Tschüß WhatsApp!

Ein Erfahrungsbericht „Hallo, eine Info: im neuen Jahr werde ich WhatsApp deinstallieren und nur noch über Signal und Threema erreichbar sein, guten Rutsch.“
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Der Moment, in dem ich meinen Freunden diesen Satz schrieb, sollte alles verändern, was sich in den letzten fünf Jahren entwickelt hatte, seit ich diesen Messenger heruntergeladen hatte.

Damals, 2013, war er noch ein Messenger, der für sich stand, bevor er dann 2014 von Facebook aufgekauft wurde. So wie die meisten, die ich kannte, war ich schnell begeistert von der neuen Art der Kommunikation, die er ermöglichte. Der Dienst verband mich mit Freunden auf der ganzen Welt. Mit Leuten aus der Schulzeit, mit Leuten aus dem Studium, mit meiner Familie, mit Arbeitskollegen, fast mit allen, deren Smartphone-Nummer ich irgendwann bekam. Es wurde nicht mehr lange überlegt, was man schrieb, war ja schließlich umsonst, nicht wie vorher bei der SMS. Das machte die Kommunikation irgendwie unmittelbarer und unbegrenzter. Es wurden Fotos, Videos, Musiktipps, gute Artikel geteilt. Die ersten Gruppen gründeten sich. Man fühlte sich permanent mit seinen Leuten verbunden, war immer auf dem Laufenden und konnte quasi in Echtzeit an deren Leben teilhaben. WhatsApp sei Dank. Freundschaften intensivierten sich scheinbar. Mit manchen blieben zwar die obligatorischen Festtagswünsche/-videos der einzige Austausch; durch Profilfotos und Statusmeldungen fühlte man sich aber auch hier immer auf dem neusten Stand, was deren vermeintliche Entwicklung des Lebens betraf. Auch ich nutzte gern diese Funktionen, in meinem Fall auch, um mich ein bisschen selbst darzustellen.

Gleichzeitig hatte ich genau drei gute Kumpels, die nie in das Netzwerk eintraten. Der eine ist auch heute noch nur über SMS oder Telefon zu erreichen (und besitzt noch ein altes Handy), der andere nutzt inzwischen Telegram und der dritte hatte mich schon früh überzeugt auch in den datensichereren Anbieter Threema einzutreten. Schon immer war er der Meinung, WhatsApp sollte man nicht unterstützen, da die Nachrichten früher nicht verschlüsselt waren und dann erst recht, als es Teil des digitalen Giganten wurde.

In meiner Jugend hatte ich verschiedene dystopische Bücher gelesen, die mich eigentlich vorsichtig bis teilweise paranoid gemacht hatten, was Überwachung, Datenschutz usw. betraf. Doch irgendetwas an WhatsApp war stärker als diese frühe Prägung, irgendetwas hatte der Messenger an sich, dass ich all meine Vorsicht und Paranoia über Bord warf und immer weiter bei ihm blieb und immer mehr von mir preisgab, immer süchtiger wurde nach neuen Nachrichten. Und ich weiß, da ich den Vergleich habe, dass ich noch sehr wenig verbunden war. Es gibt Freunde, da bimmelt der Dienst permanent, wenn ich mit ihnen bei einem Bier zusammensitze. Im Grunde können sie die Nachrichten gar nicht mehr richtig lesen, weil es einfach zu viele sind und sie antworten dann oft nur noch kurz und manchmal gar nicht.

Durch Zufall stieß ich im November auf eine Dokumentation über Facebook. Danach entschied ich mich dazu, dass ich diesen Konzern nicht mehr unterstützen wollte. Bis ich den Entschluss in die Tat umfasste, vergingen nochmal zwei Monate und so nahm ich das neue Jahr zum Anlass, einen Schlussstrich zu ziehen.

Doch auf die Reaktionen war ich nicht gefasst. Eine Freundin schrieb ironisch von Brieftauben, ein Kumpel wollte dann eben wieder E-Mails schreiben, viel Ironisches, viel Unverständnis, oft keine Bereitschaft auch nur irgendeinen anderen Messenger in Betracht zu ziehen. Und da wurde mir bewusst, dass ich stark sein musste. Die Kommunikation, an die ich mich so sehr gewöhnt hatte, dieses ständig auf dem Laufenden, Verwobene, würde plötzlich weg sein.

Viele meiner Freunde waren bereit dazu, diese vermeintliche „Nähe“ zu mir aufzugeben, weil sie sich einfach keinen anderen Messenger vorstellen konnten als WhatsApp. Der Dienst war so zur exklusiven Kommunikationsplattform mit ihren Liebsten geworden. Und weil alle, die sie kannten, auch den Dienst nutzten, konnte niemand den Anbieter wechseln. Viele sagten mir jetzt, dass sie vor langer Zeit mal andere Messenger heruntergeladen hätten, diese aber wieder deinstallierten, weil einfach die wenigsten darüber kommunizierten. Die Abhängigkeit war allgegenwärtig.

Doch ich hatte ein Vorbild. Die Freundschaft zu dem Kumpel, der noch SMSen schrieb, war nicht kleiner geworden, sondern eher größer in den vergangenen Jahren, in denen wir weiterhin auf dem herkömmlichen Weg kommunizierten.

Stelle ich die Leute vor eine Wahl? Was ist dir wichtiger WhatsApp oder ich? WhatsApp ist mehr als nur ein Messenger. Er ist die Matrix der heutigen Kontakte zwischen Menschen. Deshalb kann ich keinem böse sein, wenn er daran festhält und nicht mal einen anderen Messenger in Betracht zieht.

Aber ein Teil von mir weiß, dass die wahrhaftigen Verbindungen zwischen Menschen nie nur durch solche Messenger-Dienste aufrechterhalten werden können. Begegnungen von Angesicht zu Angesicht geben uns so viel mehr.

Jetzt werde ich erst einmal in eine freiwillige „Isolation“ schreiten und sehen was das neue Jahr bringt. Ich weiß nicht, ob ich es dauerhaft schaffen werde oder ob der Sog stärker ist, aber ich möchte zuversichtlich sein und es versuchen, immer an meinen Kumpel denkend, der bis heute so stark ist und noch nicht mal ein Smartphone besitzt.

13:42 31.12.2018
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