DIE UMSIEDLERIN von Heiner Müller

Premierenkritik Seit 60 Jahren erstmals wieder am DT Berlin
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Heiner Müller (1929-1995) hätte dieses Jahr seinen neunzigsten Geburtstag begehen können - und auch wegen dieses jubilaren Grunds wird hie und da wieder (etwas verstärkter noch als hie und da von Hinz & Kunz erhofft) das eine oder andere Theaterstück von ihm gespielt; er galt schlechthin als DER Dramatiker im von den Brüderinnen und Brüdern der alten BRD pünktlich zu seinem Sechzigsten besorgt-umsorgt vereinnahmten und also einkassierten DDR-Land. Und die ostdeutsche Geschichtsschreibung ist ohne ihn, nicht nur was ihre kulturelle oder künstlerische Aufarbeitung anbelangte, unvorstellbar. Müller rieb sich zeitlebens an seiner angestammten "Heimat" resp. deren fremdbestimmender wie fremdbestimmter Klientel; und selbst oder gerade wenn/weil er den sonderpasserlaubten Blick hinter wie vor der Mauer hatte, hob er sich doch rechtzeitig weit übers Provinzielle ihres kleinen Erdenreichs hinweg, um weitaus Größeres mit seinen großartigen Texten nicht nur (ostdeutschmäßig:) hierzulande mitzuteilen, als wie "es" das kleine Ländchen links des Oder-Flusses je ertragen und (geschweige denn) verstanden haben hätte können.

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Und obgleich mein Lieblingsstück von ihm Quartett war, ist und bleibt, konnte und wollte ich mich als ein in der DDR Geborener und Aufgewachsener ganz selbstverständlich auch mit manchen anderen und wohl bedeutungsvoll-bedeutenderen Brocken seines Oevres identifizieren oder auseinandersetzen. Eingestandner Maßen zählte (merkwürdiger Weise) dann Die Umsiedlerin oder Das Leben auf dem Lande nicht dazu; es gab - mit Ausnahme des proletarisch aufgeheizten NNU-Events vor knapp zehn Jahren - null Gelegenheit, das Stück jemals auf einer Bühne live zu sehen, ja und lesen wollte ich es auch nicht aus Bequemlichkeit statt Zeitmangel, nun ja.

Jetzt läuft es halt zum ersten Male wieder am DT, nachdem es 60 Jahre lang hier nicht gezeigt wurde:

"Die Uraufführung der Umsiedlerin an der Hochschule für Ökonomie in Berlin-Karlshorst 1961 wird zum größten Theaterskandal der DDR. Der Schriftstellerverband schließt Müller aus, Regisseur B.K. Tragelehn muss zur Bewährung in den Braunkohletagebau. Erst 1976 darf das Stück in der DDR wieder gespielt werden." (Quelle: deutschestheater.de)

Müller wählte die sog. Kollektivierung der sozialistischen Landwirtschaft (sprich Bodenreform) als Stückstoff, tat sie also mittels seines hierin auftretenden Personals tragisch wie komisch auseinandernehmen - ideologisch frustrierte und verprellte DDR-Bonzen witterten in dem Text ein konterrevolutionäres Anersinnen und verboten seine Aufführung. Im heutigen Verständnis kaum bzw. nicht mehr nachvollziehbar!

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Für den kleinen Saal der DT-Kammerspiele haben jetzt Tom Kühnel/Jürgen Kuttner (letzterer tritt zwischen Müllers fünfzehn, teils gekürzten und mitunter weggelass'nen, Szenen auch als ansagender "Nummernboy" auf) das besagte Schauspiel als Revuetheater (mit der auffälligen Drehbühnn Jo Schramms!) versucht. Die ca. 35 oder 37 Rollen sind auf 19 Darstellerinnen und Darsteller verteilt.

