Meine Gedanken zum 17. Juni 1953

Volksaufstand? Als 89Jährige blicke ich nicht nur auf meine Erlebnisse in den Junitagen 1953, sondern auch auf die Ereignisse der Jahre 1989/1990 zurück
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Vor 65 Jahren verbrachte ich an zwei aufeinander folgenden Tagen jeweils einige Stunden inmitten protestierender Bauarbeiter der Stalinallee, den aus Westberlin in den Osten strömenden "Aufstands"-Akteuren sowie zahlreichen Mitläufern oder Neugierigen und verfolgte aufgeregt die Ereignisse vor dem Haus der DDR-Ministerien an der Leipziger Straße.

Irgendwo auf den verschwommenen Fotos von den "Volksaufständischen" muss auch mein Haarschopf zu sehen sein, und am Montag, dem 16. Juni stand ich unserem mutigen Redner - dem vormaligen Bergmann, furchtlosen antifaschistischen Widerstandskämpfer und inzwischen DDR-Minister Fritz Selbmann sogar derart nahe, dass ich ein spaßiges Detail seiner Kleidung wahrnahm. Alles andere war nicht spaßig, und der von ihm verkündete Regierungsbeschluss über eine Rücknahme der umstrittenen 10%igen Normerhöhung wurde kaum zur Kenntnis genommen.

In späteren Jahren dachte ich nur gelegentlich an das Erlebte zurück, und auch in Gesprächen zwischen Kollegen und Genossen war der in der Bundesrepublik alljährlich lautstark gefeierte „Volksaufstand“ eigentlich kein Thema - wahrscheinlich nicht zuletzt deshalb, weil die ihn verursachenden Entwicklungen kaum als Ruhmesblatt in die DDR-Geschichte eingehen würden.

Aber wir hatten nach notwendigen Kurskorrekturen unseren friedlichen Weg zum Sozialismus trotz aller Schwierigkeiten fortgesetzt und im Verlauf der nachfolgenden Jahrzehnte Erfolge errungen, die bis zum gegenwärtigen Zeitpunkt kein kapitalistischer Staat aufweisen kann.

Gemessen an den Umständen unter denen sie erreicht werden mussten, waren sie zweifellos beachtlich.

Mein Mann und ich standen 1989 bereits im Rentenalter und blickten auf ein erfülltes, obwohl keineswegs leichtes oder gar bequemes Leben zurück. Aber vor allem hatten unsere vier Kinder in der DDR nicht nur eine glückliche Kindheit und Jugend erlebt, sondern auch in den Jahren danach stets eine sichere Existenz und Perspektive gehabt.

Deshalb bin ich noch heute stolz und froh, dass ich zu den knapp 100 unbewaffneten jungen DDR-Bürger gehörte, die sich vom Zentralrat der FDJ Unter den Linden aus am Morgen des 17. Juni 1953 auf den Weg zum Haus der Ministerien machten.

Als wir ankamen, war der Platz noch leer, doch wir sahen den Demonstrationszug bereits von weitem in der Leipziger Straße heranrücken. Mir war unverständlich, dass unser wichtigstes Regierungsgebäude an diesem Tag völlig schutzlos lag. Die Fenster blieben geschlossen und nichts rührte sich, wahrend wir uns mit verschränkten Armen bei den Händen fassten und zumindest die der Leipziger Straße zugewandte Ostseite des Platzes abzusperren versuchten. Dies konnte nicht mehr als eine symbolische Handlung sein, denn wir Jungen und Madchen bildeten lediglich eine leicht zu durchbrechende Kette, und der Rest des großen Platzes blieb offen. Es war danach ein beklemmendes Gefühl, als die protestierenden Massen unaufhaltsam näherkamen. Alles schien möglich. Doch dann schwenkte der Zug unmittelbar vor dem zwar schwachen, aber standhaften Hindernis zur Seite, lenkte um unsere offene linke Flanke herum und kam auf der Kreuzung Leipziger-/Otto-Grotewohl-Str. zum Stehen. Bald waren die umliegenden Straßen ebenfalls von nachrückenden Demonstranten besetzt. Sie strömten nun auch aus westlicher Richtung heran. Erstaunlicher Weise blieb der zuvor durch uns halbseitig abgesperrte Platz aber selbst dann noch weiträumig frei, als wir von der Menschenmenge allmählich aufgesogen und voneinander getrennt worden waren. Auf unserer Seite soll es dabei mindestens einen Verletzten gegeben haben.

