Keiner Schuld bewusst

Ungarn Staatspräsident Pal Schmitt fühlt sich zu Unrecht aus dem Amt gedrängt, obwohl zuvor Ermittlungen ergaben, dass über 90 Prozent seiner Dissertation abgeschrieben waren

Der Skandal um die Doktorarbeit des ungarischen Staatspräsidenten Pal Schmitt nahm seinen Lauf, als am 11. Januar die Onlinezeitung hvg.hu enthüllte, dass 180 Seiten dieser Dissertation wortwörtlich mit einer Arbeit des bulgarischen Sportwissenschaftlers Nikolai Georgiew übereinstimmen. Eine Woche später folgte die nächste Entdeckung: Weitere Passagen waren einer Studie des deutschen Professors Klaus Heinemann ohne Quellenangabe entnommen. Im öffentlich-rechtlichen Rundfunk wollte Schmitt davon nichts wissen und beharrte darauf, bei der von ihm vorgelegten Arbeit handle es sich um sein eigenes geistiges Produkt. Doch hvg.hu recherchierte weiter und schlussfolgerte, dass etwa 94 Prozent der Dissertation aus den Arbeiten der beiden erwähnten ausländischen Wissenschaftler abgeschrieben waren. Daraufhin berief das Parlament eine fünfköpfige Kommission, um die Vorwürfe gegen den Präsidenten zu klären. Das Gremium tagte zwei Monate lang und zog das Fazit, dass die Arbeit von Schmitt den damaligen formellen Kriterien der Universität entsprach, die sich vorwerfen lassen müsse, auffälligen Textähnlichkeiten nicht nachgegangen zu sein. Mit anderen Worten: Obwohl Schmitt kopierte, war die Prüfungskommission schuld, weil sie den Doktoranden nicht darauf aufmerksam machte, Verbotenes zu tun.

Der Senat der Universität stellte trotzdem ungerührt fest: Man müsse Schmitts Arbeit als Übersetzung einstufen, sie sei demzufolge kein eigenständiges Werk. Dies verstoße gegen die akademischen Normen und müsse sanktioniert werden. So verlor der ungarische Präsident seinen Doktortitel, monierte aber ungehend, dass seiner Auffassung nach der Senat der Universität eine solche Entscheidung nicht treffen durfte. Die sei nur dem zuständigen Gericht gestattet.

Noch ein Rücktritt

Der Rektor der Universität verkündete am vergangenen Freitag seinen Rücktritt. Begründung: Er sei in dieser Affäre allein gelassen worden und habe den Eindruck, dass ihm vom Ministerium für nationale Ressourcen (Nachfolger des Kulturministeriums) kein Vertrauen mehr entgegen gebracht werde, wodurch die Universität nur Schaden nehmen könne. Seine Feststellungen sind keineswegs unbegründet. Der zuständige Minister Rethelyi hatte den Umschlag mit dem Ergebnis der Untersuchungskommission ungeöffnet zurückgeschickt. Und Bildungsstaatssekretärin Rózsa Hoffmann nahm zwar an der Sitzung zum Vortrag des Untersuchungsergebnisses teil, verließ aber den Raum, bevor dasselbe bekannt gegeben wurde.

Als Schmitt zu Beginn der Woche seine Demission mitteilte, hieß es, sein Schritt sei mit Ministerpräsident Orbán vereinbart. Was wohl nur heißen kann, dass der ihn darum gebeten hat. Noch Mitte vergangener Woche hatte Orbán im Interview mit der Tageszeitung Petőfi Népe wissen lassen, die Person des Staatspräsidenten sei heilig und unversehrt, und außer Schmitt stehe es niemandem zu, über seinen eventuellen Rücktritt zu entscheiden. Schmitt berief sich nun bei der Begründung seines Rücktritts auf den in der Verfassung verankerten Auftrag, die Einheit der Nation zu repräsentieren. Er habe den Eindruck, dass sich inzwischen an seiner Person und der Debatte um seine Dissertation die Geister der Nation eher scheiden.

Geheimnisvoller Blogger

Die Entscheidung zur Demission kam aus heiterem Himmel, niemand hatte mehr damit gerechnet, nachdem Präsident Schmitt am 30. März aus Seoul kommend in einem Fernsehinterview hervorgehoben hatte, dass er sich nicht schuldig fühle. Wenn schon jemand schuld sei, dann die Prüfungskommission der Universität, die nicht darauf aufmerksam gemacht habe, dass die von anderen Autoren wortwörtlich übernommenen Texteile nicht ohne Quelle verarbeitet werden dürften. Für Schmitt schienen weder seine Doktorarbeit noch die Ehre seiner Person in Frage gestellt zu sein. Er behauptete, entsetzt zu sein, weil er das Verfahren gegen seine Person als traurig und unwürdig empfinde. Hinter aller Entlarvungsabsicht stehe seiner Meinung nach ein geheimnisvoller Blogger aus einem Internetportal, dem es gelungen sei, die Öffentlichkeit irrezuführen. Es sei sein höchster Wunsch, noch eine PhD-Arbeit zu schreiben und dadurch die eigene Kompetenz auf dem Gebiet der Sportwissenschaften zu beweisen und seine Würde zurück zu gewinnen.

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Ihre Freitag-Redaktion

12:30 03.04.2012
Geschrieben von

Agnes Szabo

Hospitantin, Medienmittlerin
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