Christof Loy inszenierte Tschaikowski-Lieder

Stream "NUR WER DIE SEHNSUCHT KENNT" an der Oper Frankfurt
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Über Tschaikowskis Liebesleben haben sich schon viele Leute ihre Köpfe zerbrochen. Klaus Mann, einer der populärsten unter ihnen, schrieb einen Roman, der das behandelte, Symphonie Pathétique - ich wollte ihn, als ich heranwuchs und die sexuelle Ausrichtung von mir nicht richtig einzuschätzen wusste (und obgleich ich freilich spürte, was und wen ich wollte), unbedingt als "Hilfestellung" lesen; aber in der DDR wurde er leider nicht verlegt, zumindest nicht in den konkreten DDR-Jahren, wo ich ihn hätte brauchen können. Fällt mir jetzt spontan so ein, wie ich den Text gerade schreibe.

Christof Loy - wir konstatierten neulich eine phänomenal gut gemachte Inszenierung von Francesca da Rimini (nicht der Tschaikowskis, sondern der von Zandonai) an der Deutschen Oper Berlin - hat sich jetzt auch auf seine Art und Weise um die Liebe in Tschaikowskis Leben Gedanken gemacht:

Nur wer die Sehnsucht kennt heißt sein mit 24 Liedern und Romanzen des Betroffenen durchwob'nes Kammerspiel, das gestern Abend seine Stream-Premiere aus der Oper Frankfurt feierte; man konnte es auf arteCONCERT verfolgen; dort verbleibt es noch bis 20. Juni in der Mediathek.

Eingebetteter Medieninhalt

"Liedkompositionen von Peter I. Tschaikowski verbinden sich zu einem intimen Theaterabend, der fünf Figuren und deren widersprüchliche Emotionen zeigt: Unterdrückte Liebesgefühle stehen der Suche nach rauschhaften Momenten gegenüber, die Trauer um zerbrochene Beziehungen führt zu Rückzug und Einsamkeit. Es entsteht eine zwischenmenschliche Dynamik, in der sich die einzelnen Charaktere aneinander abarbeiten, sich lieben, verachten und verklären - und immer wieder auf sich selbst zurückgeworfen werden." (Quelle: oper-frankfurt.de)

*

Es gibt ganz selbstverständlich nichts Verallgemeinerungswürdigeres als dieses allen allbekannte "Liebe, Lust und Leid", und so gesehen war und ist der Loy auf einem richtigen, weil unverfänglich-allgemeingültigen Pfad, indem er "einfach" seine fünf Protagonisten Olesya Golovneva, Kelsey Lauritano, Andrea Carè, Vladislav Sulimsky und Mikołaj Trąbka unaufhaltsam drauf los singen und spielen lässt. Und guckt man etwas näher hin, bemerkt man schon, wie klug und folgerichtig Loy das biografisch Nachprüfbare mit einer an August Strindberg oder Ingmar Bergmann irgendwie gemahnenden Stück- oder Filmhandlung verspinnt. Ganz unverkennbar könnte der Charakterkopf Vladislav Sulimskys als der Tschaikowskis ausgemacht sein, auch fehlt das finale Wasserglas (Arsen?) am Ende nicht; ja und beim ersten Auftritt von Mikołaj Trąbka (was für'n tolles Lächeln!) dachte ich sofort: das hätte eigentlich auch Iossif Kotek (eine Jugendliebe von Tschaikowski) sein können.

Gesungen und gespielt wird aufs Superbste.

Mariusz Kłubczuk sitzt die fast zwei Stunden über auf der stilvollen Salon-Bühne von Herbert Murauer am Flügel, um von dort aus die zwei Sängerinnen und drei Sänger zu begleiten.

Ja, Tschaikowski ruhig auch mal in so'ner Tonlage erleben; passt schon.

[Erstveröffentlicht auf KULTURA-EXTRA am 27.03.2021.]

»NUR WER DIE SEHNSUCHT KENNT« (Oper Frankfurt)
Tschaikowski-Lieder inszeniert von Christof Loy

Inszenierung: Christof Loy
Bühnenbild und Kostüme: Herbert Murauer
Licht: Olaf Winter
Choreographische Mitarbeit: Andreas Heise
Video: Ruth Stofer
Dramaturgie: Maximilian Enderle
Bildregie: Michael Beyer
Mit: Olesya Golovneva (Sopran), Kelsey Lauritano (Mezzosopran), Andrea Carè (Tenor), Vladislav Sulimsky und Mikołaj Trąbka (Bariton) sowie Mariusz Kłubczuk und Nikolai Petersen (Klavier)
Stream auf arteCONCERT v. 26.03.2021

15:21 27.03.2021
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Andre Sokolowski

Andre Sokolowski ist Herausgeber und verantwortlicher Redakteur von KULTURA-EXTRA, das online-magazin
Schreiber 0 Leser 8
Andre Sokolowski

Kommentare