Längst ist vor allem aus dem Selbstzeugnis des damaligen RIAS-Chefredakteurs Egon Bahr klar, dass man von Westberlin aus versuchte, die als Streiks gegen Normerhöhung begonnenen Ereignisse durch pausenlosen Einsatz des Senders und im stillschweigenden Verbund mit Geheimdiensten, der berüchtigten "Kampfgruppe gegen Unmenschlichkeit", Ostbüro der SPD, alten und jungen Faschisten sowie kriminellen Randalierern, Schlägern, Plünderern, Brandstiftern und sogar Mördern zum ersten Regime Change der sozialistischen Länder Europas hoch zu putschen.

Dafür wurde sogar der ohnehin permanent gefährdete Frieden aufs Spiel gesetzt. Der deutsche Sozialdemokrat Egon Bahr musste erst von seinem US-amerikanischen Führungsoffizier gefragt werden, ob er denn den 3.Weltkrieg auslösen wolle, bevor er die offenen Aufforderungen zum Aufstand gegen die Regierung der DDR einstellte. Aber der Westberliner DGB-Vorsitzende Ernst Scharnowski und andere sprangen gern für ihn ein. Außerdem schickte der unverändert zielstrebige RIAS 70 bis 75 Westdeutsche und Westberliner am Abend des 16. Juni in die Bauarbeiter-Wohnunterkünfte der Stalinallee, um den organisatorischen Ablauf des Folgetages zu sichern. "Es sollte sich dann alles von Berlin aus wie ein Lauffeuer ausdehnen", berichtete Jahrzehnte später eine der Agitatorinnen dem diensthabenden Museumswächter - rein zufällig einer der Unseren. Doch sie hatte Westberlin leider befehlsgemäß am 17.6.1953 früh um 6 Uhr aus "Sicherheitsgründen" mit dem Flugzeug verlassen und konnte sich nur aus der Ferne über den anfänglichen Erfolg ihrer Bemühungen freuen.

Nach dem Anschluss der DRR an die BRD verfolgte ich mit wachsender Empörung die sich mit jedem Jahrestag steigernde Lügenpropaganda von Politik und Medien zum damaligen Geschehen. Denn allein schon die Darstellung der Ereignisse in Berlin und speziell vor dem Haus der Ministerien entsprach nicht der Wahrheit.

Stimmen des Widerspruchs gingen im hemmungslosen Geschrei der "DDR-Delegitimierer" unter. Weshalb ich mich Mitte der 90er entschloss, meine Altersruhe für einige Jahre zu unterbrechen, um die einsamen Rufer zu unterstützen und gemeinsam mit anderen Zeitzeugen den Verfälschungen der historischen Wahrheit ebenfalls entgegenzutreten.

Dazu gründeten wir die unabhängige Autorengemeinschaft "So habe ich das erlebt".

Unser erstes Buch erschien im Jahre 1999 - auf eigene Kosten und von vornherein ohne realistische Chance auf Rückerstattung oder Gewinn - unter dem Titel "Spurensicherung - Zeitzeugen zum 17. Juni 1953" im GNN-Verlag Schkeuditz, der sich bis zum heutigen Tag unermüdlich für die historische Wahrheitsfindung engagiert.

Anderweitige Unterstützung hatten wir nicht. Und obwohl sämtliche Fäden bei mir zusammenliefen, ich das Gesamtmanuskript erarbeiten, in Berlin und Umgebung auch eigene Recherchen anstellen sowie ständig allerhand Probleme mit Autoren, Verlag und Archiven klären musste, blieb ich ausnahmslos auf Schreibmaschine, Telefon, Post, öffentliche Verkehrsmittel - und meine allmählich streikenden Beine angewiesen.

