AIDA an der Deutschen Oper am Rhein

Premierenkritik Eine Art katholischer Begattung von Kriegsgräbern
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Philipp Himmelmann (Regie) sowie Johannes Leiacker (Bühne) hatten sich vor zehn Jahren Don Carlo von Giuseppe Verdi an der Staatsoper Unter den Linden vorgenommen und erhielten für die Inszenierung volles Lob; auch wir waren, als wir ihn zeitversetzt (2011) gesehen hatten, stark beeindruckt... Jetzt haben sich beide Männer um Aida an der Deutschen Oper am Rhein gekümmert; und Gesine Völlm (nicht zu vergessen) tat hierzu ihre Kostümentwürfe beisteuern.

Am Anfang, und noch während himmelvollergeigenhaft das flirrend-schöne Vorspiel läuft, sehen wir Morenike Fadayomi als ein Stubenmädchen [war da nicht schon mal, Jahrzehnte ist es her, so etwas ähnliches "Skandalverheißendes" in Frankfurt auszumachen?], das in einer Art von zimmerpalmenvollgestelltem Wintergarten - quasi in sich abversunken - so herumsteht und auf neue Dienstanweisungen der kolonialen Herrschaft wartet; links sehen wir ferner einen Stutzflügel, auf dem ein an die Nofretete querverweisendes Stück Nippes abgestellt ist, und das Interieur an sich weist also, wie schon angedeutet, weniger aufs Pharaonige, mehr auf so Koloniales hin:

"Die starke Orientierung auf den Export von Baumwolle führte zur Bildung von Großgrundbesitz, was wiederum zu einer verstärkten Landflucht in die Städte führte. Zwar wurde 1869 der Sueskanal eröffnet, doch gewann Ägypten dadurch für die europäischen Mächte große strategische Bedeutung, was zu stärkeren Einmischungen führte. Außerdem war Ägypten, auch durch die verfehlte Finanzpolitik unter Ismail Pascha, gezwungen, seine Anteile am Sueskanal an Großbritannien zu verkaufen. Nach dem faktischen Staatsbankrott wurde eine internationale Finanzaufsicht unter britischer Leitung gebildet." (Quelle: Wikipedia)

Aidas Uraufführung war am 24. Dezember 1871 im damaligen Opernhaus in Kairo. "Eine Oper für Kairo komponieren!!! Puh! Ich gehe nicht hin, sie zu inszenieren, weil ich fürchten müsste, dort mumifiziert zu werden. Ich muss Euch jedoch sagen, dass der Vertrag noch nicht unterschrieben ist. Aber da meine Bedingungen – und die waren hart – telegrafisch akzeptiert worden sind, kann man ihn für abgeschlossen halten. Wenn mir jemand vor zwei Jahren gesagt hätte, ‚du wirst für Kairo schreiben‘, hätte ich ihn für einen Verrückten gehalten, aber jetzt sehe ich ein, dass ich der Verrückte bin." (Verdi in einem Brief v. 16. Juli 1870 an seinen Freund Giuseppe Paroli) Der Komponist erhielt ein Auftragshonorar von 150.000 Goldfranken - das allerhöchste, was es bis da jemals gab!

Spätestens ab dem Punkt, wo - siehe Wintergarten-Eingangsbild - urplötzlich eine Abordnung des als katholischer Klerus eindeutig Identifizierbaren in Himmelmanns, Leiackers und Völlms "aufgefrischte" Stücksicht Einzug in die Szene nimmt, versiegt das Interesse unsereiner, sich noch weiter hiermit auseinandersetzen zu wollen, schlagartig. Das will nicht viel mehr sagen, dass uns das Gesamtkonzept in seiner aufgesetzten Kläglichkeit in Folge relativ egal erschien. Das Alles wird auch nicht mehr groß durch eine wie auch immer konzeptionell begründete Auseinandersetzung mit dem politischen Totenkult (Eva Badorová muss herbeigeschleppte Kriegersärge in ekstatischer Verzückungslaune nach und nach begatten) wett gemacht. Was Himmelmann hingegen sehr, sehr gut kann, ist (ganz offensichtlich) mit den Leuten, die das Alles für ihn spielen, sozusagen umzugehen; und so halten wir dann insbesondere die handgreiflichen Szenen zwischen Amneris/Aida, Aida/Amonasro, Radames/Amneris für durchaus geglückt. Und auch das Schlussbild mit dem langsam sich herabsenkenden Zwischenboden (wo besagter Wintergarten aus dem 1. Akt drauf ist) kann als gekonnt-gemachte bühnenbildnerische Überraschung durchgehen.

* * *

Susan MacLean (Amneris) hinterließ den imposantesten Gesangseindruck des Abends! Auch Boris Statsenko (als Amonasro) und selbstredend Morenike Fadayomi (als Aida) wollten wir nicht unerwähnt sein lassen.

Axel Kober dirigierte "seine" kurzweilig und kräftig aufgespielt habenden Düsseldorfer Symphoniker.

Chor und Extrachor der Deutschen Oper am Rhein: in Topp-Form!!

Alles in Allem allerdings: Ernüchterung.


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Aida an der Deutschen Oper am Rhein - Foto (C) Matthias Jung

[Erstveröffentlichung von Andre Sokolowski am 28.11.2014 auf KULTURA-EXTRA] http://vg05.met.vgwort.de/na/a34d0344704340e7b2e5c60a1ed4152c

AIDA (Opernhaus Düsseldorf, 28.11.2014)
Musikalische Leitung: Axel Kober
Inszenierung: Philipp Himmelmann
Bühne: Johannes Leiacker
Kostüme: Gesine Völlm
Licht: Manfred Voss
Chorleitung: Gerhard Michalski
Dramaturgie: Hella Bartnig
Besetzung:
Il Re ... Thorsten Grümbel
Amneris ... Susan Maclean
Aida ... Morenike Fadayomi
Radamès ... Sergej Khomov
Ramfis ... Adrian Sâmpetrean
Amonasro ... Boris Statsenko
Un Messaggero ... Hubert Walawski
Sacerdotessa ... Eva Bodorová
Chor der Deutschen Oper am Rhein
Düsseldorfer Symphoniker
Premiere in Düsseldorf war am 28. November 2014
Weitere Termine: 30. 11. / 3., 7., 13., 18., 20., 28., 30. 12. 2014 (in Düsseldorf); 29. 3. / 12., 14. 4. / 9., 22. 5. 2015 (in Duisburg)

20:00 01.12.2014
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Andre Sokolowski

Andre Sokolowski ist Herausgeber und verantwortlicher Redakteur von KULTURA-EXTRA, das online-magazin
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Andre Sokolowski

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