Homophobie und die zweite Infektionswelle

Notizen aus Seoul Wie Südkorea Gefahr läuft gegen sich selbst zu verlieren
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Homophobie und die zweite Infektionswelle
Der Alarm meines Handys klingelt penetrant, „Emergency Alert: Extreme“

Foto: Chung Sung-Jun/Getty Images

Donnerstag, 30. April: Null neue Infektionen innerhalb Südkoreas und Buddhas Geburtstag. Es ist der erste einer Kette von Feiertagen, und es herrscht blendendes, fast schon heißes Frühlingswetter in Seoul. Abends mache ich meinen täglichen Spaziergang in der Gyeongui-Line Bookstreet, einem schmalen, einige Kilometer langen Park auf der Fläche einer früheren Bahntrasse, gesäumt von Kirschbäumen, am Rande eines beliebten studentischen Ausgehviertels. Die Feierlichkeiten in den Tempeln wurden aus Vorsicht um einen Monat verschoben, es gelten weiterhin die strengen Regeln des Social-Distancing. Doch als ich in die Bookstreet einbiege staune ich mehr und mehr: dort wo in den letzten Wochen meist nur HundebesitzerInnen ihre oft in niedliche Kleidung gehüllten teuren Schoßhunde Gassi führten, und wenige Paare händchenhaltend schlenderten und für romantische Fotos mit Kirschblüten posierten, umsichtig nach den Abstandsregeln überholt von einigen Joggern, ist heute Festivalstimmung. Im Licht der Straßenlaternen und der Lichterketten der Bars balanzieren Kinder mit ihren Eltern auf den Schienensträngen oder kurven mit ihren Elektrorollern zwischen den Spaziergängern herum, große Gruppen von Freunden und Arbeitskollegen, wie man an den Businessklamotten erkennen kann. In beide Richtungen des schmalen Parks schiebt sich eine nicht enden wollende Schar von Menschen, alle mit Masken über Mund und Nase. Als ich mich gerade auf eine Bank setzen will, um die fröhliche Stimmung einzusaugen, fällt mir eine Frau mittleren Alters vor die Füße, ich springe auf und versuche ihr aufzuhelfen. Es ist verdammt schwer sie wieder auf die Beine zu bekommen, als ihr Partner herankommt und sie wieder steht, bemerke ich erst, dass sie keine Maske trägt, und beide sturzbetrunken sind.

Ich komme aus Berlin Kreuzberg, aber nach vielen Monaten Asien und einige Monaten Quarantäne bin ich berührt und schockiert zugleich. Es gibt sie noch, die Maßlosigkeit und Regelwidrigkeit, ich hätte es fast vergessen. Nachdenklich darüber, an was man sich alles gewöhnen kann, betrachte ich von der Bank aus verwundert das Getümmel in den an den Gehweg angrenzenden Bars: Wo sich an den offenen Fenstern hin zum Park in den letzten Wochen nur ein paar Lesende mit Maske auf den Barhockern von der Frühlingssonne blenden ließen, stehen heute Menschen dicht an dicht mit Biergläsern auf den hohen Tischen und Maske unters Kinn geschoben. Ich sehe weit aufgerissene Münder, die sich im Stimmengewirr Gehör verschaffen. Ich denke an die anstehenden Lockerungen und die nicht mehr nachvollziehbaren Infektionsketten in Deutschland und atme erleichtert tief durch: Heute null neue festgestellte Infektionen in Seoul. Klar es ist zu vermuten, dass das Virus noch in der Stadt unterwegs ist, und hier fände es ein einen perfekten Ort, um wieder ein breites sogenanntes Infektionscluster zu bilden. Aber, auch wenn die Regeln des Social-Distancing eigentlich noch gelten, und ich selbst noch nicht in dieses Getümmel eintauchen will, vielleicht muss man sich ab einen gewissen Punkt einfach auch auf ein bisschen Glück verlassen dürfen, dass nichts passiert. Und wenn sich herausstellt, dass doch jemand Erkranktes im öffentlichen Raum unterwegs war, dann kann man sich in Südkorea ja auf die breite Unterstützung und Mitarbeit der Bevölkerung bei den nun schon erprobten, von der Regierung empfohlenen Maßnahmen des Trackings und der Quarantäne verlassen, um ein entstehendes Infektionscluster wieder niederzuringen, so denke ich. Viele Bürger benutzen eine der vielen staatlichen oder privaten Apps, um festzustellen, ob sie sich gemeinsam mit einem Infizierten an einem Ort aufgehalten haben. Sie tragen beim Betreten von Freizeitparks, Indoor-Sportanlagen und Clubs freiwillig ihre Telefonnummer ein, und sie lassen sich von einer Handy-Warnung, basierend auf ihrem Bewegungsprofil, dazu auffordern sich auf SARS-CoV-2 testen zu lassen, um sich dann in Quarantäne oder freiwillige Isolation zu begeben. Mit dieser Bereitschaft einen Teil der Persönlichkeitsrechte aufzugeben und der Befolgung der Masken-, Abstands- und Hygieneregeln schafften es die Koreaner von den maximalen täglichen Neuinfizierten von 600 Personen am 2. März 2020 zu den Null Neuinfektionen am heutigen Tag, ohne dass sie ihr gesellschaftliches Leben durch einen Lockdown einfrieren mussten. Ich sehe mich um, keine Person in weniger als zwei Metern Nähe, ich nehme meine Maske ab, atme beruhigt durch und genieße die ausgelassene Feierlaune um mich herum.