Unter besseren Voraussetzungen - beispielsweise mit einer leider vergeblich erbetenen Unterstützung der damaligen PDS bei der Suche nach Zeitzeugen - hätten wir weitaus umfassender berichten und analysieren können.

Doch unter Berücksichtigung der damaligen Bedingungen bin ich mit den Ergebnissen zufrieden.

Der nachfolgende Link führt zum Eisensee-Report "Funkstudio Stalinallee" dem aussagestärksten Text unseres Gemeinschaftswerkes.

Dieses kann von dort aus vollständig durchgeblättert werden.

http://www.spurensicherung.org/texte/Band2/eisensee.htm#top

Besonders aufschlussreich sind außerdem die Texte

Einleitende Bemerkungen (Erkenntnisse und Meinungen des Redaktionskollektivs)

Hintergründe des 17. Juni 1953 (Fakten zur Einflussnahme der sowjetischen Partei- und Staatsführung)

Jetzt warfen die Leute Steine auf sie (Augenzeugenbericht aus Berlin)

Zum letztgenannten Beitrag eine persönliche Bemerkung.

Bei meiner schwierigen Suche nach weiteren Augenzeugen für die Ereignisse in Berlin stieß ich auf den eindrucksvollen Bericht eines damaligen Assistenzarztes der Berliner Charité, welcher "nie ein Freund der Sowjets gewesen war" weil sein Vater "ja ´47 von denen umgebracht wurde" - und der dessen ungeachtet in einer von Helle Panke e.V. im Jahre 1991 veranstalteten Gesprächsrunde offenkundig bei der Wahrheit geblieben war. Allerdings lagen diese noch unter vollem Namen getätigten Aussagen inzwischen längere Zeit zurück, und er war lediglich mit einer anonymen Veröffentlichung einverstanden. Vermutlich fürchtete er berufliche oder sonstige Nachteile.

Über die Geschichte seines Vaters sprach ich mit ihm nicht, obwohl dieser für mich kein Unbekannter war. Es handelte sich um unseren langjährigen Dresdner Hausarzt. Ich erinnere mich seiner Bemerkung, ich "sei ein echtes deutsches Mädchen" (weil ich - allerdings nur als gefühlte Indianersquaw - im Alter von etwa zwölf Jahren ohne Wimpernzucken zusah, wie er mir einen langen Schnitt am Unterarm beibrachte) und vermute, dass es sich bei ihm um einen Faschisten handelte. Später wurde er als verantwortlicher Mediziner für ein großes Lager mit sowjetischen Kriegsgefangenen eingesetzt. Und dort soll es besonders viele Todesopfer gegeben haben.

Im gleichen Jahr wie unsere Zeitzeugenberichte über den 17. Juni 1953 erschien auch das Buch "Wege in die DDR" sowie im Folgejahr "Leben in der DDR".

Zum Glück fanden sich danach jüngere Nachfolger für die bis dahin durch mich ausgeübte Koordinierungsfunktion. Ihrem unermüdlichen Einsatz ist es zu verdanken, dass mittlerweile 19 Bände der Buchreihe "Spurensicherung/Spuren der Wahrheit" existieren, in denen hunderte frühere DDR-Bürger - alte, aber auch zunehmend jüngere - auf mehreren tausend Seiten über ihre Erfahrungen in unserem untergegangenen Land berichten: überwiegend positiv und dankbar, aber zugleich auch kritisch und selbstkritisch.

Mir brachte die anfängliche Verantwortung für unser Projekt gewaltigen Stress, der jedoch durch das beglückende Erlebnis einer Gemeinschaft mehr als wett gemacht wurde, die mich an den schweren Anfang nach 1945 erinnerte. Denn Karrieristen, Mitläufer, Feiglinge und Besserwisser hatten uns auch damals gemieden.

