DAS VERRATENE MEER von Hans Werner Henze

Premierenkritik Live-Stream aus der Wiener Staatsoper
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Klassische Dreiersituation:

Der A liebt den B, doch der B liebt die C, weil die C den B liebt. Klassisch auch, weil es eine entweder ödipale oder (auch) schwule Kalamität einfängt.

In dem Musikdrama Das verratene Meer von Hans Werner Henze († 2012) - einem der kurioserweise weniger bekannten oder populären Werke des vielleicht bedeutendsten deutschen Komponisten des 20. Jahrhunderts - versteht sich die erotisch resp. sexuell höchst aufgeladene Konstellation wie folgt:

"Der 13-jährige Noboru lebt in zwei Welten zugleich und ist in keiner von beiden zuhause: Mit seiner Mutter Fusako bildet er seit dem Tod seines Vaters eine nahezu unzertrennliche Einheit, zugleich radikalisiert er sich als Mitglied einer Jugendbande, die der Elterngeneration den Kampf angesagt hat. [...] Als Noboru und seine Mutter den Offizier eines großen Frachtschiffes kennenlernen, verlieben sich beide in ihn." (Quelle: Wiener Staatsoper)

Eingebetteter Medieninhalt

Henze und sein Lieblingslibrettist Hans-Ulrich Treichel griffen nun für ihre Adaption auf den japanischen Roman Gogo no eikô (dt.: Der Seemann, der die See verriet) von Yukio Mishima zurück, in der es also "nicht nur" um jenes erotisch-sexuelle Thema einer unerfüllten maskulinen Liebe, sondern auch um See & Seemann, Fernweh, Heimweh usw. gehen sollte; und der im Roman angeblich ja erst 13-jährige wird in der Henze-Oper freilich und auch folgerichtig als herangewachsener Geschlechtsreifer behandelt - was das Stück wohl erst so richtig spannend macht:

Josh Lovell (als Noburo) fühlt sich von Bo Skovhus (als Ryuji), der seinerseits in Vera-Lotte Boecker (als Fusako) gnadenlos verliebt ist, nicht zurückgeliebt und rastet daher furchtbar aus - Erik Van Heyningen (als Anführer der Gang, der sich Noburo zugehörig fühlt) vollstreckt im Namen des Zurückgewiesenen das von der Gang gemeinschaftlich verhängte Todesurteil mit dem Schlosserhammer. Und Lied aus.

Was für ein tolles Werk!!!!!

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Die Wiener Erstaufführung [gestern Abend aus der Staatsoper als Live-Stream übertragen] präsentierte eine von Simone Young und den zwei Regisseuren Jossi Wieler & Sergio Morabito bevorzugte "eigene Fassung":

„Sowohl das Regieteam als auch ich geben der etwas längeren 2005er Fassung den Vorzug gegenüber der ursprünglichen von 1990. Wir finden sie insgesamt schlüssiger, musikalisch interessanter. Nicht zuletzt für die zahlreichen phänomenalen Zwischenspiele, genauer: Verwandlungsmusiken, nahm sich der reifere Henze mehr Zeit – insbesondere die leisen und zarten, nachdenklichen, sparsam orchestrierten Passagen bekamen ein größeres Gewicht.“ (Quelle: dto.)

Das Orchester der Wiener Staatsoper ist riesig aufgestellt, man sieht und hört ein beinahe gewalttätiges Schlagwerk inkl. japanischer O-Daiko-Pauke, und auch solche kaum bekannten Instrumente wie die Kontrabassklarinette oder die Oboe d'amore geraten zum Einsatz - sein gesamter Apparat kommt allerdings zumeist "nur" in den jeweiligen Zwischenspielen voll zum Tragen, denn ansonsten wird dem eigentlich mehr kammermusikalischen Gesamtcharakter dieses Zweistünders (lautstärkemäßig ausgewogener und milder Streicherteppich) schon Genüge getan.

Das Haupt-Trio (mit Boecker, Lovell und Skovhus) verrichtet seine sängerische wie auch spielerische Schwerstarbeit mit Lust und Leidenschaft - nein, wahrlich nicht zu toppen!!!!!

Auch die "übrigen" drei Gang-Mitglieder (Kangmin Justin Kim, Stefan Astakhov, Martin Häßler) wären/ sind mehr als bloß erwähnenswert.

Die legendäre Ausstatterin Anna Viebrock hat ein imposantes Einheitsbühnenbild der 1960er entworfen, was zum Einen die monumentale Frachtschiff-Außenschale und zum Anderen die biedere Boutique mit ihrer spießig bürgerlichen Enge zeigt oder zitiert.

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Statt eines von hunderten Opernfans bejubelten Schlussvorhangs standen die Ausführenden mit den Machern wie von Gott verlassen auf der Bühne mit dem Blick zum leeren Saal, und wenn man so in ihre nachdenklichen, traurigen Gesichter sah, wollte man losheulen vor lauter Mitleid - und auch Selbstmitleid...

Wir alle MÜSSEN durchhalten - diese Coronascheiße geht dann sicher irgendwann wieder vorüber; hoffentlich.

[Erstveröffentlicht auf KULTURA-EXTRA am 15.12.2020.]

DAS VERRATENE MEER (Wiener Staatsoper, 14.12.2020)
Musikalische Leitung: Simone Young
Inszenierung: Jossi Wieler und Sergio Morabito
Ausstattung: Anna Viebrock
Ko-Bühnenbildner: Torsten Köpf
Licht: Phoenix
Besetzung:
Fusako Kuroda ... Vera-Lotte Boecker
Noburo/„Nummer Drei“ ... Josh Lovell
Stimme eines Schiffsmaats ... Jörg Schneider
Ryuji Tsukazaki ... Bo Skovhus
„Nummer Eins“, der Anführer ... Erik Van Heyningen
„Nummer Zwei“ ... Kangmin Justin Kim
„Nummer Vier“ ... Stefan Astakhov
„Nummer Fünf“ ... Martin Häßler
Orchester der Wiener Staatsoper
Uraufführung an der Deutschen Oper Berlin: 5. Mai 1990
Premiere (in der leeren Wiener Staatsoper): 14. Dezember 2020
Live-Stream auf play.wiener-staatsoper.at v. 14.12.2020

20:55 15.12.2020
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Andre Sokolowski

Andre Sokolowski ist Herausgeber und verantwortlicher Redakteur von KULTURA-EXTRA, das online-magazin
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