DIE TOTE STADT in der Semperoper Dresden

Premierenkritik Regisseur David Bösch analysierte Paul, die Hauptgestalt aus Korngolds großartiger Oper, frei nach Sigmund Freud
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Unklar ist von Anfang an: Was war da eigentlich in Brügge auf der Hochzeitsreise mit Marie, der frischgetrauten Gattin Pauls, des Malers, kurzerhand passiert, dass sie ihm plötzlich weggestorben war? Wurde sie von 'ner Droschke überfahren, fiel ihr'n Dachziegel auf das Gehirn, kriegte sie einen unverhofften Herzinfarkt, oder kam es (auch vorstellbar) zu einem tödlich geendet habenden ersten also letzten Ehekrach... Nichts weiß man nicht.

Klar scheint jedoch zu sein, dass Paul - seither - in psychische Behandlung müsste, denn er hat sich zwischenzeitlich völlig eingepuppt in wahnschubhafte Vorstellungen, dass die Gattin, und obgleich sie ja inzwischen mausetot ist, noch (für ihn und seinen andauernden Tagtraum) quicklebendig wäre;" Kirche des Gewesenen" nennt er das selbst und hat sein Atelier in 'nen Marie-Altar mit dementsprechenden Reliquien, Schal & Zopf, umfunktioniert. Brigitta, seine einzelgängerische und treudoofe Hausmagd, superfrömmelnd bis zur Selbstverblödung, wechselt täglich die Beblümungen des allvorhand'nen großen Fetischs und hofft, dass der Totenkult noch eine lange Weile dann so geht...

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Der größte Seelenklempner aller Zeiten hat [das Obige] in etwa so gedeutet: "...es ist allgemein zu beobachten, dasss der Mensch eine Libidoposition nicht gern verlässt, ja selbst dann nicht, wenn ihm Ersatz bereits winkt. Dies Sträuben kann so intensiv sein, dass eine Abwendung von der Realität und ein Festhalten des Objekts durch eine halluzinatorische Wunschpsychose zustande kommt." (zitiert nach Sigmund Freud)

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Dem Komponisten Erich Wolfgang Korngold (1897-1957) ist es als bisher wahrscheinlich Einzigem seiner Kollegen aufs Genialische geglückt, seine bekannteste und auch beliebteste Oper, Die tote Stadt, im Nachhinein als Ideal-Vertonung von Freuds Psychoanalyse wahrnehmen zu lassen. Er war grad mal 23 Knospenjahre jung, als er den über dreistündigen Wonnebrocken schrieb; sein Vater übrigens steuerte unterm Pseudonym Paul Schott den Text zu dieser Oper bei. Sie wurde ein gigantischer Erfolg. Ihre Musik bedient die Sinne und die Nerven ihrer Zuhörenden bis zur Weißglut, ja und einer der berühmtesten und größten Opernhits in der Musikgeschichte überhaupt, der Schlager "Glück, das nie vergeht", ist von so unfassbar-verschwenderischer Schönheit, dass man sich nicht an ihm satt zu hören vermag!

Jetzt hat das Werk Einzug in den Spielplan der Semperoper Dresden erhalten - gestern war seine umjubelte Premiere:

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Regisseur David Bösch und die beiden Ausstatter Patrick Bannwart (Bühne, Video) sowie Falko Herold (Kostüme, Video) verfielen gottlob nicht der Falle, Brügge & BrüggerInnen eins zu eins dann nachbauen bzw. nachempfinden zu wollen - ihre Sicht auf die" Kirche des Gewesenen" hatte fast ausnahmslos dann "innerliche" Qualitäten, sie bespiegelte, kopierte das arg komplizierte "Innenleben" des dem puren Fetisch sich Ergebenden. Das Atelier, hoch-grob mit bloßen kahlen Wänden, denn gemalt wurde und wird da lang schon nicht mehr, sondern nur noch "innig" das sich hundert- oder tausendfach multiplizierende Marie-Bild-Abbild auf sie projiziert. Die unheilvolle und beängstigende Wirkung auf uns Hingucker war außerordentlich frappant!