Denen, die da nun der in Politik und Medien betriebenen Hetze gegen die DDR unbeirrt ihre Lebenserfahrungen gegenüber stellten, konnte man vertrauen, die Spreu hatte sich vom Weizen getrennt. Unabhängig von früheren Tätigkeiten oder Funktionen waren wir einander nah, jeder gewann durch seine Mitarbeit neue Erkenntnisse auf vielen Gebieten. Und manche für die Nachwelt wichtige Erkenntnis unserer Ältesten zur Zeit vor und während des Faschismus wurde buchstäblich kurz vor Toresschluss gerettet.

So oft ich die Bände durchblättere, setze ich hinter die meisten Namen der ersten Autoren in Gedanken ein Kreuz, erinnere mich ihrer unterschiedlichen Lebensläufe und spüre neben Trauer auch Zorn. Denn jede neue Verunglimpfung der DDR häuft weiteren Unrat auf ihre sowie die Gräber jener Millionen, die sich ehrlichen Herzens, oft über Jahrzehnte und meist unter persönlichen Opfern, unbeirrt für das friedliche Gedeihen unseres Landes und das Wohl seiner Bürger einsetzten - egal ob als Mitglieder der SED, einer Blockpartei, der Massenorganisationen, ob als Parteilose, Atheisten ... oder Christen, die diesen Namen verdienten.

Vor wenigen Jahren stieß ich auf eine Äußerung von Papst Franziskus: »Es sind die Kommunisten, die wie die Christen denken. (…)«

Von ihm stammt auch die an eine biblische Formulierung anknüpfende Forderung, seinen Nächsten mehr zu lieben als sich selbst.

Und nichts anderes war zu unserer Zeit die unausgesprochene Motivation Hunderttausender: Der Gesellschaft, den Menschen der DDR und der gesamten Welt mehr zu geben als von ihnen zu nehmen. Sie waren es auch, die stets dort einsprangen und in die Speichen griffen, wo andere versagten oder ihre Aufgaben aus anderen Gründen nicht erfüllten.

Einige von ihnen kannte ich persönlich und lernte weitere durch die gemeinsame Arbeit an unseren Büchern kennen, deren Autoren aus den unterschiedlichsten Bevölkerungsschichten und Berufen stammten.

Doch alle betrachteten ihr Verhalten als Selbstverständlichkeit, machten davon wenig Aufhebens und erwarteten auch keinen Dank.

Dieser wurde ihnen erst durch die siegreiche Bundesrepublik u. a. in Form massenhafter Vernichtung von Existenzgrundlagen, beruflichen Laufbahnen, Rentenansprüchen sowie einer bis heute anhaltenden beispiellosen Verleumdung und persönlichen Diskriminierung zuteil. Ungezählte wurden dadurch in anhaltendes psychisches aber auch physisches Siechtum, den frühzeitigen oder sogar selbst gewählten Tod getrieben.

Bekanntlich gehört die auf Beschluss der Warschauer Vertragsstaaten im August 1961 errichtete "Mauer" zu den beliebtesten "Delegitimierungs-"Argumenten gegen die DDR.

Doch: "Ohne Mauer hätte es Krieg gegeben" lautet nicht nur der Titel eines Buches des früheren DDR-Verteidigungsministers Heinz Keßler, sondern auch eine sinngemäße Äußerung des damaligen US-Präsidenten J. F. Kennedy.

Und hätte die Mauer bereits 1953 existiert, wären jene fernen Junitage sicher weitaus friedlicher verlaufen.

Zu dieser Überzeugung gelangte ich bereits nach Lektüre des Eisensee-Reports, in Kenntnis der ebenfalls von uns beschriebenen Putsch-Agitatoren-Aktion des RIAS sowie Berichten unserer Autoren, wonach ähnliche Typen damals auch in andere Orte der DDR einfielen, da sie ungehindert die Grenze passieren konnten.

Bestätigt fand ich meine Auffassung dann in einer Bildreportage des BRD-Journalisten Lutz Lehmann für den Hamburger Rundfunk aus dem Jahr 1973, auf die ich nach Erscheinen unseres Buches aufmerksam wurde.

