DAS SCHLAUE FÜCHSLEIN durch Peter Sellars

Kurzkritik Berliner Philharmoniker mit Böhmerwaldempfindungen
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Der für so halbszenischen Aufführungen der Berliner Philharmoniker seit Jahren schon in Brot und Arbeit stehende US-amerikanische Starregisseur Peter Sellars [ganz zuletzt Le Grand Macabre hier bewerkstelligend] war jetzt zuständig für Leoš Janáčeks Das schlaue Füchslein, das dann gestern Abend mit dem letzten der drei hierfür vorgesehenen Konzerte im Scharoun-Bau stattgefunden hatte.

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Die Umjubelung danach war - wie (bei DEM Orchester!) wohl nicht anders zu erwarten wäre - enthusiastisch, und das unter Simon Rattles Leitung singende sowie nach den Regieanweisungen des Sellars lustvoll spielende SolistInnen-Ensemble inkl. Chöre (Vokalhelden-Kinderchöre und Vocalconsort Berlin) war auf das Adäquateste besetzt. Die Ohren und die Augen wurden ausgewogen und gehaltvoll mit bekömmlicher und nährstoffreicher Kost versorgt; Bio auf ganzer Linie.

Ich empfand es als das bisher Optisch-Beste, was ich je von Sellars (in der Serie seiner halbszenischen Darreichungen) sah. Ihm reichten ein Podest, ein Tisch, 2 Stühle und 4 Flachbildschirme. Seine kammerspielhafte Personenführung menschelte und übermenschelte; Lieb', Lust und Leid unserer Artgenossen und der artgenössisch "abkopierten" (Menschen-)Tiere standen buchstäblich im Vordergrund, erreichten eine körperlich uns angreifende Nähe, die ganz hochspeziell bei mir zu regelrechten Seelenschüben - Herzrasen und Tränenflüssen - führte.

Merkwürdig auch: Das im Großformat aufspielende Orchester, welches wegen der Podesterhöhung zwangsläufig fast "hintergründig" saß, vermochte umso vollrauschigere Natur- will sagen Böhmerwaldempfindungen "nach vorn" zu transportieren. Die Gesangsparts wirkten durchsichtig, es atmete "dahinter"; bei der Fuchshochzeit wurden mit einem Male sogar Nordlichter über der Mährenlandschaft wahrgenommen - ist es möglich?

Lucy Crowe und Angela Denoke - ein perfekter aufeinander eingespieltes Fuchspaar schien kaum vorstellbar!!

Und Burkhard Ulrich (als der Schulmeister, als Mücke und als Hahn) verübte hocherstaunenswert Gliedmaßenakrobatik; singen tat er freilich auch superb!

Beglückend schöner Abend.

[Erstveröffentlicht auf KULTURA-EXTRA am 15.10.2017.]

DAS SCHLAUE FÜCHSLEIN (Philharmonie Berlin, 14.10.2017)
Halbszenische Aufführung von Peter Sellars (Regie)
Gerald Finley (Förster)
Paulina Malefane (Frau Försterin)
Burkhard Ulrich (Schulmeister/Mücke/Hahn)
Hanno Müller-Brachmann (Háraschta)
Angela Denoke (Fuchs/Schopfhenne)
Lucy Crowe (Füchsin Schlitzohr)
Sir Willard White (Pfarrer/Dachs)
Anna Lapkovskaja (Frau Pasek/Dackel)
Vocalconsort Berlin
Vokalhelden-Kinderchöre
Berliner Philharmoniker
Dirigent: Sir Simon Rattle

http://www.berliner-philharmoniker.de

11:19 15.10.2017
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Geschrieben von

Andre Sokolowski

Andre Sokolowski ist Herausgeber und verantwortlicher Redakteur von KULTURA-EXTRA, das online-magazin
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