Gedanken aus der "freiwilligen Quarantäne"

- meine heutigen Gedanken Wie mein Leben ist, in Zeiten von Corona
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Seit letzte Woche die Schulen und Kitas schlossen, wurde mir, wie vielen, die ich kenne, bewusst, wie gravierend die Lage ist, in der wir jetzt alle stecken.

Es wurde von Hamsterkäufen berichtet, die mich leider ansteckten und so begab ich mich auf die Jagd nach haltbaren Nahrungsmitteln, Medikamenten und Toilettenpapier. Verlief zum Glück friedlich, auch wenn ich vier Läden abklappern musste, für Letzteres.

(Gedanken zum Hamstern von Toilettenpapier: Es hat etwas mit Würde zu tun, einen sauberen Hintern zu haben, wir wollen einfach würdevoll weiterleben. Nur sollte man dabei, meiner Meinung nach, den Kantschen kategorischen Imperativ nicht vergessen und man sollte beachten, dass es notfalls auch ohne Toilettenpapier würdevoll geht.)

Aufgrund einer (schon länger andauernden) Erkrankung bin ich gerade krank geschrieben und zu Hause. Ich bin Single und wohne allein.

Und als die Vorratsschränke gefüllt waren, begannen die Gedanken, das Kopfkino.

Was, wenn es zu einer Ausgangssperre kommt? Möchte ich dann ganz alleine in meiner Wohnung sein? Was ist, wenn mir vertraute Menschen krank werden? Was ist, wenn ich krank werde? Was, wenn ich schon (unwissentlich) krank bin und andere ansteckte, wenn ich raus gehe? Was ist, wenn ich meinen Arbeitsplatz verliere durch die Krise? Was, wenn Leute, die mir nah sind, ihren Arbeitsplatz verlieren?

Ich las und schaute den ganzen Tag Nachrichten. Machte mich selbst verrückt. Außerdem aß und trank ich mehr als normalerweise (beispielsweise Unmengen an Kaffee).

Irgendwann zog ich die Reißleine, noch vor dem Lager-Koller. Ich machte einen Plan, mit allen Dingen, die ich jetzt erledigen musste, konnte und wollte.

Und ich dachte an Leute, die mir wichtig sind und waren, auch an Leute, die ich vielleicht schon länger nicht gesehen habe, bekam auch eine sehr nette Mail von einer alten Freundin, meldete mich dann selbst bei den Leuten, telefonierte, schrieb Nachrichten.

Dann hatte ich das Gefühl, dass die Welt für mich kleiner wird in diesen Tagen, innerlich rücken wir näher zusammen, während wir physisch mehr Abstand halten müssen.

Ein Tipp einer Freundin war, alte Musik zu hören. Ein Kumpel meinte, er habe jetzt Zeit, Bücher zu lesen, die schon lang darauf warteten, gelesen zu werden. Einer, der auch allein lebt, wie ich, meinte gar, gegen sich Scrabble gespielt zu haben, funktioniere überraschenderweise gut. Podcasts, Serien, Wohnung aufräumen, ausmisten, ...

Ein Paradox ist es übrigens gerade, meiner Ansicht nach, ständig einkaufen zu gehen:

Mit Menschen, die einem wichtig sind, trifft man sich gerade nicht, weil man sie nicht unwissentlich anstecken möchte, gleichzeitig kommt man beim Einkaufen aber mit Menschen nah zusammen, die einem fremd sind. Was ist, wenn man diese unwissentlich ansteckt?

Jeder hat in seiner Familie oder unter Freunden gerade Menschen, die an „vorderster Front kämpfen“, damit die Gesellschaft noch irgendwie weiter funktionieren kann. Jede zu nahe Begegnung mit fremden Menschen ist wie eine zu nahe Begegnung mit den Leuten, die man gern hat.

Deshalb sollten wir uns alle an die Regeln halten, Abstand halten, uns nicht ins Gesicht fassen, so wenig wie möglich physischen Kontakt zu Menschen haben.

Ich habe auch gemerkt, dass es besser ist, nicht den ganzen Tag Nachrichten zu schauen, das zieht einen nur noch mehr runter. Am besten man konsumiert Nachrichten nur zu bestimmten Zeiten, ist anfangs schwierig, geht aber mit der Zeit ganz gut.

Und am besten nur auf die hören, die seriöse Quellen sind, in diesen aufwühlenden Zeiten.

Die Solidarität, die diese Krise auch hervorbringt, ist beachtlich und ist eine gute Nachricht.

21:36 22.03.2020
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Kommentare