Denn die in der Sendung publizierten Augenzeugenberichte von Erich Onasch und Helmut W. Sonntag, beide als westdeutsche bzw. westberliner Wochenschaukameraleute vor Ort, lassen keinen Zweifel, woher die jungen Leute von "zwölf bis fünfundzwanzig" kamen, die dort randalierten ... und Feuer legten ... speziell im Columbushaus und im ehemaligen Café Vaterland. ... Alle aus Westberlin." Und die Brandflaschen? "Es war wohl auf jeden Fall eine russische Emigrantenorganisation, die dann da vieles verteilte ... Flugblätter, Benzinkanister oder Brandflaschen und Stöcke und ähnliche Dinge. Also ... wer sich bedienen wollte, konnte von dort irgendwelche Dinge abholen."

Im weiteren Verlauf der Sendung stellen die Redakteure dem BRD-Journalisten Hans-Georg Schulz - damals durch enge Kontakte mit der Organisation Gehlen (Vorläuferin des BND) verbunden - die Frage nach der Rolle antikommunistischer Organisationen und Geheimdienste, die zu jener Zeit von Westberlin aus agierten und dazu problemlos auch die offene Grenze nutzen konnten. Dieser bestreitet zwar entsprechende Aktivitäten der Organisation Gehlen, (obwohl er zugibt, dass sie natürlich ihre Leute "drüben" hatte), bestätigt jedoch "Einstiegsversuche westberliner Untergrundorganisationen. Deren Anzahl habe bei "etwa vierzig" gelegen, "von kleinen Splittergruppen abgesehen, die gab's natürlich zu Hunderten."

Zwei damalige Streikteilnehmer bestätigen, dass die Arbeiter vor allem "gegen die Normen" und für ihren Lohn auf die Straße gingen und nicht, um die DDR zu beseitigen. "Das war kein Aufstand als solcher, das war, ... wie man hier in Westdeutschland sagen würde, ein Streik."

Prof. Arnulf Bahring stellte zum Anlass der Streiks sogar fest: "... dass diese zehnprozentige Normerhöhung weder willkürlich noch ungerechtfertigt war. ... Man kann sagen, dass die Normen damals in der DDR sehr niedrig waren in vielen Bereichen ..." Allerdings " ... in einem Augenblick, wo man allen anderen, auch den so genannten kapitalistischen Schichten der Bevölkerung Zugeständnisse machte, das außerordentlich deplatziert war."

Keineswegs zufällig tauchten damals an vielen Orten der DDR die gleichen Parolen - u. a. zum Sturz der DDR-Regierung - auf, denn sie waren mit Hilfe des RIAS erarbeitet und verbreitet worden.

Damit entsprach die Rolle Westberlins auch in jenen Tagen den über Jahrzehnte geäußerten Vorstellungen seiner Regierenden Bürgermeister. Die Herren Reuter, Suhr und Brandt rühmten es wahlweise als billigste Atombombe, Frontstadt, Pfahl im Fleisch der DDR ...

Die Zahl der Todesopfer des Juni 1953 wurde von Politik und Medien der Bundesrepublik lange Zeit mit 507 angegeben und erst 2004 auf 55 reduziert.

Nach Mitteilung der Bundeszentrale für politische Bildung sind in dieser neuen Zahl allerdings auch fünf Angehörige der DDR-Sicherheitsorgane, zwei Volkspolizisten und ein MfS-Mitarbeiter sowie der von einer wütenden Menge erschlagene Mitarbeiter eines Betriebsschutzes und ein versehentlich von sowjetischen Soldaten erschossener Volkspolizist enthalten.

Weiter heißt es: "Wegen angeblicher Befehlsverweigerung sollen in Berlin und Biederitz bei Magdeburg angeblich 41 sowjetischen Soldaten erschossen worden sein. Dazu konnten bisher keine gesicherten Hinweise gefunden werden. Dem aktuellen Forschungsstand zufolge handelt es sich um eine Legende des Kalten Krieges."

