Bye, bye Sir Simon!

Abschied Die Berliner Philharmoniker spielten Mahlers Sechste unter Leitung ihres scheidenden Chefdirigenten und künstlerischen Leiters Sir Simon Rattle
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Bye, bye Sir Simon!
Sir Simon Rattle, hier in London

Foto: Tolga Akmen/AFP/Getty Images

Gestern Abend fand das letzte der zwei offiziellen Abschiedskonzerte der Berliner Philharmoniker unter Sir Simon Rattle, ihrem scheidenden Chefdirigenten und künstlerischen Leiter, statt; am Wochenende wird zwar nochmal auf der Waldbühne als Open Air ganz kräftig nachgelegt - aber das "richtige" Finale (und im "eignen" Haus) war das am Mittwoch.

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Rattle bestritt als Nachfolger Claudio Abbados seit 2002 dieses so unglaubliche Amt; der "Posten" wird - wohl einmalig auf dieser Welt - per Wahl ausschließlich durch die Philharmoniker vergeben, also niemand redet ihnen da hinein, und wenn sie halt beschließen, dass dann ausgerechnet dieser (und kein andrer) Kandidat für sie als mitstreitender "Boss" genehm wäre, dann ist das halt auch so und basta! Basisdemokratisch nennt man so was auch.

Als Zweiunddreißigjähriger tat Rattle 1987 bei den Philharmonikern mit Mahlers Sechster debütieren; 58 Mal schwang er seither als Gast-Pultstar (bis dass er Chef hier wurde) seinen Dirigentenstab - und so verwunderte es nicht, dass er die Sechste jetzt als Schlussakkord zu seinem 16 Jahre andauernden Hochamt in der deutschen Hauptstadt auserkor.

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Der 1955 in Liverpool geborene Simon Rattle studierte Klavier, Schlagzeug und Orchesterleitung an der Royal Academy of Music, wo er sein Studium 1974 mit einem Bachelor abschloss. Danach war er drei Jahre Dirigentenassistent in Bournemouth. 1977 debütierte er beim Opernfestival von Glydenbourne, sonach arbeitete er sowohl mit der ENO als dem Royal Opera House Covent Garden in London und der Netherlands Opera in Amsterdam zusammen. 1980-98 stand er dem City of Birmingham Orchestra vor, zunächst als Erster Dirigent und künstlerischer Berater, von 1990 an als deren Chef. Seit 1992 fungiert er außerdem als Erster Gastdirigent des Orchestra of the Age of Enlightenment. Von 2002 bis dieses Jahr war er Chefdirigent und künstlerischer Leiter der Berliner Philharmoniker. Seit Herbst des letzten Jahres bestreitet er die Chefposition beim London Symphony Orchestra.

"Rattle heiratete 1980 die amerikanische Sopranistin Elise Ross, mit der er zwei Söhne hat. 1995 ließ er sich scheiden und heiratete die Schriftstellerin Candace Allen aus Boston. Auch diese Ehe endete, nachdem Rattle die tschechische Mezzosopranistin Magdalena Kožená kennengelernt hatte, mit der er sich 2004 liierte und die er 2008 heiratete. Sie haben zwei Söhne und eine Tochter. Kožená und Rattle leben in Berlin. / Nach eigenen Angaben las Rattle während seines Studiums sämtliche Romane von Thomas Mann in deutscher Sprache."
(Quelle: Wikipedia)

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Die Berliner Philharmoniker würden durch Simon Rattle, der mit ihnen ja de facto die Jahrtausendwende überschritt, einen von ihm favorisierten transparenteren Orchesterklang vermittelt bekommen haben; lauschte man z.B. seinen vielen Haydn-Abenden, ließ sich das ohne Weiteres bestätigen, auch sein bemerkenswerter Jean-Sibelius-Zyklus oder sein fast schwereloser Zugriff auf Das schlaue Füchslein solllten diese (in den letzten Jahren allerdings dann immer abnehmenderen) Luftig- und Leichtigkeiten seiner Interpretationsweisen beglaubigen. Auch konfrontierten er und andre Spezialisten der sog. Alten Musik (Gardiner, Koopman usw.) "seine" MusikerInnen mit Erfahrungen und Gepflogenheiten historischer Aufführungspraxis; das kam dem Orchester sehr zugute, und v.a. bei den beiden großen halbszenischen Darbietungen der zwei Bach-Passionen spürte man so eine Art von selbstbewusster Kompetenz. Mit Rattle gab es Uraufführungen von Henze, Adès, Widmann, Gubaidulina, Goebbels u.a. Vorzüglich und auch unvergesslich: Rattles Sichtungen der Sinfonien Beethovens und Brahms' und Bruckners oder Mahlers (sowieso)...

Untrennbar von seinem Namen sind die übers Dirigieren hinausgehenden Initiativen; so starteten er und die Philharmoniker ihr weltweit beachtetes Education-Programm, womit sie vielen bis da völlig unerfahrenen Kindern und Jugendlichen einen ersten sinnlichen Kontakt zur klassischen Musik vermittelten. Oder auch die 2009 ins Leben gerufene Digital Concert Hall; in ihr werden seither alle möglichen Konzerte der Berliner Philharmoniker im Internet live übertragen oder können über Mediathek dort abgerufen werden, freilich lässt sich das Orchester diesen Service auch gebührenmäßig ewas kosten. In der Amtszeit Rattles wurde das Orchester auch (vom vormals Berliner Philharmonischen Orchester) in die "Stiftung Berliner Philharmoniker" zweckdienlich überführt. Mit Rattle fand dann auch der osterfestspielige Residenz-Wechsel von Salzburg nach Baden-Baden statt...

Sein opulenter Abschied mit der Mahler-Sinfonie hatte ganz zweifelsohne etwas Großartiges. Und im Stillen konnte sich der eine oder andre Hörer eine sicherlich nicht minder großartige Zeit des Dirigenten, auch oder v.a. hinsichtlich seiner bemerkenswerten Mahler-Interpretationen, sozusagen durcherinnern [s. unsere Konzertlinks unten].

Simon Rattle über "seine" Philharmoniker:

"Dieses Orchester denkt und handelt sehr schnell, jeder einzelne Musiker. Sie stehen nie still. Vielleicht liegt es daran, dass diese Stadt Berlin ähnlich funktioniert. Bei den Berliner Philharmonikern ist garantiert, dass die Musiker alles geben, immer. Sie kommen als Kammermusiker auf die Bühne. Und sie fragen nicht nach dem Wie, sondern: Warum? Deshalb liebe ich die Zusammenarbeit mit ihnen."

[Erstveröffentlicht auf KULTURA-EXTRA am 21.06.2018.]

18:44 21.06.2018
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Geschrieben von

Andre Sokolowski

Andre Sokolowski ist Herausgeber und verantwortlicher Redakteur von KULTURA-EXTRA, das online-magazin
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