DAS LIED VON DER ERDE unter Bernard Haitink

Konzertkritik Christian Elsner (Tenor) und Christian Gerhaher (Bariton) gestalten Mahlers "Abschiedssinfonie" mit den Berliner Philharmonikern
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In fast allen Werken Gustav Mahlers hausen Todessehnsüchte. Zwischen dem Anfang und dem Ende menschlichen Erfreuens und Erduldens liegen seine 51 Jahre. "Mahlers Gesundheit war zeit seines Erwachsenenlebens durch ein Hämorrhoidenleiden, an dem er mehrmals fast verblutet wäre, und durch immer wiederkehrende, nie wirklich auskurierte Mandelentzündungen gestört, die wahrscheinlich auch die Ursache für seine bakterielle Herzerkrankung waren, an der er letztlich starb", vermerkt ein Wikipedia-Eintrag.

Lebenszeiten sind begrenzt. Der Mensch befragte und befragt auch Religionen, wie es "irgendwann" dann mit ihm weiterginge. Seele schien da, beispielsweise, so ein schönes Lösungswort. Wenn die erst einmal in Verselbstung aus ihm nebelte, würde schon Alles, was da vorher einmal um ihn war und sich mit Allem, was man da so Schuld & Sühne heißte, abereignete, relativiert. Die Religion der Komponisten ist ihre Musik. Die Auferstehungssinfonie war gar vielleicht der zweite von zig Gängen eines üppig-nahrhaft zubereiteten und aufgetischten Leichenschmauses; und er macht, wenn du zu viel und hastig von ihm isst, arg satt. Dosierst du seinen Konsum allerdings, bleibt freilich noch genügend Lust- und Leidkraft, die man beispielsweise für den großen "Abschied"-Satz aus Mahlers Das Lied von der Erde brauchen könnte, um ihn wie einen Absinth durch sich hindurchrieseln zu lassen. Eine Droge.

Von den beiden Fassungen - Tenor + Alt / Tenor + Bariton - erzielt die maskuline Variante das womöglich nachvollziehbar-schlüssigste der Resultate. Jene von Hans Bethge in seiner Anthologie Die chinesische Flöte nachgedichteten Texte von Li-Tai-Po bzw. Mong-Kao-Yen und Wang-Wei ("Der Abschied") erscheinen wie aus einer Jünglings- und/oder erwachs'nen Männerperspektive. Sie sind Drauf- und Rückschau auf das eigene geliebte und gelebte Leben, und vor allem geben sie dem Schmerz über Verluste eine allgemeingültige Menschenstimme...

"Ich sehne mich, o Freund, an deiner Seite
Die Schönheit dieses Abends zu genießen.
Wo bleibst du? Du lässt mich lang allein!"

Letztlich reicht dann (statt des erwarteten Geliebten?) der auf einem Pferd daherseiende personifizierte Tod dem ach so schmerzensreich Ermüdeten die kalte Hand - nicht ohne vorher von ihm nochmals "darauf" angesprochen worden zu sein:

"Du, mein Freund,
Mir war auf dieser Welt das Glück nicht hold!
Wohin ich geh'? Ich geh', ich wandre in die Berge.
Ich suche Ruhe für mein einsam Herz!


[...]

Ewig... ewig..."

Christian Gerhaher gestaltet die Geschichte [s.o.] unter vollständiger Aussparung eines gefühlsduselnden Potenzials. Er nimmt sich selbst - "es" von weit außen in geradezu "neutralem" Ton und Tonfall vorführend - zurück ohne zugleich unteilhaftig zu sein. Nach hinten hin (Richtung Finale) wird es immer nebeliger und verhaltener; und die Berliner Philharmoniker korrespondieren ideal-dual zu Gerhahers und Bernard Haitink 's vollkommen entkitschter Sicht.

Aufhorchend auch die sensationelle Darreichung der eigentlich (wegen ihrer Extremhöhen) fast unsingbaren drei Tenor-Lieder durch Christian Elsner!

Beide (Gerhaher und Elsner) haben ihre sängerischen Wurzeln v.a. auch im Liedgesang, und ihre Textverständlichkeit daher wohl: einzigartig

* *

Erdnah, und zum Heulen schön.

[Erstveröffentlicht auf KULTURA-EXTRA am 07.10.2016.]

BERLINER PHILHARMONIKER (Philharmonie Berlin, 06.10.2016)
Franz Schubert: Symphonie Nr. 7 h-Moll D 759 Unvollendete
Gustav Mahler: Das Lied von der Erde
Christian Elsner, Tenor
Christian Gerhaher, Bariton
Berliner Philharmoniker
Dirigent: Bernard Haitink

11:55 07.10.2016
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Geschrieben von

Andre Sokolowski

Andre Sokolowski ist Herausgeber und verantwortlicher Redakteur von KULTURA-EXTRA, das online-magazin
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