Professor Arnulf Bahring antwortete in der bereits weiter oben zitierten Sendung des Hamburger Rundfunks auf die Frage nach dem Vorgehen der Sowjetarmee: "... Ich würde sagen, dass die Sowjetunion insgesamt sehr vorsichtig und umsichtig ein Ende gesetzt hat, wenn man überhaupt von einem Aufstand in dem Augenblick reden will, wo die sowjetischen Panzer eingriffen. ... "

Ein weiterer Kommentar beschreibt den Versuch des sowjetischen Stadtkommandanten Dibrowa, von einem Panzer aus zu den Massen zu sprechen. Leider wird ihm kein Gehör geschenkt.

Später, am Potsdamer Platz, werden die sowjetischen Kampfwagen direkt angegriffen, "wurde Mann gegen Panzer gekämpft".

"Doch die Szenen zwischen Todesmut und Leichtsinn an der Grenze zwischen Ost- und Westberlin", heißt es dann im Bericht, "hatten kaum noch Beziehung zur Protestbewegung der Arbeiter von der Stalinallee. ...

Als ... am Potsdamer Platz Schüsse fielen, wurden sieben Personen tödlich verletzt. Sechs von ihnen waren Westberliner."

Der in unserem Buch enthaltene Bericht über den beispiellos brutalen Lynchmord an dem Rathenower Wilhelm Hagedorn verweist auf einen weiteren Aspekt der offenen Grenze.

Sein Anführer soll Mitglied der SA sowie führender Funktionär des Reichsluftschutzbundes in Rathenow gewesen sein. Offenbar entging der Verbrecher seiner Verhaftung, indem er sich rechtzeitig nach dem Westen absetzte. Und er war nicht der Einzige, der auf diese Weise davonkam.

Unsere Bücher über die DDR sollen vor allem die heute Lebenden zum Nachdenken anregen sind aber auch ein Schatz für Historiker, sollte man meinen. Und in der Tat betrachten die seriösen unter ihnen vor allem unseren Band zum 17. Juni 1953 als wichtige Quelle. Er hatte es sogar in das Literaturverzeichnis der Bundeszentrale für politische Bildung geschafft, wurde jedoch irgendwann entfernt.

Zu den Legenden um den "Volksaufstand" gehört bekanntlich auch der Versuch, ihn als Meilenstein auf dem Weg zur Einheit Deutschlands zu feiern.

Dagegen nannte der bekannt westdeutsche Professor Löwenthal den 17. Juni 1953 eine "verpasste Chance der westlichen Politik" und erläuterte dies in der hier bereits mehrfach genannten Sendung des Hamburger Rundfunks:

"Die verpasste Chance war nicht so sehr der 17.Juni selbst, wie die Wochen zwischen dem Tod Stalins und dem 17. Juni."

Prof. Löwenthal verwies darauf, dass die neue sowjetische Führung in dieser Zeit - um die Eingliederung der Bundesrepublik in die NATO zu verhindern - "nach indirekten Beweisen" zu Verhandlungen über die Einheit Deutschlands - auch unter Aufgabe der DDR - bereit war, aber weder Dulles noch Adenauer auf solche Signale reagieren oder selbst Verhandlungen vorschlagen wollten. Nach den Juniereignissen "entschied sich in Moskau die Abkehr von diesem Versuch. Und insofern beendete der Verlauf des 17. Juni diese Chance."

In Kenntnis dieser Umstände erscheint mir sogar das in unserem Buch (Artikel: "Hintergründe des 17. Juni 1953") beschriebene Verhalten der Moskauer Führung nicht als zufällig, obwohl es weder fair gegenüber den leitenden DDR-Funktionären noch einer Entschärfung der Situation dienlich war, sondern im Gegenteil erhebliche Verwirrung stiftete.

Mein Vorschlag an die Öffentlich-Rechtlichen zum bevorstehenden 65. Jahrestag der Ereignisse wäre, einfach diese Sendung aus der Mottenkiste zu holen, anstatt neue Geschichtsklitterungen zu produzieren und dazu ganz ungeniert auch mal dem einen oder anderen Zeitzeugen völlig sinnentstellend das Wort im Munde umzudrehen, wie es dem 1916 in Bremen geborene Oberingenieur Otto Pfeng - 1953 Oberbauleiter der Stalinallee - erging.

