädigt, sie erhielten im Durchschnitt gut 63 000 Euro. Der Höchstbetrag, 300 000 Euro, wurde nur in einem Fall gewährt. Insgesamt werden sich die Entschädigungen auf rund eine Milliarde Euro belaufen. "[2]

Als Skandal muss man dabei sicher die rein symbolische Beteiligung der Kirche an der Entschädigung der Opfer werten.

Der Spiegel fasste diesen "Ryan-Bericht" folgendermaßen zusammen: "35.000 Kinder wurden demnach zwischen 1914 und 2000 in kirchlicher Obhut geschlagen, gepeinigt oder vergewaltigt."[3]

Die Insel Irland hat knapp über 4 Mio. Einwohner![5]

Und was schreibt der Papst dazu…?

Schon die Einleitung ist eine teilweise haarsträubende Geschichtsklitterung.

"In der Geschichte waren die Katholiken Irlands immer eine starke Kraft für das Gute, in der Heimat und außerhalb. Keltische Mönche wie der heilige Kolumban haben das Evangelium in Westeuropa verbreitet und das Fundament für die mittelalterliche Klosterkultur gelegt..."[1]

Schaut man etwas genauer hin, findet man allerdings nichts Gutes, sondern blindes Wüten und Eifer beim Bekämpfen Andersgläubiger. Das Wirken der Heiligen erinnert eher an das Schicksal der Buddha-Statuen von Bamiyan. Christliche Geschichtsschreibung (!) überliefert folgendes: "Um 610 betraten die Weissen mit ihrem Abt den Bregenzer Boden. Sie fanden eine verheidnete, einst einer Aurelia geweihte Kapelle vor, in der drei Götterstatuen aus Erz aufgestellt waren. Columban befahl nun Gallun, "der der Sprache des Volkes mächtig war", den verwunderten Alemannen zu predigen. Dies tat jener mit Wortgewalt; und in seinem Eifer trug er zuletzt die Standbilder aus der Kapelle, zerschlug sie vor den Augen des entsetzten Volkes und warf die Trümmer in den See. Einige ließen sich unter diesem Eindruck taufen, andere "gingen murrend hinweg"[4].

Nicht umsonst sieht die Dokumentarfilmerin Mary Raftery in Irland eine Art Gottesstaat:

"Der passendste Vergleich zu Irland in den 50er-Jahren ist Afghanistan unter den Taliban"[2]

Schuld an allem scheint mal wieder, das kennt man von Ratzinger, die "Moderne" zu sein: "Der schnelllebige soziale Wandel hat oft genug das traditionelle Festhalten der Menschen an den katholischen Lehren und Werten beeinträchtigt. Viel zu oft wurden die sakramentalen und andächtigen Gebräuche vernachlässigt, die den Glauben erhalten und ihm erlauben, zu wachsen, wie etwa die regelmäßige Beichte, das tägliche Gebet und jährliche Einkehrte."[1]

Als ob man Kinder misshandelte und vergewaltigte, weil zu wenig geglaubt und gebeichtet wurde.

Immerhin gab es auch "eine fehlgeleitete Sorge für den Ruf der Kirche und die Vermeidung von Skandalen" [1]

Kein Wort davon, dass die Kirchenoberen den Opfern Schweigegelübde abpressten, jahrzehntelange Verschleierung schwerster Verbrechen betrieben und nur immer das zugaben, was sich nicht mehr leugnen ließ. Selbst der päpstliche Gesandte habe die Untersuchungskommission nach Kräften zu behindern versucht.

Verbrechen, auch das kennt man vom Vatikan, verüben immer Einzeltäter, nicht die Kirche, nicht die Kurie Roms, nicht die Verfechter einer mittelalterlichen Sexualmoral.

Die Opfer ans Kreuz, die Täter zur Buße!

Den Opfern teilt unser unfehlbarer Pope unter anderem folgendes mit:

"…Es ist verständlich, dass es schwer für Euch ist, der Kirche zu vergeben oder sich mit ihr zu versöhnen. Im Namen der Kirche drücke ich offen die Schande und die Reue aus, die wir alle fühlen. Gleichzeitig bitte ich Euch, die Hoffnung nicht aufzugeben. In der Gemeinschaft der Kirche begegnen wir Christus, der selbst ein Opfer von Ungerechtigkeit und Sünde war. Wie ihr trägt er immer noch die Wunden seines eigenen ungerechten Leidens. Er versteht die Tiefe eures Leides und die fortdauernden Auswirkungen auf Euer Leben und Eure eigenen Beziehungen, eingeschlossen Eure Beziehung zur Kirche. Ich weiß, dass es einigen von euch schwer fällt durch die Türen der Kirche zu gehen nach allem, was passiert ist. Aber Christi eigene Wunden, verwandelt durch sein erlösendes Leiden, sind der Weg, durch den die Macht des Bösen gebrochen wird und wir zu Leben und Hoffnung wiedergeboren sind. Ich glaube zutiefst, dass diese heilende Kraft der aufopfernden Liebe Befreiung und die Verheißung eines Neuanfangs bringt – sogar in den dunkelsten und hoffnungslosesten Situationen. "[1]

Wichtig ist scheinbar nur eines: die Opfer sollen der katholischen Kirche nicht den Rücken kehren sondern weiter als Schafe ihren Obolus entrichten. Außer einem Gespräch keine konkreten Angebote. Ein widerwärtiges Geschwafel von Christi Wunden wo Menschlichkeit und Taten angesagt wären.

