DIE VERLOBUNG IM KLOSTER in der Lindenoper

Premierenkritik Dmitri Tcherniakov scheitert grandios an Prokofjews lyrisch-komischer Oper, während Daniel Barenboim und "seine" Staatskapelle Berlin mit ihr brillieren
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Vor elf Jahren ließ sich Daniel Barenboim schon mal von Dmitri Tcherniakov (so wie dieses Jahr) einen Prokofjew in der Staatsoper Unter den Linden inszenieren; Der Spieler hieß das Stück und wurde - auch oder vor allem - wegen "seiner" Staatskapelle, die bei dieser Aufführung anbetungswürdig musizierte, hochgehypt. Dass sich mit diesem Klangkörper, egal was er dann auf den Notenpulten liegen hat, partout gut spielen lässt, ist sicherlich einer der Hauptgründe, dass ihn der Maestro wohl von sich aus nie verlassen wollen würde (ungeachtet dessen, dass es unlängst zu kampagneähnlichen "Enthüllungen" Betroffener gekommen war, die sich vor/bei/hinter dem wahrlich anstrengenden Probenalltag von Orchestermusikern von ihm gepiesackt und gedemütig gefühlt hätten und sich ihr Chef nunmehr dem Vorwurf ein "Gewaltdespot" zu sein [ich übertreibe absichtlich] entkräftend stellen muss).

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Gleich im Voraus:

Prokofjews Die Verlobung im Kloster, die dann gestern Abend ihre FESTTAGS-Premiere hatte, besticht und glänzt - und zwar ganz ausschließlich - erneut und abermals durch einen gloriosen Klang der ihn herbeizaubernden Staatskapelle Berlin! Auch das gecastete SängerInnen-Ensemble kann sich hören & sehen lassen; ich erwähne hier (als Beispiel nur) die drei Protagonistinnen Anna Goryachova, Aida Garifullina und Violeta Urmana und (besonders:) den sich diesmal selbst überbietenden Stephan Rügamer, der zudem auch noch Trompete spielt und mit zwei Löffelchen auf Weingläsern herumpocht. Auch der Chor der Deutschen Staatsoper Berlin hat einen abschließenden Großauftritt; er darf (nachdem er vorher fast drei Stunden lang "versteckt" gehalten wurde) in schier prachtvollen und sichtlich sauteu'ren Kostümen (von Elena Zaytseva) final brillieren - jede/jeder tut da eine jeweils andere Opernfigur des weltweit abspielbaren Kanons vorführen, das sieht schon toll aus, wenn man es schier "unbeeinflusst" sieht!!

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Jedoch:

Alles, was vorher war, geriet zu einer selten so [von mir] erlebten Szenenpleite sondergleichen.

Doch zunächst, rein faktisch, die zur Vorlage gedient habende Handlung der Prokofjew'schen Schmonzette:

"Der reiche und alte Fischhändler Mendoza will Don Jeronimos Tochter Luisa heiraten. Der Vater ist damit einverstanden, doch Luisa liebt den jungen und armen Don Antonio, ihr Bruder Ferdinand die schöne Clara. Luisas Amme Duenna will ebenfalls den Fischhändler erobern und versucht Don Jeronimos Pläne zu vereiteln. Luisa zieht die Kleider ihrer Amme an und lässt sich als solche von ihrem Vater aus dem Haus jagen. Die wirkliche Duenna in Luisas Kleidern bittet Mendoza, sie zu entführen und zu heiraten. Auf dem Weg zu Don Antonio trifft Luisa ihre Freundin Clara, die sich von ihrem Freund Ferdinand gekränkt fühlt und ins Kloster gehen will. Antonio und Luisa wollen sich trauen lassen, desgleichen Mendoza mit der vermeintlichen Luisa. Luisa und Mendoza bitten Don Jeronimo um seine Einwilligung zur Heirat, die dieser gibt, ohne die wirklichen Zusammenhänge zu durchschauen. Die Hochzeit soll im Kloster stattfinden. Dort trifft Ferdinand mit Clara zusammen, und beiden versöhnen sich. Die lustig feiernden Mönche sind bereit, die drei Paare Mendoza und Duenna, Antonio und Luisa sowie Ferdinand und Clara zu trauen. Don Jeronimo erkennt den Betrug zu spät und muss schließlich gute Miene zum bösen Spiel machen." (Quelle: Wikipedia)

Nicht auszuhalten oder? Und man hätte auch vermuten oder sehnlichst wünschen können, dass ein Regisseur die ganze Angelegenheit wohlweislich bricht und irgend etwas Geistvoll-Lustige(re)s aus dem vorliegenden Quark dann macht. Ja und das war bestimmt auch Tcherniakovs Absicht, als er dachte, "es" mit einer Art von Spiel im Spiel zum Thema Selbsthilfe (kurz: eine Selbsthilfegruppe von Opernabhängigen vermeint ihrer Opernsucht durch Ersinnung einer eigenen Oper, die sie folgerichtig durchspielt, habhaft zu werden) zu versuchen.

Doch er scheiterte hiermit, und zwar grandios!!!

Womöglich lag es einzig und allein daran, dass er dann Alles - und das Alles weit über drei Stunden lang - in einem von ihm ausgedachten Einheitsbühnenbild, das einen Opernprobesaal mit Opernstuhlsitzreihen zeigte, ansiedelte.

Ab und zu werden lustige Videos gezeigt, die die geheutigten (tatsächlichen!) Akteure im privat gemachten Umfeld inszenieren; ebenso lustig lesen sich diverse Szenbenüberschriften und/oder -kommentare. Hah, hah, hah.

Mich selten so gelangweilt.

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Jede Menge Buhs für die Regie, völlig zurecht.

[Erstveröffentlicht auf KULTURA-EXTRA am 14.04.2019.]

DIE VERLOBUNG IM KLOSTER (Staatsoper Unter den Linden, 13.04.2019)
Musikalische Leitung: Daniel Barenboim
Inszenierung und Bühnenbild: Dmitri Tcherniakov
Kostüme: Elena Zaytseva
Licht: Gleb Filshtinsky
Videodesign: Alexey Poluboyarinov
Choreinstudierung: Martin Wright
Dramaturgie: Jana Beckmann und Detlef Giese
Besetzung:
Don Jerome ... Stephan Rügamer
Don Ferdinand .. Andrey Zhilikhovsky
Luisa ... Aida Garifullina
Die Duenna ... Violeta Urmana
Don Antonio ... Bogdan Volkov
Clara D'Almanza ... Anna Goryachova
Mendoza ... Goran Jurić
Don Carlos ... Lauri Vasar
N.N. ... Maxim Paster
Staatsopernchor
Staatskapelle Berlin
Premiere zu den FESTTAGEN war am 13. April 2019.
Weitere Termine: 17., 22.04. / 21., 28., 30.12.2019 // 02., 04.01.2020

11:45 14.04.2019
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Andre Sokolowski

Andre Sokolowski ist Herausgeber und verantwortlicher Redakteur von KULTURA-EXTRA, das online-magazin
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