Wer den Eisensee-Report liest, lernt ihn als hoch anständigen Menschen kennen, und ich kann diesen Eindruck nur bestätigen. Zu seinem "Weg in die DDR" schrieb er: "DDR-Bürger wurde ich ohne mein Zutun" - weil er zufällig in Ostberlin wohnte - , machte auch in "Leben in der DDR" keinen Hehl daraus, dass mit der Grenzschließung am 13. August 1961 für ihn schmerzliche familiäre Probleme verbunden waren - und verteidigte sie in Kenntnis der damaligen Lage dennoch als zwingend notwendig.

In unserem Buch zum 17. Juni 1953 ist er Kronzeuge für die Authentizität des Eisensee-Reports und vermittelte uns außerdem den Kontakt zur bewundernswerten Isi Henselmann, die ihn ebenfalls bestätigte und durch einen eigenen Text ergänzte.

Und dann passierte ausgerechnet ihm, dass er nach Veröffentlichung unseres Buches von irgendwelchen üblen TV-Machern zum Interview gebeten wurde. Wonach man seine Aussagen derart geschickt zurechtschnitt, dass sich ihr Inhalt ins Gegenteil verkehrte und schließlich den politischen Vorgaben für die Darstellung des "Volksaufstandes" entsprach.

Nach Ausstrahlung der Sendung rief er mich voller Empörung an und ließ sich danach gewiss nicht wieder übertölpeln.

Ich besitze noch immer eine winzige Broschüre mit M. A. Leonows Überlegungen zu "Kritik und Selbstkritik". Sie schließen wie folgt: "In unserer Sowjetgesellschaft, in der die antagonistischen Klassen liquidiert sind, vollzieht sich der Kampf zwischen dem Alten und dem Neuen und folglich auch die Entwicklung vom Niederen zum Höheren nicht in Form eine Kampfes antagonistischer Klassen und durch Katastrophen wie im Kapitalismus, sondern in Form der Kritik und Selbstkritik, die eine wahre Triebkraft unserer Entwicklung und ein mächtiges Instrument in den Händen der Partei darstellt."

Das Heft stammt aus dem Jahr 1949. Die darin enthaltenen Forderungen wurden nicht nur in vielen tausend SED- und FDJ-Versammlungen und -Konferenzen diskutiert, sondern auch praktiziert. Ich selbst erlebte große Veranstaltungen, in denen das Präsidium vor allem fehlende Kritiken bemängelte.

Mein früherer Chef, Thüringens Ministerpräsident Werner Eggerath, wurde von der Parteiführung öffentlich für die Duldung von Liebedienerei u. a. gerügt (wie er damit umging, beschreibe ich in einem meiner Texte zur "Spurensicherung"), noch 1952 Ernst Lohagen, SED Landesvorsitzender von Sachsen "wegen Unterdrückung der Kritik" abgelöst u. a. m.

Nach meiner Erinnerung begann die Triebkraft "Kritik und Selbstkritik" erst nach dem Juni 1953 allmählich zu versiegen. Zugleich geschah es immer häufiger, dass offen gelegte Fehler und Mängel, selbst wenn sie eher unbedeutend waren, vom Westen ins Gigantische aufgebläht und propagandistisch ausgeschlachtet wurden, um die Stimmung der DDR-Bevölkerung negativ zu beeinflussen. (Daran denke ich angesichts mancher aktuellen Panne, beispielsweise im Hinblick auf die teils chaotischen Zustände bei der Berliner S-Bahn. Nicht vorstellbar, welches Geschrei sie ausgelöst hätten, als die DDR noch Verantwortung für Netz und Technik trug!)

Da akzeptierten sogar solche wie mein Mann und ich, dass man mit öffentlicher Kritik wohl vorsichtiger umgehen musste, konnten aber andererseits in den Folgejahren nicht mehr übersehen, dass es sich mancher Verantwortliche nun zunehmend leichter machte und allerhand selbstherrliche Karrieristen in leitende Positionen vordrangen.