Der mehr oder weniger zum Einsatz kommende und sicherlich nicht unabsichtlich vorgeführte Agitprop-Sound (mit gelegentlichen Anleihen von Einar Schleef'scher Chorsinfonik) untermauert nicht von ungefähr, dass die dem Stück zugrunde liegende Polemik zwar für all die Hörer/Leser, die die damalige Zeit erlebten oder wenigstens von ihr auch irgendwas dann (ideologisch) mitbekamen, auch nach über 60 Jahren "gültig" ist - für Zeitgenossen unsrer Tage, die einzwei Generationen darauf folgen sollten, wirkt das Ganze nur noch schulaufklärerisch und driftet ab zu einer bloßen Ostalgie.

Es gibt paar sehens- und auch hörenswerte Leuchtturm-Blinksignale dieser eigentlich doch ziemlich leichtwollig und großmaschig gestrickten Inszenierung; hierzu zählt v.a. die ironische Verfünffachung der Titelrolle, die als leise vor sich hin säuselndes und in vollständigem Weiß (Kostüme von Daniela Selig) eindrapiertes Griechinnenquintett Hausfrau-Repliken von sich sondert; Utensilien wie Der Kochtopf, Der Bierkrug oder Der Wäschekorb tragen nicht unerheblich zur vermuteten Vermutung bei.

Linda Pöppel (die außer der Umsiedlerin Niet noch den Erfasser und die Schmulka und die FDJlerin zu spielen hat) fällt unaustauschbar dann aus allen herkömmlichen Rahmen! Ihre schauspielernde Ironie und geisteshaltige Distanz manifestiert sich in der "Eines Tages sehen wir"-Szene mit FDJler Marcel Kohler (!); während er bravblauäugig seine marxistische Broschüre herzitiert, gibt sie ihm ihr rein animalisches Verlangen inkl. Kinderwunsch unleise preis, beides erfolgt mit zeitlupiger Lautsprecherverstärkung unter Nutzung der bekannten Arie aus Puccinis Madame Butterfly: genial ersonnen!!

Almut Zilcher muss im letzten Drittel des Überzweistündlers Mommsens Block aufsagen, was den "Fluss" der eigentlichen Stückdarreichung zusätzlich noch ausbremst.

Und Frank Büttner (als Fondrak und Anarchist) erfrischt, um nicht zu sagen frischzelliert durch seine stimmgewaltige und sowieso atheltische Präsenz den doch nicht unoft auf der Stelle tretenden und sodurch nicht sehr selten unrhythmisch geword'nen Abend.

Als Geburtstags-Ständchen zum vermeintlich Neunzigsten war es okay.

[Erstveröffentlicht auf KULTURA-EXTRA am 07.04.2019.]

DIE UMSIEDLERIN (Kammerspiele, 06.04.2019)
Regie: Tom Kühnel und Jürgen Kuttner
Bühne: Jo Schramm
Kostüme: Daniela Selig
Dramaturgie: Claus Caesar
Besetzung:
Flint ... Jörg Pose
Beutler ... Felix Goeser
Rammler ... Paul Grill
Treiber ... Markwart Müller-Elmau
Ketzer, Kupka ... Bernd Stempel
Siegfried ... Marcel Kohler
Fondrak ... Frank Büttner
Krüger ... Jürgen Kuttner
Flinte 1, Beutler, Landrat ... Almut Zilcher
Erfasser, Schmulka ... Linda Pöppel
Chor: Servan Durmaz, Maral Keshavarz, Philipp Keßel, Mathias Kleinschmidt, Dimitri Lauwers, Kei Muramoto, Marie Schneider, Thai Thao Tran und Christine Wünsch
Premiere am Deutschen Theater Berlin: 6. April 2019
Weitere Termine: 14., 19.04. / 06., 14., 20.05.2019
Kooperation mit der Universität der Künste Berlin

16:39 07.04.2019
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Andre Sokolowski

Andre Sokolowski ist Herausgeber und verantwortlicher Redakteur von KULTURA-EXTRA, das online-magazin
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