Gedanken des täglichen Bedarfs

Würdigung Die Philosophin Agnes Heller erhält den Carl-von-Ossietzky-Preis. Zuletzt war sie mit ihrer Kritik an Ungarns Regierung in ihrem Geburtsland in Ungnade gefallen

Wem der Name von Agnes Heller nicht durch ihre Werke vertraut ist, der hat ihn womöglich im Januar 2011 zum erstenmal gehört. Damals veröffentlichten Hellers deutsche Kollegen Jürgen Habermas und Julian Nida-Rümelin, der einstige Kulturstaatsminister, einen Aufruf, in dem der Umgang der ungarischen Regierung mit Heller stellvertretend für die Behandlung vieler anderer Regierungskritiker angeprangert wurde.

Was hatte Agnes Heller getan? Nur das übliche, könnte man sagen. Sie hatte sich mit Politik und Zeitgeschichte auseinandergesetzt, also die Regierung Viktor Orbáns, insbesondere deren neues Mediengesetz kritisiert, das dem Erstarken rechtspopulistischer und antidemokratischer Tendenzen in dem Land zuarbeitet. Die Retourkutsche ließ nicht lange auf sich warten – ihr und zwei weiteren liberalen Philosophen wurde unterstellt, für ihre philosophischen Forschungen unbefugte EU- und Staatsgelder aufgenommen zu haben. Heller ficht das nicht an, ihre Haltung zu Orbáns Politik bleibt grundsätzlich: „Eine Weste, die falsch zugeknöpft ist, muss einfach neu zugeknöpft werden.“

An diesem Donnerstag erhält die ungarische Philosophin den renommierten Carl-von-Ossietzky-Preis für Zeitgeschichte und Politik der Stadt Oldenburg. Wer ist diese 83-jährige kleine, zarte Frau, deren wache Augen durch eine Brille mit runden Gläsern schauen, so dass sie ein wenig wie eine Eule aussieht? Wer sie fragt, bekommt eine Antwort, die sich an den Katalogen zur Persönlichkeitsbeschreibung zu orientieren scheint, wie sie üblicherweise bei Facebook abgefragt werden: „Ein Kampfkanari, der gern die Bibel liest, den Film Das Turiner Pferd von Bela Tárr grandios findet und gern den Tannhäuser hört.“

Als Georg Lukács Assistentin fiel sie in Ungnade

Der Lebenslauf von Agnes Heller ist von den vielen schicksalsschweren Wendungen des 20. Jahrhunderts nicht verschont geblieben. 1929 in eine jüdische Familie in Budapest hineingeboren, entging sie mit ihrer Mutter als einzige dem Holocaust. Der Vater und ein großer Teil der Verwandtschaft wurden deportiert und in Auschwitz ermordet. Von den Gräueln und den traumatischen Verlusten berichtet sie in dem Interviewband Ein Affe auf dem Fahrrad erzählt, der 1998 erschienen ist.

Trotz dieser existentiellen Erfahrungen macht Heller auch in hohem Alter den Eindruck, als habe sie gerade ihre Matura am Jüdischen Gymnasium abgelegt. Aus ihren Augen strahlen die Neugierde und Wissensgier einer jungen Frau.

Nach 1945 wird der Stalinismus zur zweiten Herausforderung für die Philosophin. Als Schülerin des marxistischen Philosophen Georg Lukács ist sie zwar Mitglied der kommunistischen Partei, früh wird ihr aber mangelnde Linientreue vorgeworfen. Heller hat gern und viel publiziert, dennoch kann man sich nicht sicher sein, ob nicht die Dicke ihrer Werke von den Regalmetern an Akten übertroffen wird, die der ungarische Geheimdienst AVH über sie geführt hat.

1958 kommt es zu Parteiausschluss und vorübergehendem Berufsverbot an der Universität, was wohl vor allem mit ihrer Nähe zu Lukács zu tun hat. Lukács wirkte als intellektueller Vorarbeiter an einer Erneuerung des Marxismus im so genannten Petöfi-Klub und wurde im Aufstand von 1956 Kultusminister in der Regierung von Imre Nagy. Nach der Niederschlagung wurde Nagy hingerichtet, Lukács verhaftet. Dessen Strahlkraft reichte seinerzeit bis in die DDR. Dort wurden der Leiter des Aufbau-Verlags Walter Janka und dessen Cheflektor Wolfgang Harich sowie mit Gustav Just und Heinz Zöger zwei Redakteure des Sonntag, der Vorgängerzeitung des Freitag und der damaligen publizistischen Heimat intellektueller Auseinandersetzungen, ebenfalls mit dem Vorwurf einer konterrevolutioneller Verschwörung vor Gericht gestellt.

1976 emigriert sie nach Australien

Für Agnes Heller entwickelte sich durch die Erfahrung der Revolute aus einem dogmatisch gehandhabten Marxismus die ungarische Variante der „Neuen Linken“, die sich auf der Suche nach den Quellen eines besseren Sozialismus vor allem den frühen Schriften von Marx widmeten. Vor der Repression flüchtete sie in die Geschichte. In dem Buch Der Mensch in der Renaissance analysierte Heller die Wirklichkeit durch die Brille ihrer Überzeugungen von einem besseren System.

Als die Philosophin ab 1976 keine Vorträge mehr halten und nicht einmal innerhalb des sozialistischen Blocks reisen durfte, emigrierte sie mit ihrem Mann, dem Philosophen Ferenc Fehér, und dem gemeinsamen Sohn nach Australien. Dort lehrte sie als Professorin an der La Trobe Universität in Melbourne. 1986 übernimmt sie den Lehrstuhl für Philosophie an der New School for Social Research in New York und wird damit zu einer Nachfolgerin Hannah Arendts.

In diesen Jahren nimmt Agnes Heller Abschied von ihrer Vergangenheit. Gemeinsam mit ihrem Mann schreibt sie Studien über Lukács und die Ästhetik der Budapester Schule. Heller stellt fest, dass der Sozialismus seine Legitimitation verloren habe, Marx „in den Staub gefallen“ sei, wie eine ungarische Wendung heißt, die den Verlust von Relevanz meint. Heller rechnet mit allen „Ismen“ ab, und entwickelt eine persönliche Philosophie. Ausgangspunkt ihres Denkens werden Bedürfnisse, Konflikte und Probleme des alltäglichen Lebens und die Auseinandersetzung mit dem Schicksal der Moderne.

Seit dem Systemwechsel von 1990 kehrt die Philosophin wieder regelmäßig nach Ungarn zurück.

Agnes Szabo stammt aus Ungarn und arbeitet als freie Journalistin

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12:05 04.05.2012
Geschrieben von

Agnes Szabo

Hospitantin, Medienmittlerin
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