Amanda
12.11.2011 | 12:31 15

Eugen Ruges Quälding

Ein Blog-Beitrag von Freitag-Community-Mitglied Amanda


Mir ist kalt: Ich habe Eugen Ruges „In Zeiten des abnehmenden Lichts“ gelesen. Dort steht drin, dass die Zeit immer schneller vergeht, je älter man wird. Und das mit dem Trabant, der so laut knattert, dass man sich nicht unterhalten kann während der Fahrt.

Hinten ist ein Inhaltsverzeichnis, das aus den Überschriften der einzelnen Abschnitte besteht, ein exaktes Datum und Jahreszahlen. Diese Liste gab es zuerst, dann ging es ans Füllen? „2001“, „1952“, „1. Oktober 1989“, „1959“, „2001“, „1961“ etc. Kann auch eine Idee des Lektors gewesen sein, da es im Klappentext heißt: „2009 wurde Eugen Ruge für sein erstes Prosamanuskript 'In Zeiten des abnehmenden Lichts' mit dem Alfred-Döblin-Preis ausgezeichnet.“ Hä? Aus dem ausgezeichneten Manuskript wurde dann innert guter zwei Jahre (siehe auch: Marathonläufer) ein Deutscher Buchpreis.

Gelesen habe ich das Buch, weil ein Debüt mit 57 erst einmal sehr sympathisch scheint (Hier gibt es Gegenstimmen: Debüt ab 50, so deren Meinung, wird schwierig / verschroben / sehr eigen.). Ich las auch, weil die splitterhaft wahrgenommenen Informationen übers Buch mich denken ließen, hier läse ich etwas vom Leben einiger Menschen.

Dass das Buch nun aus Splittern besteht, die nur in Teilen ein Ganzes ergeben – der 1. Oktober 1989 wird sechs-, das Jahr 2001 fünfmal betreten – mag man mögen oder für künstlich aufgewertete Erzählsubstanz halten. Das unsäglich Entnervende an solcherart Konstruktion bleibt in jedem Fall die Frustration des Abbruchs, sobald der Leser eine Geschichte zu ahnen wähnt. Zack, zwanzig Jahre zurück, neue Perspektive, andere Szene. (Dass ich angesichts ca. acht auftretender Personen bei Seite 56 auf der Suche nach einem Stammbaum ans Ende blätterte, erzähl ich mal lieber nicht.)

Das mit dem abnehmenden Licht, der Dunkelheit, ist als „Dunkeldeutschland“-Topos nun Kanon geworden – so scheint es angeliests des Ruge-Werks. Deutscher Buchpreis für dunkle Zeilen, kalte Beschreibungen, nackte Seelen-Mosaike. Vieles negativ, weiß-schwarz, kurze Sätze wie Telegramme, und ich soll mir die Geschichte drumherum, das LEBEN drumherum denken, vielleicht. Regt nicht an zum Denken, Ausfüllen, so ein Gehacke.

Es ist vieles schlimm in dem Buch, für die Menschen, die leiden. Sie diskutieren und schreien sich an, sie werfen einander Dinge vor, sie sind entnervt vom anderen, sie finden den anderen doof. Alles in einem ruhigen, unvitalen Tone geschildert. Dass es mal gut war, irgendwann, dass man gern zusammen war irgendwann, einander lieb hatte, den andern toll fand: Zwei-, dreimal schimmert das durch im Buch. Neunzig Prozent der Seiten schildern das Glas halbleer. Es ist ein Elend.

Will niemandem sein Elend absprechen, keinem sein Scheitern vorwerfen. Aber gibt es nicht mehr Möglichkeiten? Ich kann den Umbau des Hauses durch Irina aus Kurts Sicht beschreiben, der das alles nicht fassen kann, die Auflösung fürchtet, den Ehrgeiz nicht versteht, wie Ruge das macht. Er scheint bei nahezu jedem Thema denjenigen suchen, der daran krankt, und schildert ein ums andere Mal die Seelenpein. Mein Fehler, wenn ich AUCH Irinas Freude, Energie, Kreativität beschrieben haben möchte? Weil das mit dem Gleichgewicht? Weil Leben immer beides ist: Auf. Und Ab?

