EIN GRÜNER JUNGE am Schauspiel Köln

Castorfopern Russland eine "Regionalmacht"? Nie und nimmer!

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Schon zweimal lag ich mit meiner Prognose falsch:

Sowohl nach Zürich (Die fremde Frau und der Mann unter dem Bett) als auch nach München (Aus einem Totenhaus) meinte ich irgendwie der Annahme gewesen zu sein, dass sich die jahre- und jahrzehntelange Dostojewskij-Obsession Frank Castorfs durch die aktuell zurückliegenden Ab- und Aufarbeitungen der beiden Fjodor'schen Erzählungen sowie der Janacek'schen Oper allmählich erschöpfen sollte. Dass der derzeit wohl profundeste Sachkenner der Materie (Dostojewskij) selbstverständlich nicht vergessen würde, schlussendlich auch noch den fünften jener sog. "fünf großen Romane" des besagten Großrussen zu theatralisieren also auszuschlachten, kam mir deshalb überhaupt nicht in den Sinn, weil ich Подросток (dt.: den Jüngling) bis dahin nicht/noch nicht kannte. Er ist halt - nach Schuld und Sühne, Der Idiot, Die Dämonen und Die Brüder Karamasow - das womöglich unbedeutendere, nicht so populäre und daher auch "kaum" gelesene Stück Großprosa in dem Gesamtzusammenhang.

Eingebetteter Medieninhalt

"Arkadij Dolgorukij ist der uneheliche Sohn eines adeligen Gutsbesitzers und einer Gesindemagd. Um seine gesellschaftliche Isolation, den Makel seiner 'niederen Geburt' zu überwinden und die Achtung seines Vaters zu erringen, hat er sich einer Idee verschrieben: Er will reich werden 'wie ein Rothschild' – um sein Vermögen am Ende zu verschenken. Denn Geld ist nur Mittel zum Zweck, es bedeutet Autonomie, bedeutet Freiheit. Also reist er nach St. Petersburg und macht sich auf die Suche nach seinem Vater – der sich als zwielichtiger Charakter erweist. In seiner Orientierungslosigkeit kommt Arkadij mit Anhängern der Revolution in Berührung, mit Spielern und Verschwendern, mit Selbstmördern und Fürsten – vor allem aber mit seiner Familie, die in einen aufwendigen Prozess verstrickt ist." (Quelle: schauspiel.koeln)

Jetzt mal ehrlich:

Kennen SIE diesen Roman?

*

Die hundertvierzig Typoscriptseiten der Castorf'schen Bühnenfassung von Ein grüner Junge (in der neuen Übersetzung von Swetlana Geier) weisen 26 Szenen aus; sie haben solche Untertitel wie z.B. "König Drosselbart", "Vatertag", "Der Boxkampf", "Waschsalon", "Philosophierende Möbelpacker", "Bologneser Hündchen", "Sonnenbank-Flavour", "Engel der Verzweiflung" (der bei Castorf obligatorische Heiner-Müller-Auftrag-Verweis) oder "Karlsruher Gas"; die Dramatis personae sind mit den jeweiligen Vornamen der in dem Sechsstünder mitwirkenden Akteure ausgewiesen. Und der allermeiste Text besteht aus O-Zitaten Dostojewskijs - denkt man gar nicht, weil man meistens (oder immer) bei den Castorf'schen Roman-Bearbeitungen "Anderes" gehört zu haben glaubte als dasjenige, worum es eigentlich dann geht.

Sich insgesamt - bei all der szenischen Struktur - zurechtzufinden, fällt natürlich, so wie eh und je bei all den ausufernden Castorfopern, irre schwer... Ja und was beispielsweise ICH aus all dem inhaltlichen Wust für mich privat herauszufiltern in der Lage war, also als Botschaft:

Russland eine "Regionalmacht"? Nie und nimmer!

* *

Geschauspielert wurde und wird vom Allerfeinsten!

Bruno Cathomas muss als Premierenopfer der im Castorf'schen Theater allüblichen Schreierei bezeichnet sein; die Stimme von ihm drohte zu versagen, sie hielt dennoch durch.

Die Anderen (in alphabetischer Reihenfolge): Sophia Burtscher, Melanie Kretschmann, Nicolas Lehni, Seán McDonagh, Peter Miklusz, Mathias Oster, Tiphaine Raffier, NikolaySidorenko (als Arkadij!), Sabine Waibel und Ines Marie Westernströer!!!!!

Sämtliches Gesprochenes wird ständig musikalisiert - meist hören sich all die Berieselungen ziemlich gut an, selten nerven sie.

Und Aleksandar Denić hat dem Castorf diesmal eine überdimensionale Cinemascope-Leinwand links über seine Breitwandbühne aufgehängt - die wird mit Live-Videos und/oder Filmeinsprengseln allzu oft, fast pausenlos, zum Flimmern gebracht.

Sehr zäh und trotzdem kurzweilig.

[Erstveröffentlicht auf KULTURA-EXTRA am 03.11.2018.]

EIN GRÜNER JUNGE (Depot 1, 01.11.2018)
Regie: Frank Castorf
Bühne: Aleksandar Denić
Kostüme: Adriana Braga Peretzki
Video: Andreas Deinert
Musik: William Minke
Licht: Rainer Casper
Dramaturgie: Julian Pörksen
Mit: Sophia Burtscher, Bruno Cathomas, Melanie Kretschmann, Nicolas Lehni, Seán McDonagh, Peter Miklusz, Matthias Oster, Tiphaine Raffier, Nikolay Sidorenko, Sabine Waibel und Ines Marie Westernströer
Premiere am Schauspiel Köln: 1. November 2018
Weitere Termine: 02., 10., 11.11. / 29.12.2019

Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Andre Sokolowski

Andre Sokolowski ist Inhaber, Herausgeber und verantw. Redakteur von "KULTURA-EXTRA, das online-magazin"

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