AMOR VIEN DAL DESTINO von Agostino Steffani

Premierenkritik Singuläre Ausgrabung durch René Jacobs und die Akademie für Alte Musik Berlin
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Die 1709 in Düsseldorf uraufgeführte Oper Amor vien dal destino von Agostino Steffani (1654-1728) ist jetzt - nach über 300 Jahren (!) - szenisch erstmals in Berlin erlebbar. Der in puncto Ausgrabung genial-umtriebige Welt-Flame René Jacobs hat das über dreieinhalbstündige Opus, musiziert von der unübertrefflich scheinenden Akademie für Alte Musik Berlin, jetzt an der Staatsoper im Schiller Theater herausgebracht.

Auch wenn der barocke Tonsetzer "heute nur wenigen ein Begriff sein dürfte, so gehörte er doch zu den berühmtesten Komponisten seiner Zeit. So hatte er einen maßgeblichen Einfluss auf den jungen Georg Friedrich Händel und wurde auch von Johann Sebastian Bach bewundert. Zugleich machte Steffani als geschickter Diplomat Karriere und missionierte später als Apostolischer Vikar in Ober- und Niedersachsen. Neben zahlreichen Kammerduetten komponierte er 17 Opern, in denen er sowohl italienische, französische und deutsche Stilelemente miteinander verband." (Quelle: staatsoper-berlin.de)

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Das Stück (zu deutsch etwa mit Die Liebe fällt vom Himmel übersetzbar [eine Nacherzählung mag ich aus genervtheitsgründigem Motiv nicht vornehmen]) vereint ein Dutzend Menschen und Götter in sich - das wird vor und hinter stilisiertem Samtvorhangsgehänge wuchernden Schilftrockenwedeln (Bühne: Dirk Becker) auf 9 Ausführende, die in weißschwarzgoldfarbenem Permanentbarock (Kostüme von Stephan von Wedel) anzutreten haben, auf den Punkt gebracht; wobei drei SängerInnen unter ihnen doppelt und der eine mitwirkende Schauspieler (Konstantin Bühler als Amor-Darsteller) "unsingend" besetzt sind. Die bewerkstelligte Inszenierung Ingo Kerkhofs kann und muss als klug und kurzweilig - kurzum: suboptimal - bezeichnet sein!

Aber das so schon daseiende Hochgeniale der Musik im Ganzen (René Jacobs hat mit seinem Regisseur eine mit Strichen durchgespickte eigene Aufführungsfassung - nach der Edition von Colin Timms - erstellt) obsiegt, ganz ohne jede Diskussion. Ja und Steffani klingt halt unverwechselbar - und nicht so eindeutig wie Händel beispielsweise; er wäre, sagt Jacobs, "im Grunde noch ein Komponist des 17. Jahrhunderts", und er verzichtete auch "auf die später gleichsam obgligatorische Da-capo-Form" (na Gott sei Dank!!).

Blickt man in den nach oben angehobenen sowie durch einen ihn nach vorn verlaufenden Holzsteg geteilten Orchestergraben, ist die Akamus (im linken Teil) in ihrer "normalen" Tutti-Besetzung und (im rechten Teil) mit einem diversen Instrumentarium aus Harfe, Laute, Gamben und/oder Lirone zu besichtigen; jeweils rechts/links ein Cembalo mit einer darunter befindlichen Kleinorgel. Auch registrieren wir auf dem Besetzungszettel solch wunderlich zu lesende Spezialmusikinstrumente wie das Chalumeau etc. pp.

Das Alles [s.o.] macht allein schon Spaß und Freude, wenn man es "rein optisch" - und am günstigsten vom Rang aus - zu beobachten privilegiert ist.

Es gibt engelsgleiche Arien und Duette in dem Stück - wenn du die hörst, denkst du, du bist im siebten Himmel! Und das Beste an dem Allen: Sie sind (instrumental) derart "spärlich" unterfüttert, dass du unablässig wählen kannst, worauf du instinktiv bevorzugt hörst: entweder auf die menschliche oder auf die sie sekundiert habende "Material"-Stimme. In der von Katarina Bradić gesungenen und von Shizuko Noiri (Laute) sowie Juan Manuel Quintana (Viola da Gamba) begleiteten Auftrittsarie der Lavina (eine der Lieblingsarien René Jacobs' aus der Oper) war und ist das referenzartig bestätigt worden.

Also: Musiziert - und gesungen - wird vom Allerfeinsten! Es sind MeisterInnen ihres Faches aufgeboten; wir vermuten mal, dass es die derzeit Besten sind, denen man "weltmarktmäßig" habhaft werden konnte: Olivia Vermeulen, Robin Johannsen, Jeremy Ovenden allen voran!!

Gyula Orendt (der junge Alleskönner aus dem Staatsopernensemble) fällt zudem durch eine hyperaktivistisch zu nennende Bewegungsvielfalt und -agilität besonders auf. Er liefert sich dann mit Mark Milhofer (als Nicea-Tante) eine schon an Travestie "gemahnende" Spezialszene, wo er an ihm/ihr akrobate Sexpraktiken demonstriert - - das Alles ohne jedwede Freilegung äußerer Geschlechtsorgane [was dann heutzutage und in Anbetracht von allzu freizügigen Schauspielproduktionen hie und da wiederum selten ist].

Auch Marcos Fink, ein Altgestein für die barocken Vater- oder Onkelrollen, war zu sehen und zu hören. Und der Altus Rupert Enticknap mischte dann auch noch mit.

Jan Freiheit (am Cello) und Michael Freimuth (mit Theorbe und Gitarre) wurden fast dann unablässig, also nicht nur bei Continuo-Einsätzen, von uns Rangsitzern unter die lustvollste Beobachtung gestellt.

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Amor vien dal destino an der Staatsoper im Schiller Theater ist ein Wurf in jeder Hinsicht!!

[Erstveröffentlicht auf KULTURA-EXTRA am 24. April 2016]

12:25 24.04.2016
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Geschrieben von

Andre Sokolowski

Andre Sokolowski ist Herausgeber und verantwortlicher Redakteur von KULTURA-EXTRA, das online-magazin
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