100 Jahre "Die tote Stadt" von Korngold

Premierenkritik Live-Stream aus der Oper Köln
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Live-Streams können schon verstören!

Gestern Abend gabs - anlässlich hundert Jahre Uraufführung an der Oper Köln - Korngolds Die tote Stadt im Internet zu sehen und zu hören, und ganz unbenommen wird der übertragungstechnische und sonstige Gesamtaufwand, diese Premiere (Inszenierung: Tatjana Gürbaca) letztendlich überhaupt noch für ein abwesendes Publikum realisiert gehabt zu haben - der vorerst bis zum 10. Januar verlängerte Lockdown machte erneut alle Kulturstätten des Landes dicht - enorm gewesen sein; ja und es hätte alles auch perfekt geklappt, wenn da nicht diese Störungen gewesen wären. Die Marketing-Abteilung versandte noch am gleichen Abend, kurz nachdem der Dirigent Gabriel Feltz den Taktstock sinken ließ, Entschuldigungsmails, wo zu lesen war: "Bei vereinzelten Besucher*innen kam es aufgrund der Internetverbindung in Kombination mit dem Streaming-Player zu Problemen. Das tut uns leid!" Scheißtechnik, sage ich da nur.

Und sowieso handelt es sich bei den zwei Hauptgestalten der gewalttätigen Klangorgie um Leute mit einer mehr oder weniger gestörten Persönlichkeitsstruktur: Paul (Burkhard Fritz) betreibt einen privatkirchlichen Kult um seine verstorbene Frau Marie - und Marietta (Aušrine Stundyte), die zufälligerweise in sein Leben tritt und der Verstorbenen verwechselnd ähnlich sieht - so sieht es jedenfalls jener gestörte Witwer - , treibt ihren v.a. sexualgesteuerten Beherrscherinnenehrgeiz derart auf die Spitze, dass sie wohl nicht anders denn als Opfer statt Bezwingerin verenden konnte, MUSSTE ["du! wann bringt er sie denn endlich um?" fragte mein Freund in dem Moment, wo das arg glühende Duett zwischen den beiden noch nicht eindeutigst bestimmen wollte, wer nun wen in diesen Aufgeheiztheiten zur Strecke bringen würde]; Paul erwürgt sie also mit dem Schaltuch von Marie.

Eingebetteter Medieninhalt

Das alles [s.o.] hat die Regisseurin freilich etwas anders sehen wollen, und in ihrer Lesart ist Marietta eine Zwillingsschwester von Marie, die nur mal so vorbeigeschnüffelt kam, um nachzusehen, was da wirklich früher los war, und ob Paul, also Mariettas Schwager, ihre Schwester nicht vielleicht ermordet hätte oder so. Okay, kann man so sehen - hatte mich dann allerdings in seiner Denkart nicht gerade überzeugt.

Das Gürzenich-Orchester, das ja auch für sich in Anspruch nehmen kann, das Uraufführungsorchester gewesen zu sein, ist absoluter Mega-Star des Abends!!!!! Und sein Gast am Pult macht einen formidablen Eindruck - nein, er war und ist sich nicht zu schade, diesem unhaltbaren Dauerrausch an sich noch richtig Extradampf zu geben, dass es schließlich nur so krachte. Zudem hörte es sich "dennoch" delikat und nobel an.

Bariton Wolfgang Stefan Schwaiger (als Pauls Frank und Mariettas Fritz) wollten wir auch nicht ungenannt sein lassen; eigentlich lieferte er die überzeugendste gesangliche Gesamtleistung dieses - etwas gestört - gestreamten Live-Abends.

[Erstveröffentlicht auf KULTURA-EXTRA am 05.12.2020.]

DIE TOTE STADT (Oper Köln, 04.12.2020)
anlässlich der Uraufführung am 4. Dezember 1920 am Stadttheater Köln (Habsburgerring) und am Stadttheater Hamburg

Musikalische Leitung: Gabriel Feltz
Inszenierung: Tatjana Gürbaca
Bühne: Stefan Heyne
Kostüme: Silke Willrett
Licht: Andreas Grüter
Video: Sandra van Slooten und Volker Maria Engel (schnittmenge.de)
Chorleitung: Rustam Samedov
Dramaturgie: Georg Kehren
Besetzung:
Paul ... Burkhard Fritz
Marietta ... Aušrine Stundyte
Frank / Fritz ... Wolfgang Stefan Schwaiger
Brigitta ... Dalia Schaechter
Juliette ... Anna Malesza-Kutny
Lucienne ... Regina Richter
Victorin ... John Heuzenroeder
Graf Albert ... Martin Koch
Chor der Oper Köln ("Bester Chor" lt. OPER! AWARDS 2020)
Gürzenich-Orchester Köln
Premiere war am 4. Dezember 2020.
Live-Stream auf oper.koeln vom 04.12.2020

11:31 05.12.2020
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Geschrieben von

Andre Sokolowski

Andre Sokolowski ist Herausgeber und verantwortlicher Redakteur von KULTURA-EXTRA, das online-magazin
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