Aber es kommt noch dreister, indem er sich „mahnend“ als nächstes an die Täter wendet:

"…Ich mahne Euch, Euer Gewissen zu erforschen, Verantwortung für die begangenen Sünden zu übernehmen und demütig Euer Bedauern auszudrücken. Ehrliche Reue öffnet die Tür zu Gottes Vergebung und die Gnade ehrlicher Besserung. Durch Gebet und Buße für die, denen Ihr Unrecht getan habt, sollt ihr persönlich für Euer Handeln Sühne leisten. Christi erlösendes Opfer hat die Kraft, sogar die größte Sünde zu vergeben und Gutes sogar aus dem schlimmsten Übel wachsen zu lassen. Gleichzeitig ruft uns Gottes Gerechtigkeit dazu auf, Rechenschaft über unsere Taten abzulegen und nichts zu verheimlichen. Erkennt Eure Schuld öffentlich an, unterwerft Euch der Rechtsprechung, aber verzweifelt nicht an der Gnade Gottes…."[1]

Wo sonst leicht die Getreuen der Kirche wegen minderschwerer Vergehen aus dieser Großsekte via Exkommunikation ausgeschlossen wurden (darunter mehrere Päpste und Gegenpäpste!), bittet Ratzinger die Kinderschänder im Kirchendienst "Verantwortung für die Sünden zu übernehmen" und "durch Gebet und Buße" "Sühne" zu leisten. Wurde nicht eine Nonne entlassen, die Kondome im Rotlichtviertel verteilt hatte? Kein klares Wort, dass z.B. Pädophile und Sadisten nichts mit Kindern zu tun haben dürfen. Nein, wieder nur die Kirche, um die sich der Oberhirte sorgt: "..Gemeinsam mit dem immensen Leid, das Ihr den Opfern angetan habt, wurde die Kirche und die öffentlichen Wahrnehmung des Priestertums und des Ordensleben beschädigt …"[1]

Wo lebt dieser Papst?

Es stinkt zu Himmel, wie wachsweich er erst recht mit den Bischöfen und anderen Kirchenverantwortlichen umgeht:

"Ausschließlich entschiedene Handlungsweisen, umgesetzt in voller Aufrichtigkeit und Transparenz, wird den Respekt und den guten Willen des irischen Volks der Kirche gegenüber, der wir unser Leben geweiht habt, wiedergewinnen. Das muss zuallererst aus Eurer Selbsterforschung, aus innerer Reinigung und geistlicher Erneuerung kommen. Die Menschen Irlands erwarten zu Recht, dass Ihr Menschen Gottes seid, dass Ihr gottgefällig und einfach lebt und täglich die persönliche Bekehrung erstrebt. "[1]

Geistige Erneuerung? Zu deutsch: entscheidet selbst, ob ihr euch verantwortlich fühlt oder nicht. Was für ein abartiger Mummenschanz!

Betet und fastet!

Auf Seite 8 gibt es "Initiativen zum Umgang mit der Situation". Da steht tatsächlich zuerst: "Am Ende meines Treffens mit den irischen Bischöfen habe ich darum gebeten, dass diese Fastenzeit reserviert wird für das Gebet um das Ausgießen der Barmherzigkeit Gottes und der Geistesgaben der Heiligkeit und Stärke über der Kirche in Eurem Land. Ich lade Euch alle ein, die Freitagsbuße für die Dauer eines Jahres bis Ostern 2011 dieser Intention zu widmen. Ich bitte Euch, Euer Fasten, Euer Gebet, Eure Schriftlesung und Eure Werke der Nächstenliebe dem zu widmen, damit Ihr so die Gnade der Heilung und der Erneuerung für die Kirche in Irland erlangt. "[1] und dann: "Darüber hinaus, nachdem ich darüber beraten und gebetet habe, habe ich vor, eine Apostolische Visitation einiger Bistümer Irlands abzuhalten, ebenso von Seminarien und Ordensgemeinschaften. "[1]

Das wars! Das sind die "Initiativen zum Umgang mit der Situation". Wenn es nicht schwarz auf weiß (und als PDF!) veröffentlicht worden wäre, man könnte es nicht glauben.

Um im apostolischen Bild zu bleiben: seine Hirten fallen wie Wölfe über die eigenen Lämmer her und der Oberhirte schweigt ebenso wie "Gott" über ein halbes Jahrhundert. Nach längerem "Gebet" kommt er zur Einsicht, dass es vielleicht nützlich wäre nachzusehen, ob überhaupt noch Lämmer da sind. Und bis dahin: Fasten und Beten für das Heil der irischen Kirche!

Kein Wunder, dass sich nach so viel triefendem Sermon die Bischöfe vor Freude auf die fetten Schenkel klopfen. Kein Wunder dass sich die Opfer belogen und betrogen fühlen – bei so viel Wärme und christlicher Nächstenliebe.

Gäbe es einen Gott, er würde Blitze schleudern gegen dieses himmelschreiende Unrecht.

Amen.

Quellen:

[1] Hirtenbrief des Papstes an die Irischen Katholiken, zitiert nach: Pressemitteilungen der deutschen Bischofskonferenz, Drucksache 049a vom 20.03.2010

[2] www.welt.de/die-welt/politik/article6853497/An-die-Kinder-dachte-niemand.html

[3] Spiegel-Online vom 17.12.2009

[4] wfgw.diemorgengab.at/WfGWmblB01.htm

[5] 4.239.848 Einwohner (Stand April 2006) laut wikipedia.

22:51 25.03.2010
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Geschrieben von

aliquis

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