In den 80er Jahren herrschte innerparteilich dann eine oft geradezu lähmende Atmosphäre, die dringend der Veränderung bedurfte. Weshalb mein Mann und ich - und mit uns wohl die Mehrheit der Genossen - zunächst auf Gorbatschows Perestroika-/Glasnost-Masche hereinfielen. Auch in meiner Parteigruppe wurde begeistert darüber diskutiert, denn dort nahmen wir nach wie vor kein Blatt vor den Mund. Dass der faule Zauber Gorbatschows unseren Karren endgültig gegen die Wand fahren würde, merkten zumindest mein Mann und ich erst während einer Urlaubsreise in die Sowjetunion.

Als die "DDR-Bürgerrechtsbewegung" von westdeutschen Politikern unter völliger Missachtung der Souveränität unseres Staates immer dreister manipuliert und voran getrieben wurde, war schnell klar, wohin der Weg führen sollte. Dieser Entwicklung wären wir wie Hunderttausende DDR-Bürger gern rechtzeitig entgegen getreten und erst recht den zunächst vom Westen mit Deutschlandfahnen eingeschleusten "Wir-sind-ein-Volk"-Demonstranten. Doch auf ein Signal der Parteiführung warteten wir vergeblich und hatten keine ausreichende Autorität oder Verbindungen, um den Widerstand selbst zu organisieren. Bald war es dann für friedliche Gegenwehr zu spät, die tobsüchtige Hetzjagd aufgeputschter Massen auf DDR-Sympathisanten in vollem Gange und bis zur Bereitschaft zu Lynchmorden aufgeheizt - eine regelrechte Pogromstimmung. Obwohl freundlich garniert mit der Parole "Keine-Gewalt!" von DDR-Bürgerrechtlern, die ja mehrheitlich zunächst nur "eine bessere DDR" anstrebten, bis dieser fromme Wunsch der übermächtigen westdeutschen Propagandakampagne zum Opfer fiel. Während meines Kuraufenthalts im zeitigen Frühjahr 1990 in Bad Sulza/Thür. dröhnte mir selbst noch auf der Massagebank eine Rede von Bundeskanzler Kohl lautstark in die Ohren, und jeder außer mir schien ergriffen zu lauschen. Immerhin äußerte später eine meiner Mitpatientinnen, man müsse aber wohl oder übel demjenigen führenden DDR-Funktionär unendlich dankbar sein, der im Herbst 1989 auf den Einsatz bewaffneter Kräfte gegen die Demonstranten verzichtet hatte. So viel ich weiß, handelte es sich dabei um den Honecker-Nachfolger Egon Krenz. Bei dem sich die bundesdeutsche Justiz ja dann auch prompt bedankte - indem sie ihn jahrelang einkerkerte.

"Vielleicht waren wir zu naiv" schrieb eine der DDR-Bürgerrechts-Ikonen, meine Altersgefährtin Christa Wolf, sinngemäß in ihrem letzten Roman. Das halte ich ihr zugute. Wo und wie sie die Junitage 1953 verbrachte, entzieht sich meiner Kenntnis. Aber man musste wohl den ersten Versuch zur Liquidierung der DDR nicht nur erlebt, sondern auch als solchen erkannt haben, um danach gegen die hinterhältigen Phrasen der angeblichen "Brüder und Schwestern" gefeit zu sein.

Die Frage, wie es vermutlich um ihn selbst, seine Familie, Deutschland, Europa und die Welt heute bestellt wäre, hätten die Feinde der DDR damals gesiegt und danach eine Kettenreaktion in anderen sozialistischen Ländern auszulösen versucht, sollte sich jeder am 65. Jahrestag des "Volksaufstandes" stellen. Die Antworten werden unterschiedlich bis krass gegensätzlich ausfallen.

Ich persönlich bin froh über den historischen Zeitgewinn für mich, meine Familie, Ost- wie Westdeutsche, alle Europäer und die gesamte Menschheit.

12:39 07.06.2018
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

AltDresdnerin

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