AH/HA von und mit Voetvolk / Lisbeth Gruwez

Tanz im August Aus Belgien kommt immer noch das beste Tanztheater der Welt, wahrscheinlich
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

AH / HA von und mit Voetvolk / Lisbeth Gruwez! So etwas Verrücktes hab' ich lange nicht gesehen und - gehört!!

*

In diesem Stück würde die flämische Choreografin und Tänzerin"den unwillkürlichen Reflex" seziert und "den erschütternden Akt in seine bewegenden Einzelteile" zerlegt haben. Es sei "eine befremdliche Abstraktion für fünf bizarr gekleidete Typen, die nahezu willenlos von einem Zustand in den nächsten gleiten."(Quelle: tanzimaugust.de)

*

So [s.o.] ist's also, rein theoretisch, gemeint. Ja und auf diese Art und Weise kam es bei mir an:

Mercedes Dassy, Anne Charlotte Bisoux, Lisbeth Gruwez (!), Vicente Arlandis Recuerda und Lucius Romeo Fromm stehen erst mal nur herum und federn oder wippen in autistisch anmutender Selbstentäußerung, und irgendwie stupide aus sich raus guckend, so auf der Stelle. Maarten Van Cauwenberghe hat hierzu einen Sound kreiert, der (anfangs) wie ein fernquietschendes Fußbodenerzittern klingt. Man sieht der zeitlupigen Fortentwicklung ihrer augenscheinlichen "Verhaltensweisen" in gebannter Weise zu und denkt sich, irgendwann wird sich die Angelegenheit bestimmt noch ändern und der lahmarschige Zug vielleicht noch Fahrt aufnehmen oder wie?

Tatsächlich!

Als der nervtötende Sound in absolute Dumpfheit umschlägt und es daher klingt, als käme nun der Ton "von innen", kommt allmählich Leben in die Bude und - die audielle Artikulationsmaschine kommt in Gang. Bisher obsiegte ja so eine Art sprachdefizistische Voraussetzung; Menschen, die halt nicht sprechen können, so was gibt es ja. Doch nun:

Sinnigstes Freudentäumelchen über gemöglichte Lautmalereien. Ja, ein erster (hörenswerter) Weg sich miteinander zu verständigen; zigmal wird "Ah" und Anderes verlautbart; die Bewegungen sind zwar noch immer eckig, aber etwas flotter geht es mittlerweile schon zur Sache...

Später dann, nach einer schon extremen Lach-Lektion mit vielen voneinander abweichenden "Ha"-Vorschlägen oder -varianten das schier Tollste an dem zauberhaften Stück: Es kommt zu einer laokoonartigen Kollektivverknäuelung als Akt zu fünft. So eine stilisierte und ganz frei von Pornografischem gebaute Sex-Szene, wo nicht mehr auszumachen ist, was hinten und was vorne ist und wer dann eigentlich wen abtastet und küsst...

Vereinnehmende Hocherotik!!

* *

Im HAU1 gab es kein Halten mehr. Die Leute tobten.

[Erstveröffentlicht auf KULTURA-EXTRA am 25.08.2016.]

Tanz im August

AH|HA (HAU1, 24.08.2016)
Konzept und Choreografie: Lisbeth Gruwez
Komposition und Sounddesign: Maarten Van Cauwenberghe
Mit: Mercedes Dassy, Anne Charlotte Bisoux, Lisbeth Gruwez, Vicente Arlandis Recuerda und Lucius Romeo Fromm
Stylist: Catherine Van Bree
Dramaturgie: Bart Meuleman
Lichtdesign: Harry Cole
Assistenz Licht: Caroline Mathieu
Produktionsleitung: Liesbeth Stas
Produktion von Voetvolk vzw

09:40 25.08.2016
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Andre Sokolowski

Andre Sokolowski ist Herausgeber und verantwortlicher Redakteur von KULTURA-EXTRA, das online-magazin
Schreiber 0 Leser 8
Andre Sokolowski

Kommentare