Container-James

Wohlstandsgefälle Die Diskrepanz zwischen Armut und Reichtum hat jedes Maß in jeder Beziehung gesprengt.
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Als ich James zum ersten Mal auf einer Party kennen lernte, fiel ich einer geradezu grandiosen Fehleinschätzung zum Opfer. Hätte ich gesagt "adrett gekleidet", so wäre das eine ziemliche Verniedlichung gewesen. Lederstiefel, schwarze Hosen aus edlem Stoff, eine Weste im Country-Style mit Hänge-Brimborium an den metallenen Zierknöpfen über einem weißen Hemd und ein grauer Cowboy-Hut auf dem Kopf. Alles in edelster Qualität, sauber wie frisch gekauft und gebügelt. Dazu führten wir eine gepflegte Konversation in verbildetem Deutsch. Ich habe ihn für einen dieser Künstler gehalten, die irgendwelchen Schrott zusammenschweisen und ihn teuer an Reiche verkaufen, auf einer dieser massenhaft stattfindenden Vernisagen, wo die einen Wohlstandskinder zusammengeschweißten Schrott an andere Wohlstandskinder verticken. Oder für einen Bankkaufmann mit Hippie-Vergangenheit, der unter der Woche anderer Leute überflüssiges Geld in Datenbanken einpflegt und am Wochenende mit der Live-Band auf den Bühnen von Volks- und Betriebsfesten zur Gaudi aufspielt. Als ich ihn später bis zur Bewußtlosigkeit betrunken neben dem Komposthaufen fand, kamen mir erste Zweifel. Aber erst Tage später erfuhr ich, das James zu den Ärmsten der Armen gehört, zu den absoluten Losern. Lange war es her, das James zu den verheirateten, gutsituierten Bürgern gehörte. Dann kam der Abschuß und in einem Strudel des Unerklärbaren hatte er jeden Tritt verloren.

Er war so süchtig, wie man es schlimmer gar nicht sein kann. Nach Alkohol sowieso. Daneben ballerte er sich alles rein, was ihm zwischen die Finger kam, von der Katzenminze bis zum Heroin. Das einzige, was ihn davon abhielt, in einem Zustand der permanenten Bewußtlosigkeit vor sich hin zu dämmern, war die Einschränkung durch die Verfügbarkeit. Nicht das es nicht möglich wäre, in diesem Land überall an alle Drogen zu kommen. Nein, das Geld war sein Problem, denn davon hatte er nicht genug. Anders als Schrottverschweißer und Finanzdatenbankfütterer hatte er nur knapp über 350 Euro im Monat, plus die Erträge, die er sich mit allen möglichen Deals erwirtschaftete. Mit Drogen handelte James nicht, denn die ihm zwischen die Finger kamen wurden schließlich umgehend und möglichst konzentriert verinnerlicht. James handelte mit Müll aus den Sammelstellen der Wohlstandsgesellschaft.

Container hatten es ihm ohnehin angetan, als eine Art Sucht in der Sucht. Oder wie eine Art wohlgemeinter Versinnbildlichung seiner selbst. Überall stehen die Dinger herum, gefüllt mit Bauschutt, Paprika aus dem Discountmarkt, Altkleidern die man nur mit viel Phantasie für alt halten kann, Sperrmüll frisch aus dem IKEA und auf dem Recycling-Hof stehen unbewacht die Edel-Container mit Computer-Hardware und Buntmetallen. Andere Messies stapeln ihre Wohnung voll mit Plastik und anderen, widerwärtigen Sachen, die Wohnung von James war ein Fest für die Sinne. Stundenlang konnte man begeistert in seine Welt eintauchen, fasziniert die feine Struktur des Prägedrucks alter Keksdosen ertasten, verblüfft die erstaunlichen Mechaniken von Omas Küchenmaschinen studieren oder das orgiastische Design von Jugendstil-Kitsch bewundern. Aus Kartons kramte ich eine NSDAP-Mitgliederliste von 1932 und die verloren geglaubten Schulzeugnisse meiner Freundin. Im Keller befand sich sein Kleider-Lager. Fast alle Altkleider-Container in Reichweite wurden von James des Nachts sorgsam und so ausgiebig, wie es die langen Arme seines schlacksigen Körpers zuließen, durchsucht. Er räumte die Sachen hinterher auch vollständig wieder ein, zwar etwas weniger gebügelt, aber sonst sehr sorgsam. Es waren ohne Übertreibung Tonnen von textilem Materialie jeden Monat, die durch seine Finger wanderten. Für alle Rotkreuz-Helfer mit Sinn für Bügelfalten war er eine Horror-Vision.