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Montag, 4. Mai: Jetzt verkünden auch die staatlichen Behörden, dass mit einer niedrigen Infektionsrate von unter 20 Neuinfektionen in den letzten 18 Tagen eine neue Stufe der Epidemiebekämpfung erreicht sei, und die empfohlenen Maßnahmen des strengen Social Distancing ab Mittwoch den 6. Mai gelockert werden könnten. Museen, Galerien und Nationalparks könnten nun nach und nach wieder eröffnen und man könne zum lockereren Konzept des „everyday life distancing" übergehen. Zu diesem gehöre es, zuhause zu bleiben wenn man coronatypische Symptome verspüre, weiterhin Masken zu tragen und die Hand- und Hustenhygiene zu berücksichtigen.

Mittwoch, 6.Mai: Fünf Tage lang konnte ich mich bei meinem täglichen Check der Infektionszahlen in Südkorea über die Leerstelle in der Tabelle der Neuinfektionen in Seoul freuen. Ein sonniger erster Tag der offiziellen Lockerungen geht zu Ende, da kündigt sich in den Eilmeldungen koreanischer Nachrichtendienste via facebook an, dass auf das Glück kein Verlass war. Von einer Neuinfektion in Seoul ist die Rede. Na gut denke ich mir, das sollte ja kein Problem sein. Eine infizierte Person aus dem Umland wäre noch asymptomatisch am Wochenende in einigen Clubs in Seoul gewesen, jetzt wäre er und sein Kumpel zurück in der Provinz Gyeonggi positiv getestet worden. Mist, denke ich mir, Nachtclub, noch das Bild der übervollen Bars an der Gyeongui-Line vor Augen. Aber als ich mir die Nachrichten übersetze, stellt sich mein in den letzten Wochen gewachsenes Vertrauen auf Südkorea wieder ein: Unaufgeregt wird mitgeteilt, wann sich die beiden Männer wo aufhielten, King Club (00:00 - 03:30), Trunk (01:00-01:40), und Queen (03:30 - 03:50), alle Menschen, die sich zu dieser Zeit ebenfalls in den genannten Clubs im beliebten Ausgehviertel Itaewon oder zwei naheliegenden Mini-Supermärkten aufgehalten hätten, mögen sich in 14 tägige Isolation begeben, die Corona Hotline unter 1339 anrufen und sich bei Auftreten von typischen Symptomen in einem privaten Fahrzeug zu einem Testcenter begeben. Am Donnerstag Morgen veröffentlicht die Stadtregierung Seouls ein ausführliches Schaubild (siehe oben), das zeigt, dass vermutlich 1500 Menschen in der Nacht vom 1. auf den 2. Mai im Clubleben von Itaewon mit dem vermuteten Erstinfizierten des neuen Clusters, der innerhalb der Clubs keine Maske getragen hatte, zusammen getroffen sind. Von diesen Kontaktpersonen seien schon 11 positiv getestet worden, außerdem ein Arbeitskollege und eine behandelnde Krankenschwester in der Heimatprovinz. Alles transparent, alles im Griff, wie immer also?

