Neues von meiner Mutter

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Seit geraumer Zeit ruft sie jetzt täglich an. Irgendwann hat sie einfach damit angefangen. Ohne mich zu fragen. Sie redet vom Hier und Da und manchmal will sie einfach 'nur mal hören', dann weiß ich, es wird schlimm. Ich habe mich über Nachbars neue Regentonne, die Minijobkarriere meines Bruders bei einem Billigstromanbieter, die passende Farbwahl bei jeglichen anliegenden Kaufentscheidungen des letzten halben Jahres und vieles andere unterhalten, was mich nicht interessiert, nur um nicht zu fragen, warum sie anruft. Warum jeden Tag? Und warum mich? Den Punkt, an dem ich das Gefühl hatte, dankbar sein zu müssen für die Zeit, die sie mir widmet, hatte ich relativ schnell überwunden. Nun bewege ich mich seit Wochen nicht weiter: ich nehme Anrufe entgegen, ich berede Belangloses, schweige über den Rest. Das Schlimmste ist nicht, wenn man nicht mehr miteinander redet, sondern wenn man sich nichts zu sagen hat. Das, was es eigentlich ist und das Eigentlich liegt recht tief begraben unter bereits erwähnten Regentonnen und anderem Dünnen, ist die Angst. Angst um mich und eigentlich sind derartige Ängste auch immer ein bisschen die eigenen. Es gibt im Leben zwei Sorten von Menschen: die mit Existenzangst und die ohne. Da ich zu zweiterer Gruppe gehöre beängstigt sich meine Mutter um meine Existenz. Seit ich das (schöngeistige, Taxi-, brotlose) Studium erfolgreich und mit Auszeichnung beendet habe, fehlt mir im Hirn meiner Mutter die Existenzberechtigung. Was ich nun machen will mit mir, meinem Leben und überhaupt, das Kind! In den Augen meiner Mutter bin ich ein Opfer. Wessen Opfer ich bin schwankt je nach Tagesverfassung. Manchmal bin ich nur das Opfer der Gesellschaft, das ist relativ lapidar, da braucht es nicht viel Erklärung. Schlimmer ist es an Tagen, wo ich das Opfer meines Mannes bin, den ich verlassen habe, worin für meine Mutter kein Widerspruch besteht. Ich frage mich dann immer, ob sie meinen nicht mehr rechtlich Angetrauten schon immer so gehasst hat, auch als ich ihn noch liebte. Ich befürchte es fast ein wenig. Gern und häufig bin ich auch das Opfer meines Geschlechtes, obwohl das eher ein Querschnittsthema ist, denn als Frau hat man es nicht leicht, nein, was sage ich, eigentlich hat man keine Chance. Typischerweise ruft meine Mutter am mittleren Vormittag an, wenn die erste Langeweile in ihrem Büro (sie ist Anwältin) einkehrt. Wenn so wenig Spannendes auf dem eigenen Schreibtisch liegt, dann ist es Zeit für einen Anruf bei mir. Ich bin ja sowie so zu Hause. Wir erinnern uns: nicht weil ich will, sondern weil ich ein Opfer bin. Ich handle nicht, ich reagiere.
Sicherlich bin ich auch der Inhalt sämtlicher Mittagstischgespräche meiner Mutter, ganz zu schweigen von Dinnerpartys, Hundesportvereinsweihnachtsfeiern und Gartenzaungesprächen mit dem Nachbarn mit der neuen Regentonne. Als solches, finde ich, leiste ich einen wichtigen Beitrag zur Gesellschaft: ich sorge dafür, dass sich Menschen etwas zu sagen haben.

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