Nur das Beste war ihm gut genug. Was sollte er mit abgetragenen Jeans anfangen? Die Container waren voll mit fast neuwertigen Anziehsachen, Mutti hatte sie extra noch frisch gewaschen, damit die Sachen auch sauber in Afrika ankommen. Daher war James einer der bestgekleideten Menschen in unserer Stadt. Sein Outfit wechselte mit einer Häufigkeit, die jeden Schrottverschweißer von Papas Gnaden blaß aussehen ließ. War er auf dem besagten Fest noch ein hypothetischer Country-Sänger gewesen, so konnte man ihn einen Tag später mit dem feinen Anzug durch die Stadt laufen sehen oder als eine Art Nobel-Proll mit Jogging-Anzug von Hugo Boss - selbstverständlich mit Bügelfalten. Eine Waschmaschine hatte James nicht nötig. War das Zeug schmutzig geworden - und das war bei seiner Neigung, besoffen neben Komposthaufen einzuschlafen, ein schneller Turnus - dann wurde es entweder vertickt oder in eine Tüte gestopft dem Altkleidercontainer zugeführt. Der Nachschub war grenzenlos, im Keller waren Kleidervorräte für Monate eingelagert.

Was James da machte war Diebstahl, ein verschärfter noch dazu, denn er verkaufte seine Beute sogar, um sich seine Mittelchen zu finanzieren. Eine Preiskategorie niedriger, in der sie auch in der Kleiderkammer des Roten Kreuzes zu haben sind, sollte man vielleicht noch dazu sagen. Doch der Kleider-Abfall aus den Neubau-Vierteln wird normalerweise von caritativen Wohlfahrtsverbänden in Zusammenarbeit mit dubiosen, Porsche fahrendenden Wetgel-Typen auf Märkten zumeist in fremden Ländern umgesetzt. Bis zu 1.000 Euro bringt eine Tonne Premium-Qualität. James war also eine Zecke in der Harmonie der freien Marktwirtschaft und sie jagten ihn. Ich habe von einer Razzia gehört, bei der sie sein Lager im Keller ausräumten und von dem Umstand, das James beim Containern eine Sturmhaube benutzte, damit man in der Nacht sein helles Gesicht nicht sieht. James war also ein Verbrecher im herkömmlichen Sinne. Nicht weil er schon mal an Sylvester im Suff die bewußtlos besoffene Freundin von einem Suffkumpanen mißbraucht, sondern weil er die Gestetze des Eigentums vergewaltigt hat.

Es sind dieselben Wohlfahrtsverbände, die eine kurze Pressemeldung veröffentlichen, wenn die von dem Abfall um sich schmeissenden Wohlstandsbürgertum gewählten Parteien mal wieder ein Gesetz erlassen, mit dem sie die Gestrauchelten und Gescheiterten quälen, damit sie nicht die Gesetze des Eigentums vergewaltigen. Oft sitzen in den Vorständen dieser Verbände Ärzte und kommunale Sachbearbeiter, wie jene die James bisher sieben Entzugstherapien, fünf Richter, drei Bewährungshelfer und eine unbestimmte Anzahl von Polizisten aufgezwängt haben, obwohl er den Kampf gegen seine Süchte bereits vor Jahrzehnten aufgegeben hat. Es sind die, gegen die James um sein Gnadenbrot kämpfen muß. Aber wenigstens stopfen die Psychologen der Entzugskliniken, die Richter und die Sachbearbeiter auf den diversen Ämtern die Altkleider-Container mit Stoff voll - das ist die Logik in der Welt von James.

03:13 02.08.2012
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Anarc

Anarchist, kurz vor 50 und aus Süddeutschland. Undogmatisch pragmatisch. Anonymität wegen Gefahren für den Arbeitsplatz leider unvermeidlich.
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