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Meine Sachbearbeiterin beim Amt heißt Juliane. Mit Vorliebe trägt sie altrosa Rollkragenpullover zu einem blondierten Kurzhaarschnitt. Sie hat keine Zeit. Nie und aus Prinzip nicht. In ihren Augen ist sie schlecht die Welt und ich glaube, ein bisschen auch meinetwegen. Zumindest gibt sie mir das Gefühl. Jedes Mal wenn ich mit Juliane telefoniere, hat sie entweder keine Zeit, weil sie gerade aus dem Urlaub kommt oder weil sie nächste Woche in selbigen fährt. Ich habe mich noch nie mit ihr unterhalten ohne dass das Wort ‚Urlaub‘ fiel und von mir kam das noch kein einziges Mal (von was auch?). Zur Beschönigung ihrer düsteren Rauhfaserbürotapete hat sie das Areal um ihren Schreibtisch bis zur Decke mit Urlaubspostkarten beklebt. Wir reden von einer ungefähren Fläche von 4 m². Und jedes Mal wenn ich da so sitze während sie ihren Computer mit militärischen Anweisungen beschimpft, frage ich mich, ob sie sich selbst aus jedem Urlaub eine Karte ins Büro schreibt oder ob das so eine Art Unternehmenskultur im Sozialamt ist: Urlaub als Teil dessen, was wir hier für den Bürger tun und was wir wichtig finden. Ich habe mich nie getraut, sie das zu fragen. (Juliane, wenn Du das liest, erbarme Dich meiner!)

...ein bisschen Ost-Berlin und die Erste Person Kindergarten...

Einmal da kam ich sieben Minuten zu spät zu einem Termin und da hat sie mich genau sieben Minuten vor ihrer Tür warten lassen: Staatsbürgererziehung. Das Bildungsprekariat muss lernen, dass Pünktlichkeit keine Marotte ist. Das erinnert mich ein bisschen an den Kindergarten meiner Freundin in Ost-Berlin. Wenn man da nicht 8.58 Uhr im Morgenkreis am Platze sitzt, hat man keine Chance mehr! Da ist man wortwörtlich ‚weg vom Fenster‘, denn man muss die Zeremonie durch eine Glastür von außen beobachten und bekommt keinen Einlass mehr. Da zählt weder Alter noch Herkunft als Ausrede. Bei Juliane ist das ein bisschen wie im Ostberliner Kindergarten. Nicht nur mit der Pünktlichkeit, sondern auch, dass sie selbst die Institution verkörpert. Sie redet nie vom Staat, auch nicht von staatlichen Leistungen, sie redet immer in der ersten Person: „Wir zahlen die Miete, weil Sie das momentan nicht können. Sie können zwar einen Mietvertrag unterschreiben, aber wir können Ihnen das Geld streichen.“ (lächelnd) . Für Regelleistungen wie Miete verwendet sie die erste Person Plural. Noch besser ist es wenn Juliane gewährt, also Leistungen bewilligt, die ihrem Ermessensspielraum unterliegen, dann wechselt sie zur ersten Person Singular und es heißt: „Sie können das mal beantragen und dann muss ich sehen, was ich Ihnen zahlen möchte.“ Manchmal fühle ich mich ein bisschen wie im Beichtstuhl, wo über meinen Ablass entschieden wird. Oder wie im Ostberliner Kindergarten.

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