Vorwerfen möchte ich Ruge, dass er den sich Quälenden nicht ein Quentchen Lust an dieser Quälerei gönnt, vor allem Alexander / Sascha trudelt durchs Leben, dass das Lesen seiner „Quäldinge“ keine Freude ist. Einzig bei Irinas russischer Seele, so scheint es, KANN Ruge mitunter nicht anders und zeichnet sie denn auch am liebevollsten, variantenreichsten, echtesten. Irina kenn ich jetzt, nach dem Buch. Die anderen – nicht.

Der im Klappentext angekündigte „Humor“ ist mir, Sie ahnen es, vollständig entgangen. Wilhelms Altersstarrsinn ist damit hoffentlich ebenso wenig gemeint wie Nadeshdas Eigensinn oder das Vegetarierbashing („Aber das ist doch Geflügel.“).

„Ein halbes Jahrhundert gelebter Geschichte, ein Deutschlandroman...“, rumort es im Klappentext. Mag stimmen: „In Zeiten des abnehmenden Lichts“ formuliert genau das, was manche unter deutscher Geschichte, ostdeutscher Geschichte verstehen. Was versteht man unter Geschichte? Gar nichts, weils zu laut ist.

Ich kam all so weidlich fröstelnd heraus aus dem Buch, ward ärgerlich und werd es nicht noch mal lesen, weil zum Wiederlesen ein Gefühl gehört, es muss kein gutes sein, das ich mit dem Buch verbinde. Mit Ruges Buch verbind ich lebensarmes Stakkato, ausschließlich aus Männersicht dargestellte sexuelle Nötchen (ca. fünf im ganzen Buch) und angerissene Geschichten ohne Abschluss en masse.

„1979. Selbst der Schnee, mit dessen Räumung die Leute seit Tagen schon wieder nicht hinterherkamen, konnte die Gegend nicht ansehnlicher machen.“ Kurz danach kommt das mit den vom Rauch der Kohleöfen geschwärzten Stuckfassaden – gern zitiert. Selbst die drei-, viermal aufflammende Leidenschaft für Thema und Figuren, die Ruge durchaus an den Tag legt, kann das Buch nicht zum Bestseller machen. DAS

kann nur ein Deutscher Buchpreis.Das Verrückte an ihm ist die Potenz, die er hat. Flugs wird in siebenhundert Sprachen übersetzt, das Marketingtöpfchen ist wohlgefüllt. Ich hab es ja AUCH geschenkt bekommen. Sehen Sie. Nickendes Winken in Richtung einiger Jury-Mitglieder.

Und. O'gheizt is!

Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.

Kommentare (15)

Magda 12.11.2011 | 15:08

Vielen Dank für die prima Rezension, die ich mit großem Interesse und Gewinn gelesen habe. Klasse.

"Mit Ruges Buch verbind ich lebensarmes Stakkato, ausschließlich aus Männersicht dargestellte sexuelle Nötchen (ca. fünf im ganzen Buch) und angerissene Geschichten ohne Abschluss en masse."

"Lebensarmes Stakkato" - das muss ich mir merken.
Der Deutsche Buchpreis kann viel, wie man weiß, aber er kann das sicherlich auch nicht ins Legato transformieren.

War das nun - wie beim "Turm" auch wieder so ein halbpolitischer Preis? Weiß man nicht, sieht aber so aus, was den Abstand zum Buch nicht verringert.

Ich investiere nicht in die Anschaffung, ich schreite zum Ausborgen. :_))

Katharina Schmitz 13.11.2011 | 14:38

ich bin auf Seite 100 und anderer Meinung. Ich kann dem Stakkato-Stil und den Zeitsprüngen sehr viel abgewinnen. Eben noch war Alexander der Fünfjährige im Hause der Großeltern. 2001 reist er nach Mexiko, auf den Spuren der Oma. Das Stakkato zeigt gut die Erinnerungsarbeit, den Versuch, die Kindheit zu rekonstruieren. Oder später - die bruchstückhaften Eindrücke vom erwachsenden Alexander, der sich durch die mexikanische Metropole treiben lässt. Allein, einsam, todkrank. Auch sonst, bis jetzt: schöne Dialoge, die die Charaktere wunderbar einfangen.

