GANZ lieben Gruß!

Das Kind Was ist kinderfeindlich?
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Von Herzen tauchte nur ungern aus einem zauberhaftigen Wochenende auf und hoffte, die Seelendudelei im Zuge heimwärts, Hamburg-Berlin, noch ein wenig aufrecht erhalten zu können, sah sich jedoch jäh eben jener Hoffnung beraubt, als statt eines ICEs etwas einfuhr, das IC hieß, das in den Rücken sch***** Schicksal, dachte er plebeijisch, und hub das Laufen an, nach vorn, zur ersten Klasse, die es ja wohl auch in einem IC geben musste.

Er hatte reserviert, Ruheraum, Gangplatz, bitte. Der eingesetzte Zug wartete mit „ggf. reserviert“-Dioden auf, von Herzen rollte die Augen, schob sein Gepäcke durch den menschenvollen Zug, sah in ebenfalls rollende Augen, spürte passive Aggressionen, fühlte seinen Seelendudelplan misslingen.

Am reservierten Platze traf von Herzen auf eine Frau, die im gezwungen ruhigen Tone „ich sitze hier mit meinem Mann und meinem Sohn“ barmte, von Herzen zog sich galant zurück, erspähte einen einzelnen, dioden- und auch sonst freien Platze am Fenster und kam an.

Bequem zurückgelehnt, schloss er die Augen.

Der Zug fuhr an, die Aufregung der anderen Fahrgäste legte sich allmählich, wollte sich legen, wollte dem Geräusche von Zeitungsblättern Platz machen, dem leisen Rattern des Zuges.

Die Sonne ging unter, so schön, so schön.

SCHREI!

Tapptapptapptapptapp.

Von Herzen schruk auf.

SCHREI!

Tapptapptapptapptapp.

Erst beim dritten Mal erhaschte er etwas Kleines, Halbhohes, Vorbeiwischendes.

Der Augenkontakt bestätigte von Herzens Ahnung: Hart, herzlos, selfish und blaugrau, umrahmt von einer praktischen Schüttelfrisur, die Bäckchen rund und rot, das Kleidchen herzallerliebst und der Mund plappernd, rufend, schreiend. Das Kind war ein Mädchen, und es war toll, wie alle Kinder toll sind.

Von Herzen lächelte milde, aber so, dass es das Mädchen nicht sah. 'Augenkontakt meiden!', dachte er und sah das Abendrot.

SCHREI!

Tapptapptapptapptapp.

In den folgenden knapp zwei Stunden lief das Kind hinauf hinab, rief, was ihm einfiel. Wurde zum Hund und bellte, wurde zur Akrobatin und schwang sich, auf von Herzens und allen anderen Armlehnen gestützt, jubelnd durch den Wagen.

Der „Sohn“ vom Textanfang durfte nun auch mitlaufen bzw. das tun, was bald ein Laufen sein würde. Er war jünger, und das Mädchen zeigte ihm allerlei.

Von Herzen mag Kinder, und er wusste, was alle wissen: Wenn sie nerven, sind sie nicht schuld.

Dennoch gönnte er einer Mitreisenden von Herzen (sic!) folgenden Dialog. Sie hatte sich durch Augenkontakt und bestätigende Rufe dem Kinde seit längerem angedient.

„Ist das dein Mann?“

„Nein, das ist mein Bruder.“

„Das ist aber kein Junge.“

„Das ist ein Mann, ein großer Junge.“

„Wie heißt der?“

„Hans.“

„Schläft der?“

„Ach schau, jetzt ist er aufgewacht.“

„Wie heißt du?“

„Barbara.“

„Wie alt bist du?“

„Ganz alt.“

„Zeig mal, so.“

Die Delinquentin sagt: „59“, und zeigt das mit den Händen.

„Ich bin drei.“ (Von Herzen bezweifelt das.)

Danach sucht die Mitreisende keinen Blickkontakt mehr.

Das Mädchen läuft und läuft und läuft, hin und her, von Herzen sucht sich abzuwenden, um nicht einmal im Augenwinkel wahrzunehmen, doch die Ohren, obgleich zugehalten, hören alles. Das Mädchen bleibt einmal stehen, schaut ihn lange an, schaut auf die die Ohren verschließenden Finger, und von Herzen spürt, wie ihr etwas klar wird – das keinerlei Konsequenzen hat, weil schon wieder eine neue Idee ins Köpfchen schießt.

Die Seelendudelei ist mit der Sonne untergegangen, von Herzen liest und benötigt hierfür mehr Energie als sonst. Die Konzentration lässt immer wieder nach und fordert wiederholtes Lesen ein und desselben Satzes. Es kommt kein Ärger auf, das ist – etwas anderes.

Wenn von Herzen etwas sagte, wäre er kinderfeindlich. Von Herzen IST aber nicht kinderfeindlich. Dennoch ärgert ihn die Situation: Geschätzt dreißig Menschen lassen ein Kind sein, wie es ist, und es ist gerade laut und dominierend. Und stört einen Menschen, von Herzen. Die Dunkelziffer ist schlecht einzuschätzen, weil nachgewiesen aber nur eine Mitreisende in Kontakt mit dem allseits offenen Kinde tritt, im hohen Bereiche zu verorten.

Von Herzen erinnert sich an den Vorabend, und muss nun doch sehr unaristokratisch grinsen. Da gab es Situationen, die eine Gruppe zu spalten drohten und, im Scherze, durch Abstimmung geklärt wurden. Großes Gelächter, wieherndes Armheben, gackerndes Einknicken und Akzeptieren der Unterlegenen.

Er stellt sich vor aufzustehen, den Sachverhalt umfänglich und objektiv darzulegen und um Handzeichen zu bitten.

Von Herzen ist sich sehr sicher, dass dem Treiben Einhalt geboten würde.

Er grinst.

Und sagt:

„Tschüß.“,

als das Kind ihm beim Aussteigen die Hand hinhält.

13:22 29.10.2012
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Geschrieben von

Amanda

Wieder hier, wieder da, wieder dort.
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Amanda

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