100 Jahre EINE ALPENSINFONIE von Strauss

Konzertkritik Doppel-Jubiläum mit der Staatskapelle Berlin (Gustavo Dudamel) und der Sächsischen Staatskapelle Dresden (Christian Thielemann)
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Die letzte Alpensinfonie, die ich mir in Berlin vergönnte, wurde in 2013 unter Kent Nagano mit dem DSO gespielt. Das klang sehr schön entschlackt und sehr, sehr schön entbreit. Als Jugendlicher zog ich mir die Dresdner Staatskapellen-Aufnahme unter dem Kempe immer wieder rein, ich zählte dieses Stück zu meinen absoluten Favoriten, weil: Ich (DDR-Kind) wurde durch sie richtig "alpensüchtig", und so drehte ich sie mir dann immer bis zum Anschlag auf... Nachdem die Wende schließlich glückvoll absolviert und nüchtern abgeleistet war, nahm die Begeisterung von Jahr zu Jahr bedenklich ab; und auf das Strauss'sche Alpenpanorama hatte ich, urplötzlich, kaum noch Lust. Von jetzt an wollte ich dann also nur noch ausnahmsvolle Vorstellungen dieses Machwerks live erleben, ja!

"Strauss leitete die Uraufführung am 28. Oktober 1915 am Pult der Dresdner Hofkapelle persönlich, und zwar – in Ermangelung einer Konzertorgel, die in der Semperoper in dieser Qualität nicht vorhanden war – in der alten Berliner Philharmonie. Dies war eines der ersten Gastkonzerte der Dresdner Staatskapelle, dem sich ab den 1920er Jahren eine regelmäßige Tourneetätigkeit unter der Leitung von Fritz Busch anschloss. Zwei Tage nach der Berliner Uraufführung fand die Erstaufführung in Dresden statt. " (Quelle: staatskapelle-dresden.de)

Der Zufall wollte es, dass unmittelbar (1, 2 Tage vorm hundertsten Geburtag der besagten Uraufführung) Eine Alpensinfonie gleich zweimal und von je einem anderen Orchester in der Philharmonie Berlin gespielt wurde - vorgestern dirigierte Gustavo Dudamel die Staatskapelle Berlin, und gestern Christian Thielemann die Sächsische Staatskapelle Dresden:

Dudamel entfachte - als das vielleicht Ohrenaufrüttelndste seiner Interpretation - eine Gewitter-Sturm-Szene, wie man sie sicherlich so bald nicht wieder hören wird. Das war gewiss das Spannendste und Kurzweiligste seiner Sicht der Dinge; alles das, was vorher resp. nachher war, klang halt nicht anders als es die Erwartung an den orchestralen Schmarrn hervorzutäuschen in der Lage wäre. Dieses Werk ist hochgenial komponierter und doch ausnahmslos-illustrativer Kitsch.

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Gustavo Dudamel und die Staatskapelle Berlin mit Straussens Eine Alpensinfonie am 26. Oktober 2015 in der Philharmonie Berlin | Foto (C) Thomas Bartilla

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Der Unterschied zur Dargereichung durch den Thielemann und "seine" Staatskapelle Dresden war enorm! Ja und obgleich sich eigentlich die Streichersounds der beiden Traditionsorchester nur in ihrer regionalen Laune also nicht sehr wesentlich dann voneinander unterscheiden, scheinen doch - zumindest was die Alpensinfonie betrifft - die Dresdner die klangfülligere und klangsonnigere Variante abgespielt zu haben. Alles wirkte voller, wärmer als bei dem Erhörten Tags zuvor. Die Übergänge fließen mehr, der Bläserapparat (Trompeten, Hörner) funktioniert 1 A (und völlig gurkenfrei!) und klingt auch nicht so hingeknallt bzw. abkanzelt wie bei dem Berlingeschwister. Irgendwie bekam man auch erneut den Eindruck, dass der Thielemann, der ja wahrscheinlich wirklich wohl der allerbeste Dirigent von Strauss sein dürfte, ausgerechnet dann bei diesem Klangkörper der allerbestens aufgehob'ne Weltkapellmeister (dort!!) ist. Die Beiden - Thielemann & Staatskapelle Dresden - sollen/müssen lange, lange noch zusammenbleiben; bitte, bitte!!

Vor dem Strauss gab's Mozart mit dem jüngst "wieder entdeckten" und inzwischen 93jährigen Menahem Pressler - er erlebte seinen medialen "Durchbruch" bei dem letzten (Wiedergutmachungs-) Silvesterkonzert der Berliner Philharmoniker, da spielte er das Mozart'sche Klavierkonzert KV 488.

Für sein Debüt bei der Staatskapelle Dresden wählte er KV 595.

Man sah und hörte, und man kam schlicht aus dem Staunen nicht mehr raus.

Ich hatte Thielemann noch nie zuvor so schön und innig lächeln sehen - jedesmal, wenn er dann, seitlich zu dem Pressler hingedreht, mit ihm sich einsatzmäßig "abstimmte" und nachgerade überzeugt war, dass das Alles, was sie beide miteinander machten, einfach richtig war.

Standing Ovations, Tränen der Rührung.


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Christian Thielemann am Pult der Sächsischen Staatskapelle Dresden © Matthias Creutziger

[Erstveröffentlichung von Andre Sokolowski am 28.10.2015 auf KULTURA-EXTRA]

01:51 28.10.2015
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Geschrieben von

Andre Sokolowski

Andre Sokolowski ist Herausgeber und verantwortlicher Redakteur von KULTURA-EXTRA, das online-magazin
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