Clemens Meyers IM STEIN - als Musiktheater

Digitale Uraufführung Sara Glojnarić komponierte den Roman-Text
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Der in Halle an der Saale geborene Clemens Meyer (43) recherchierte für seinen Roman Im Stein 15 Jahre, um anschließend weitere 8 Jahre arbeitend mit/ an ihm zu verbringen - das hat Ausdauer und Dimension. Respekt!

Das stille Werk hatte bereits in einer lauten Stückfassung des Schauspiels Stuttgart seinen Weg fernab geduldiger Lektüre auf die sogenannten Bretter, die die Welt bedeuten, finden wollen; kein Geringerer als der für durchverhandelbare DDR- und/ oder sonstige Ostfragen allerprächtigst ausgewiesene Sebastian Hartmann wurde vor sechs Jahren eigens hierfür engagiert.

Jetzt wuchtete die OPER HALLE Meyers umfängliche Wende- und Nachwende-Prosa zu einem Musiktheater um, bei dem die im kroatischen Zagreb geborene Soundkünstlerin Sara Glojnarić (30) als Komponistin ausgewiesen wurde. Gestern Abend war die digitale Uraufführung; und ich tat mir dieses Mehrspartengemisch aus Sprecherei und Singerei geduldig reinziehen, ohne mich groß und wie auch immer hinterher (emotional schon gar nicht) bereichert gefühlt zu haben; null Wiedererkennungswert - was allerdings an mir gelegen haben könnte, der ich selbst ein "Kind" der DDR gewesen war und irgendwie ganz andere Bezugspunkte zu ihr erinnerlichte außer denen, die mein Laptop mir jetzt so verpixelt vorgaukelte... Doch vielleicht hätte ich mir zuvor (anstatt danach) den folgenden Extrakt hinsichtlich des Romanes zugemüte führen sollen, um mich in dem digitalen Tohuwabohu (Inszenierung: Michael v. zur Mühlen / Video und Bildregie: Martin Mallon) irgendwie zurecht zu finden:

"Am 22. August 2013 kam Meyers RomanIm Steinheraus. Dieser beschäftigt sich mit Sexarbeit, Zwangsprostitution und deren kapitalistisch-wirtschaftlicher Organisierung in einer Leipzig ähnelnden Großstadt der neuen Bundesländer der 90er Jahre. Inspiriert wurde er durch Zeitungsartikel – „Influenzen“, wie er Inspirationen bezeichnet." [...] "Er zog für die Arbeit an dem Roman u.a. zahlreiche Studien, Biografien, Statistiken, Interviews, Materialien, Bücher wie z.B. Das Kapital von Karl Marx, das Lexikon der Prostitution, Bücher von Machiavelli sowie das Spiel Rotlicht-Tycoon heran. Parallelen des Romans zur Leipziger Realität der 90er Jahre finden sich in der Affäre Sachsensumpf. Besonders augenfällig werden diese im Kapitel Der Kolumbusfalter, in dem Zwangsprostitution von Minderjährigen über die Beschreibung von Donald-Duck-Comics thematisiert wird. Die dargestellte Geschichte ähnelt stark der von Mandy Kopp, in den 90er Jahren als 16-Jährige zur Prostitution im Leipziger Kinderbordell Jasmin gezwungen." (Quelle: Wikipedia)

Eingebetteter Medieninhalt

Und für die, die gestern Abend nicht oder noch nicht per Stream dabei sein konnten, sei noch schnell das Nachstehende, was die OPER HALLE als "Gerüst" auf ihrer hausinternen Website mitgeteilt hat, abnotiert; also:

"Eden-City – mehr Hölle als Paradies. Ein untergetauchtes Mädchen, selbstbewusst ihre Lage analysierende Prostituierte, Freier, ein alternder Karl Marx lesender Zuhälter, kleine und große Kriminelle – sie alle stolpern durch das Labyrinth ihrer Umwelt und Sehnsüchte, immer auf der Suche nach dem guten Leben, einem Stück Gewinn vom großen Geld und Erlösung ihrer Seelen."

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Der Autor war sich nicht zu schade seiner musikalisierten Belletristik höchstpersönlich leibliches Gewicht zuzuverleihen, die zwei Regisseure hatten da gewiss nicht allzu große Mühe ihm die Rolle einer durch die Handlung spaceshuttelnden Transe, die eine gewisse Ähnlichkeit mit Lilo Wanders (jener einstigen TV-Protagonistin aus der legendären Sex-AufklärungsreiheWahre Liebe) aufwies, aufzubürden - und dem Meyer schien das sichtlich einen Heidenspaß gemacht zu haben, wenn er beispielsweise von sich gab: "Nicht Netflix, aber Nett Fick" oder "bin nur ein kleines Rad im Getriebe der Triebe" oder so.

Wie überhaupt die Meyer-Texte, und vor allem mehr als Sprech- statt Singeinlagen, dominierten - und am Ende tat womöglich auch nur ich die meiste Zeit der beiden live zu mir gestreamten Stunden Bahnhof (und ansonsten nicht viel mehr) verstehen.

Und vom Musikalischen her?

Uneinordbare Beliebigkeit, mehr Sound sowie Schlagzeugerei statt ernstnehmbarere Neue Musik.

Kurios auch, dass ein eigentlich doch ziemlich reputanter Geldgeber wie die Ernst von Siemens Musikstiftung ein solches Opus zu bepreisen und/ oder zu finanzieren sich entschloss - nicht dass ich es der/ den Betroffenen nicht gönnte!

[Erstveröffentlicht auf KULTURA-EXTRA am 01.07.2021.]

IM STEIN (Opernhaus Halle, 30.06.2021)
Musiktheater von Sara Glojnarić und Clemens Meyer

Musikalische Leitung: Michael Wendeberg
Inszenierung: Michael v. zur Mühlen
Video und Bildregie: Martin Mallon
Bühnen- und Kostümbild: Christoph Ernst
Kamera: Iwo Kurze
Programmierung: Lucia Kilger und Lukas Nowok
Klangregie: Martin Recker und Paul Hauptmeier
Libretto und Dramaturgie: Johannes Kirsten
Choreinstudierung: Bart Berzonsky
Besetzung:
Ecki ... Clemens Meyer
Mädchen ... Camille Dombrowsky und Lara Heller
Arnold Kraushaar (AK) / Der alte Bulle / Männer der Rotlichtrunde ... Anton Dreger, Harald Horvath, Clemens Kersten, Hagen Ritschel und Jörg Simonides
Hans ... Andrew Nolen
Liv ... Anke Berndt
Ladyboy ... Michael Taylor
Der Jockey ... Sebastian Byzdra
Alte Japanerin ... Kaori Sekigawa
Chor der Oper Halle
Staatskapelle Halle

Uraufführung als Digitale Premiere: 30. Juni 2021
Stream auf buehnen-halle.de v. 30.06.2021

15:37 01.07.2021
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Andre Sokolowski

Andre Sokolowski ist Herausgeber und verantwortlicher Redakteur von KULTURA-EXTRA, das online-magazin
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