kay.kloetzer 13.11.2011 | 19:09

Liebe Amanda,
also ich hab's gern gelesen. Aber ich kann mir auch vorstellen, dass es nerven kann.
Das Springen durch die Jahre habe ich eher als Einkreisen des 90. Geburtstags empfunden, der ja, gelegt in den Oktober '89, als Ausgangs- und Endpunkt herhalten muss. Und kann. Besonders in den Geburtstags-Passagen habe ich den versprochenen Humor gefunden.
Auch meine Sympathien gelten vor allem Irina. Großartig die Szene, es ist das Weihnachtsfest 1991 und Alexander aus Moers angereist, als er und Kurt im Wohnzimmer über den „Ausverkauf der DDR“ streiten, über die Unterscheidung von Sozialismus und DDR, über Verluste und Gewinne durch den Systemwechsel, während Irina in der Küche die Gans zubereitet und ihr Whisky für Whisky das Essen wie auch das Leben entgleitet. Da bin ich beim Lesen, es ist nur eine Seite, glaube ich, besoffen geworden.
Was mich gestört hat, ist ein immer wieder aufflammender Hass, den ich herauszulesen glaubte, der zwischen Ruge und seinem Stoff steht.

Amanda 14.11.2011 | 13:01

Huju kay, vielleicht entsteht so ein Hass, wenn man zwei weitere Jahre an dem Ding arbeiten muss. Was ist ein Prosa-Manuskript? Und wie bekommt man hierfür einen Preis?

Ich wiederum kann mir vorstellen, dass mans gern liest, wie es auch Katharina Schmitz oben beschreibt. Fügt sich eins zum andern, Wiederholen aus unterschiedlicher Perspektive, damit verbundene andere Wahrnehmung usw. - Dass mich die Wahrnehmung oft gestört hat, mir gar Maaz's Mangelsyndrom in den Sinn kam, mag mein Problem sein.

kay.kloetzer 14.11.2011 | 13:21

"Was ist ein Prosa-Manuskript? Und wie bekommt man hierfür einen Preis?" In einem Porträt in der FAZ, das Ende August vor Erscheinen des Buches eine Seite füllte, liest sich das so: "Er hatte achtzig Seiten geschrieben, da las er in der Presse von einem Literaturpreis für unfertige Manuskripte. Er schickte seinen Text ein – und schaffte es prompt unter die sechs Finalisten. Zur öffentlichen Lesung wurde er als Letzter aufgerufen. Von da an stand sein Telefon nicht mehr still. Das Preisgeld, das er als Gewinner des Alfred-Döblin-Preises erhielt, rettete sein Haus auf Rügen – und letztlich auch den Roman. Aus den vielen Verlagen, die sich sofort um Ruge und sein unfertiges Buch bemühten, erhielt Rowohlt den Zuschlag. Jetzt steht das Buch auf der Longlist des Deutschen Buchpreises."
alles hier: www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/ein-deutsches-jahrhundert-im-roman-der-untergang-des-hauses-ruge-11125457.html

Amanda 15.11.2011 | 11:25

Danke, kay, ein spannender Link. Kann jetzt noch besser in Worte fassen, was mich stört: Das "Leid und Unglück", das auch den Roman durchzieht, der "Untergang des Hauses Ruge", den die FAZ umraunt, und Ruge selbst ist auch noch krank - derart defizitär zurechtgezimmert, hebt sich der Kritikhammer reichlich schwer.

Wenn ich den FAZ-Artikel lese, erschließt sich mir kein "Untergang". Ich lese von Menschen, die Entscheidungen getroffen haben. Ruge hat vier Kinder - wo geht dann da wer unter. Wenn mit dem "Untergang" der Untergang einer politischen Überzeugung gemeint ist, der mal gleich ne ganze Familie mit ins Dunkle reißt, tät ich mich an Ruges Stelle aber wehren.

Immerhin ist mir jetzt klarer, weshalb Ruge kein "lesbareres" (J.K.) Buch geschrieben hat.