BOOKPINK von Caren Jeß

Online-Premiere Die Uraufführung am Schauspielhaus Graz - jetzt auch via Internet erlebbar
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Die schönen Sonderwege, die Sebastian Kurz für "seine" Österreicher hinsichtlich der allmählichen Abflachungen aller infektionbsbedingten Einschränkungen und Verbote Schritt für Schritt anzeigte und nunmehr auch umzusetzen willens ist, stoßen bei "seinen" Österreichern auf ganz unterschiedlich wahrnehmbare Reaktionen. Die Theater beispielsweise, die jetzt von der vorgezogenen Wiedergenehmigung ihres bis zum Saisonende strikt untersagten Spielbetriebs sehr kurzfristig erfuhren, zeigen sich teilweise nicht gerade hocherfreut. Auf vienna.at entdeckten wir vor einer Woche das: "In einer 'komischen Situation' findet sich nach den heutigen Ankündigungen das Theater an der Gumpendorfer Straße wieder. Die schrittweise Öffnung ab 29. Mai hat TAG-Leiter Gernot Plass überrascht. 'Aufgrund der etwas widersprüchlichen Kommunikationspolitik der Regierung hatten wir angenommen, dass wir bis zum 31. August geschlossen haben.' Auch dem Schauspielhaus Wien geht es ähnlich." Aber immerhin läuft alles dann vom Bundeskanzleramt in Wien zentral gelenkt, zumindest scheint es so.

Ganz anders - und noch viel, viel schlimmer - sind die derzeitigen Einschränkungs- sowie Verbotszustände in den bundesdeutschen Häusern; hier entscheidete oder entscheidet ganz allein der jeweilige Landesfürst, d.h. in Köln darf ab 30. Mai wieder gespielt werden, woanders aber, in Berlin zum Beispiel, nicht/ noch nicht, und zwar noch lange, lange nicht. Kulturpolitisch ist das sicherlich ein Chaos sondergleichen, im gesamtgesellschaftlichen Ausmaß ein Desaster, eine Katastrophe!! Ja und so vom Feeling her stellen wir Kunst-Kultur-Wahrnehmer wieder einmal fest: Für die politischen Entscheidungsträger waren/ sind Kunst & Kultur das fünfte Rad am Wagen.

Also muss ich mich - als Teil des derzeit ausgesperrten Publikums - mit Live-Streams oder sog. Online-Premieren auf YouTube-Kanälen der Theater abfinden, um überhaupt noch irgendwo und irgendwie dabei zu sein, um mitreden zu können...

Eingebetteter Medieninhalt

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Seit dem Donnerstag kommuniziert das Schauspielhaus Graz seine am 29.11.2019 Premiere gefeiert habende Uraufführungsinszenierung Bookpink, ein"dramatisches Kompendium", das die Jungdramatikerin Caren Jeß für einen Stückewettbewerb geschrieben hatte und wofür sie bei den letzten AUTORENTHEATERTAGEN in Berlin prämiert wurde; alle neuen Werke, die dort einen Preis erhalten, werden i.d.R. dann auf deutschsprachigen Bühnen in Österreich, in der Schweiz oder in Deutschland verwirklicht, so lautet der Konsens - und meistens kehren diese Produktionen ein Jahr später auch als Gastspiele der jeweiligen Häuser ans DT Berlin zurück, quasi im Umkehrschluss.

Es ist (salopp gesagt:) ein Tierstück, wo die handelnden "Personen" zwar bloß Tiere sind, welche jedoch - so wie wir es bei einem preisgekrönten Werk erwarteten - von ihren Tiergegebenheiten justament auf unser aller Menschliches sprich Allzumenschliches herunter- oder besser noch heraufzubrechen sich ertüchtigten - also kein Tier- sondern ein Menschen-Stück, schlussendlich etwas Metaphorisches.

In sieben voneinander unabhängigen Episoden werden "hauptpersonig" nacheinander abgehandelt: 1 Pfauenjunge, 1 Pute, 2 Flamingos, 3 Sumpfmeisen, 1 Bussard, 3 Buchfinken und 1 weiße Taube; "Nebenpersonen" (Spatz, Hahn/ Huhn, Raben oder Krähen, Rauchschwalbe/ Zilp-Zalp/ Feldlerche, Amsel, Katze usw.) inbegriffen. In den Geschichtchen geht's zum Beispiel um prekäres Asozialentum, einen asbestverseuchten Stall, ein vernachlässigtes Rabenkind mit Nähmaschine, Beinrasuren, den "Cocon der Vernunft, die Tagesformen im April, Pommes Frites auf einem Campingplatz und ähnliche Verirrungen und Wirrungen.

Sprache und Poesie (sowohl in der Figuren- wie auch in der Regieanweisungssprache) sind bemüht, die von den fünf sympathischen Schauspielerinnen und Schauspielern [Namen s.u.] zu sprechenden Sätze scheinen viel zu lang und viel zu kompliziert; daher verhaspeln sich die Ausführenden auch gelegentlich.

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Bookpink wirkte auf mich ornithologisch-informiert - er ["Bookpink" ist übrigens die plattdeutsche Entsprechung für den hochdeutschen "Buchfink"] langweilte mich umso mehr, und die durch seine Aufpreisung apostrophierte Bedeutung für das deutschsprachige Sprechtheater tat sich mir an keiner Stelle auch nur annähernd erschließen.

[Erstveröffentlicht auf KULTURA-EXTRA am 22.05.2020.]

Bookpink (HAUS DREI, Schauspielhaus Graz)
Ein dramatisches Kompendium von Caren Jeß

Regie: Anja Michaela Wohlfahrt
Bühne: Philipp Glanzner
Kostüme: Kathrin Eingang
Musik: Thomas Petritsch
Dramaturgie: Jan Stephan Schmieding
Mit: Maximiliane Haß, Frieder Langenberger, Mathias Lodd, Clemens Maria Riegler und Anna Szandtner
Uraufführung war am 29. November 2019.
Online-Premiere am 21. Mai 2020 auf schauspielhaus-graz.com

16:39 22.05.2020
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Andre Sokolowski

Andre Sokolowski ist Herausgeber und verantwortlicher Redakteur von KULTURA-EXTRA, das online-magazin
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