DIE FRAU OHNE SCHATTEN, konzertant

Musikfest Berlin Vladimir Jurowski und das Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin machten groß auf Oper
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Ab Herbst 2021 tritt der russische Pultstar Vladimir Jurowski die Stelle des neuen Generalmusikdirektors der Bayerischen Staatsoper, eines der weltweit bedeutendsten Opernhäuser, an und löst damit Kirill Petrenko ab; wir wurden/werden also Zeuge eines beispiellosen "Tauschs". Während Petrenko (seit 2019/20 Chefdirigent der Berliner Philharmoniker) auf zusätzliche Chefposten verzichten wird, was übrigens für DEN Berliner Dirigentenposten traditioneller Weise Usus ist, folgte und folgt Jurowski dem erklärten und durch Unterschrift bereits besiegelten Ruf an die Isar bei zeitgleicher Wahrnehmung/Aufrechterhaltung seines Postens als Chefdirigent und künstlerischer Leiter des RSB, dem er (durch demonstrativ-nochmalige Verlängerung seines Vertrages) bis 2022/23 diesbezüglich angebunden bleibt; ja und man kann und sollte mit Gewissheit davon ausgehen, dass also spätestens ab Spielzeit 2023/24 dieser Posten wieder zur Verfügung steht und sich sodann die ROC - möglichst schon jetzt oder seit gestern oder vorgestern - was Neues einfall'n lassen muss... So schnell kann's gehen!

Doch das schert uns augenblicklich ziemlich wenig, denn:

Das Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin "erinnerte" sich jetzt (und sicherlich auf einen überfällig scheinenden Impuls Jurowski hin) an seine legendären konzertanten Opernaufführungen (Wagner-Zyklus, Straussens Daphne und Elektra, Humperdincks Hänsel und Gretel), die es unter Leitung seines Ex-Chefdirigenten Marek Janowski weit über die RSB-Grenzen hinaus berühmt und populär machte, und präsentierte stolz und mit geschwollener Orchesterbrust beim diesjährigen MUSIKFEST BERLIN: Die Frau ohne Schatten.

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Und natürlich bräuchte dieses vom Sujet oder vom Stoff oder auch bloß vom Text her überbordend unsägliche Stück Musiktheater allzuvörderst eine Bühne, worauf es sich optisch prima darstellen, analysieren, deuten ließe - doch wohin das Alles auswuchsartig führen könnte, konnte man z.B. in Claus Guths verfreudianischtem Sezierwerk (angelegentlich einer 2018er Reprise an der Staatsoper Unter den Linden) kopfschüttelnd besichtigen... Dann besser nur mit der Musik und ohne virtuelle Ablenkungsmanöver.

Sowieso: Durchweg ist man als Hörer bei der FroSch in permanentem Rauschzustand. Strauss hatte auch bei ihr - wie schon bei der Elektra oder bei dem Rosenkavalier- auf ein sich klanghochzeitlich effektiv bewährt habendes Frauenstimmen-Trio (Amme/Färberin/Kaiserin) gesetzt; und mehr noch als bei den besagten Vorläufern (Elektra/Chrysothemis/Klytämnestra oder Feldmarschallin/Octavian/Sophie) sprengt die in FroSch bestimmte Trias jedes bis zu diesem Zeitpunkt "übliche" und (mehr noch: singbare) Korsett.

Da müssen also strausserfahrene oder -gestählte Großgeschützinnen heran - beim Cast im Auftrage des RSB gelang das ohne jeden Zweifel.

Von mondäner Aasigkeit getrieben: Ildikó Komlósi- eine Amme, deren Texte man zwar ausschließlich in den von der Komlósi absolvierten "Basslagen" verstehen und auch nachvollziehen konnte; dennoch tat sich der gesamte Rest der Handlung um die alldienstbare Mittelsmännin vollständig erschließen. Die Altistin konnte außer spielen auch noch humoristisch punkten.

Anne Schwanewilms als Kaiserin - sternstundig! Ihren größten sängerischen und auch sprecherischen also schauspielernden Abschnitt hatte sie im dritten Aufzug, wo man ihr dann die vermenschlichende Erdung außerhalb ihres bis dahin kaiserlich-absonderlichen Abgehobenseins von "Unten" glaubhaft abnahm.

Und Ricarda Merbeths Färberin!! Ihr Auf und Ab an innerer wie äußerer Entwicklung (liebt den Färber, liebt den Färber nicht, liebt den Färber wieder oder wieder doch nicht usf.) gestaltete sie achterbahnhaft und mit maximalster Einbringung ihres auch stimmlichen Gewichts. Enormes Aus-sich-raus-Gesinge.

Die Kollegen drum herum gefielen auch nicht schlecht: allen voran Thomas J. Mayer (als Barak), der Einzige im Übrigen mit nachprüfbarer Textverständlichkeit [wahrscheinlich gibt es zu der Produktion demnächst eine CD-Box, hoffentlich]. Auch Torsten Kerl (als Kaiser) überzeugte; aber fast noch mehr das seine große Falknerarie illustrierende und überhimmlisch ausströmende Cello-Solo, das Hans-Jakob Eschenburg uns zum Geschenk machte. Sensationell der Countertenor-Kurzauftritt von Andrey Nemzer (als Hüter der Schwelle des Tempels) - ich dachte, als ich ihn dann plötzlich hörte, 'bin ich jetzt in einem falschen Film?' Umwerfend, nicht von dieser Welt!!!!!

* *

Ja und das RSB? Jurowski sollte ruhig in München spaßenshalber anfragen, ob die dort nicht ihr Staatsorchester mit den durch Janowskis jahrelangem Angeschultsein hochperfektionierten Berliner Musikerinnen und Musikern (gelegentlicherseits) austauschen wollen würden; kleiner Scherz am Rand.

Jubel über Jubel eines völlig außer Rand und Band geratenen FroSch-Publikums.

[Erstveröffentlicht auf KULTURA-EXTRA am 02.09.2019.]

MUSIKFEST BERLIN (Berliner Philharmonie, 01.09.2019)
Richard Strauss:Die Frau ohne Schatten
Besetzung:
Der Kaiser ... Torsten Kerl
Die Kaiserin ... Anne Schwanewilms
Die Amme ... Ildikó Komlósi
Geisterbote ... Nikolay Didenko
Hüter der Schwelle des Tempels ... Andrey Nemzer
Erscheinung eines Jünglings ... Michael Pflumm
Stimme eines Falken ... Nadezhda Gulitskaya
Stimme von oben ... Karolina Gumos
Barak, der Färber ... Thomas J. Mayer
Die Färberin ... Ricarda Merbeth
Der Bucklige, Bruder Baraks ... Christoph Späth
Der Einäugige, Bruder Baraks ... Tom Erik Lie
Der Einarmige, Bruder Baraks ... Jens Larsen
Rundfunkchor Berlin
(Choreinstudierung: Benjamin Goodson)
Kinderchor der Staatsoper Unter den Linden Berlin
(Choreinstudierung: Vinzenz Weissenburger)
Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin
Dirigent: Vladimir Jurowski
Konzertante Aufführung

17:20 02.09.2019
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Andre Sokolowski

Andre Sokolowski ist Herausgeber und verantwortlicher Redakteur von KULTURA-EXTRA, das online-magazin
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