Donnerstag, 7. Mai: Seit der Veröffentlichung der Namen der Nachtclubs hat das Korea Centers for Disease Control and Prevention, eine Unterorganisation des Gesundheitsministeriums, ein Problem: Anhand der Handynetzdaten versuche man die Personen zu kontaktieren, die sich zur fraglichen Zeit in den Clubs aufhielten, doch die Anrufe laufen laut den Berichten verschiedener Medien ins Leere. Es melden sich kaum Clubgänger zurück, um getestet zu werden. Was ist passiert? Auf meinem Facebook News Feed ploppt ein hässliches Bild auf: der Umriss des Coronavirus ausgefüllt in Regenbogenfarben. Kukmin Ilbo, eine große Tageszeitung mit protestantisch reformkirchlichen Hintergrund hat an diesem Morgen ihren Lesern verkündet, dass das Kings ein Schwulen-Club sei. Diese Nachricht frißt sich schnell durch die sozialen Netzwerke, in homophoben Kommentaren werden seitdem Homosexuelle als Schuldige für eine mögliche zweite Infektionswelle in Südkorea diffamiert.

Diese erneute Schippe der gesellschaftlichen Diskriminierung ist eine Katastrophe für die queere Community Südkoreas. Noch viel schwerer wiegt bei den möglicherweise betroffenen Partygängern jetzt jedoch die akute Angst vor persönlicher Stigmatisierung. Sie stehen vor einem Dilemma: Viele von Ihnen leben auf Grund der tief in der koreanischen Gesellschaft verwurzelten Homophobie ihre Homosexualität nicht offen. Sollten sie nun positiv getestet werden, und somit auch ohne Symptome zu vierzehntägiger Quarantäne gezwungen sein, würde das ihr Arbeitgeber erfahren. Ein 37 jähriger IT-Ingenieur erzählt dem britischen Guardian, er arbeite in einem typischen, sehr schwulenfeindlichen koreanischen Unternehmen, in Gesprächsrunden, denen auch der Firmenchef beiwohne, würde durchaus bisweilen die Meinung vertreten, dass Homosexuelle vergast werden sollten. Er fürchte, er würde bei einem, mit einer Quarantäne zwangsläufig einhergehendem Outing in Kürze aus vorgeschobenen Gründen gekündigt werden. Die Viruserkrankung würde er sicher überleben, ob er die soziale und berufliche Stigmatisierung überleben würde, da sei er sich nicht sicher.

Südkorea hat kein Antidiskriminierungsgesetz für sexuelle Minderheiten. Laut dem jüngsten Bericht der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung aus dem Jahr 2019 lag Korea in Bezug auf die LGBTQ-Inklusivität unter den befragten Mitgliedsländern an viertletzter Stelle, es erzielte 2,8 von 10 Punkten, wobei der OECD-Durchschnitt 5,1 betrug.