Unter Christian Thielemann gab es 2004 an der Deutschen Oper Berlin eine von ihm initiierte Aufführungsserie (Regie und Bühnenbild: Philippe Arlaud) - ja und da wurde einem schon als Hörer vollbewusst, dass Korngold, nach und neben Wagner/Strauss, so eigentlich dann DIE Musik für ihn darstellt; dass er jetzt diese neue Dresdner Produktion nicht übernahm, entschlüsselte sich irgendwie doch schwer, wahrscheinlich hatte er gerade a) mit Beethovens Missa solemnis bei den Philharmonikern und b) mit anstehenden Vorbereitungen zu seinem Dresdner Ring-Debüt über Gebühr hinaus zu tun, doch schade war und ist es trotzdem, denn:

Bei Dmitri Jurowski, dem sehr ungezügelt-ungestüm sich ganz und gar verausgabenden Dirigenten der Premiere, schien die wundersame und verführerische Partitur nicht optimal mit dem nicht minder wundersam-verführerischen Klang der Staatskapelle Dresden (dem bis heute nach wie vor weltbesten Opernorchester!) kompatibel gewesen zu sein - entweder war der Orchestergraben nicht weit genug nach unten gedrückt worden, was allerdings dann optisch nicht bestätigt werden konnte, oder das sängerische Personal war allzu fern von ihm oder "zu leise" aufgestellt; Fakt war und blieb, dass der Orchesterteppich derart lautstark dominierte, dass die SängerInnen kaum bzw. wenig Chance kriegten sich in diesem Kampf phonstärkemäßig irgendwie noch zu behaupten - - sehr zum Nachteil des sich stimmlich fast total verausgabt habenden Protagonistenpaars mit Manuela Uhl und Burkhard Fritz, die stellenweise, in der Tat, mitunter kaum akustisch wahrgenommen werden konnten. So was MUSS am Dirigenten liegen, ja, an wem denn sonst!! (Uhl/Fritz waren natürlich, ungeachtet dieser nicht durch sie verschuldeten Unausgewogenheiten, in ihrer Gesamtausstrahlung schwer zu übertreffen!)

Christa Mayer verblüffte in ihrer Haushälterinnen-Nonnen-Rolle der Brigitta und gestaltete deren Metamorphose psychothrillerhaft.

Und Christoph Pohl (als Frank und Fritz) nahm man den um das Seelenheil des Freundes so Besorgten und zugleich auch Konkurrenten, was die sexuellen Hingezogenheiten zu ein und dem selben Objekt ihrer Begierde betraf, hundertprozentig ab!

Kinder- und Staatsopernchor vervielfachten - nicht nur gesanglich - den vorhandenen Marie-Fetisch und sorgten so für eine Art von Wohlgemütlichkeit in der Geschloss'nen.

Großartiger Semperopernabend!!!!!

[Erstveröffentlicht auf KULTURA-EXTRA am 17.12.2017.]

DIE TOTE STADT (Semperoper Dresden, 16.12.2017)
Musikalische Leitung: Dmitri Jurowski
Inszenierung: David Bösch
Bühnenbild: Patrick Bannwart
Kostüme: Falko Herold
Licht: Fabio Antoci
Dramaturgie: Stefan Ulrich
Chor: Jörn Hinnerk Andresen
Besetzung:
Paul ... Burkhard Fritz
Marietta ... Manuela Uhl
Frank / Fritz ... Christoph Pohl
Brigitta ... Christa Mayer
Juliette ... Tahnee Niboro
Lucienne ... Grace Durham
Victorin ... Khanyiso Gwenxane
Graf Albert ... Timothy Oliver
Sächsischer Staatsopernchor Dresden
Sächsische Staatskapelle Dresden
Premiere an der Sächsischen Staatsoper Dresden: 16. Dezember 2017
Weitere Termine: 20.12.2017 // 02., 07., 21.01. / 02.02.2018

22:41 17.12.2017
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Andre Sokolowski

Andre Sokolowski ist Herausgeber und verantwortlicher Redakteur von KULTURA-EXTRA, das online-magazin
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