Samstag, 9. Mai: Um die Stimmung und Stimmungsmache der größten Nachrichtenportale abzuklopfen lese ich dutzende Onlineartikel quer; es finden sich nur sehr wenige Artikel in denen zu lesen ist, dass es sich bei den besuchten Clubs um Treffpunkte der queeren Szene handelt. Vielmehr wird klar, dass Politik und Medien die Gefahr erkannt haben, dass die in der koreanischen Gesellschaft fest verwurzelte Homophobie das Erfolgsmodell des schnellen und effektiven Kontakttracings und der Transparenz in der Epidemiebekämpfung gefährden, und letztlich sogar eine breite zweiten Infektionswelle verursachen könnte. Im regulären Samstag-Briefing des Gesundheitsministeriums zur Corona Epidemie teilt der Vize Gesundheitsminister Kim Gang-lip mit, dass in Seoul nun 17 Neuinfizierte aus dem Itaewon-Cluster festgestellt wurden. Er betont, dass Diskriminierung und Ausgrenzung den Gemeinschaftsgeist behindern und die Menschen davon abhält, ihre Infektionen aufzudecken. Er forderte ausdrücklich dazu auf, keine persönlichen Informationen angeblich bestätigter Patienten in den sozialen Netzwerken weiterzugeben oder Gerüchte zu verbreiten. Ein hilfloser Versuch, denn zynischer Weise verschlimmert der große Erfolg der Pandemiemaßnahmen der eigenen Behörde das Dilemma sogar noch: In einer Stadt ohne weitere Infektionscluster und nur 9 Neuinfektionen in den letzten 2 Wochen käme die angeordnete Quarantäne bei einem positiven Test einem Outing gegenüber dem Arbeitgeber gleich. Und auch die freiwillige Isolation würde selbstverständlich sofort mit dem Infektionscluster der Schwulenclubs in Verbindung gebracht. Das Gesundheitsministerium gibt die Schließung aller Bars und Clubs noch für den Samstag Abend für zunächst einen Monat bekannt.

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Samstag, 9. Mai, 16:16 Uhr: Der Alarm meines Handys klingelt penetrant, „Emergency Alert: Extreme“: Eine der neuinfizierten Personen scheint auch in unserer Nachbarschaft zu leben, ich bekomme eine Alarmnachricht auf Koreanisch, eine Neuinfektion in meiner Nähe wird mir gemeldet; ich werde erinnert weiterhin die Vorsichtsmaßnahmen einzuhalten und mich bei Symptomen sofort zu isolieren. Eine knappe Stunde später: „Emergency Alert: Extreme“: Alle Besucher der großen Clubs in Itaewon zwischen dem 24. April und dem 6. Mai werden aufgefordert sich selbst zu isolieren und unabhängig von Symptomen die Gesundheitszentren für einen Corona-Test aufzusuchen.

Mag das Coronavirus mit Hilfe moderner Technologie niedergerungen werden können, so spült es doch die dunkelsten Seiten einer jeden Gesellschaft nach oben. Und verloren wird der Kampf nicht allein gegen das Virus selbst, sondern letztlich gegen die tiefsitzende Menschenverachtung in der jeweiligen Gesellschaft: Seien es die Coronaausbrüche in den überfüllten Gefängnisse der Philippinen oder den USA, sei es die zweite Infektionswelle ausgehend von den ärmlichen Behausungen der Oversea Worker im reichen und schon sicher geglaubten Singapur. Oder sei es die tiefsitzende Homophobie der südkoreanischen Gesellschaft, und des südkoreanischen Präsidenten Moon Jae-in von der Liberalen Partei, der nach eigenen Aussagen "gegen die Homosexualität ist".

Die koreanischen Behörden können es jetzt eigentlich nur falsch machen, entweder sie geben mit dem Aussetzen der aggressiven Nachverfolgung der Handydaten ein wichtiges Instrument der Clusterkontrolle aus der Hand, um den Schutz einer sexuellen Minderheit zu gewährleisten, und gehen damit das hohe Risiko einer neuen, unkontrollierbaren zweiten Infektionswelle ein. Oder sie forcieren mit dem Aufsuchen der Handybesitzer zur Durchführung eines Tests auf Sars-Covid-2 deren Zwangs-Outing. Das Gesundheitsministerium würde nicht nur das Vertrauen in den konsensuellen Charakter der Pandemie-Maßnahmen verspielen, das liberale, moderne Südkorea hätte gegen sich selbst verloren.

19:01 09.05.2020
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Antonie Maybaum

Asienwissenschaftlerin, Schwerpunkt Pol. /Gesellschaft China und Philippinen, wo sie die letzten 20 Monate arbeitete. Derzeit im Corona-Exil in Seoul.
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