EIN SPORTSTÜCK von Elfriede Jelinek

Universitätstheater Die Inszenierung an der UdK Berlin ist ein erstaunlich funktionierender Kraftakt der Studierenden
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EIN SPORTSTÜCK von Elfriede Jelinek

Foto: Screenshot Trailer/Vimeo

Elfriede Jelineks Ein Sportstück scheint - allein von seiner korpulösen Textgeballtheit mit 188 Buchseiten voll auktorialer Prosa her - unaufführbar; und die Autorin wünschte sich zu seiner Zeit, dass der Regiestar Einar Schleef (1944-2001) sich ihres Materials annehmen und mit ihm dann so verfahren sollte, wie er es für richtig hielt. Der auch als Schriftsteller (Gertrud, Totentrompeten) oder Essayist (Droge Faust Parsifal) deutsche Literaturgeschichte Mitgeschriebenhabende entsprach der Bitte seiner österreichischen Kollegin - beider und bis heute legendäre Burgtheater-Produktion von 1998 machte kurz darauf auch beim THEATERTREFFEN in Berlin Station; seither wurde Ein Sportstück in der Hauptstadt nicht mehr nennenswert gesichtet...

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UdK-Studierende gestatteten sich jetzt (unter der sportsmännisch-ironischen Regie Hermann Schmidt-Rahmers) ein gerüttelt Maß an Lust & Laune, um dem sperrigen Lektürebrocken spielerischer Weise beizukommen. Es gelang ihnen aufs Hochvorzügliche:

Franziskus Claus mit roter Jelinek-Perücke und im langen schwarzen Samtkleid tritt am Anfang dieses Zweieinhalbstünders (und also zweifelsfrei sofort auch als Elfi Elektra identifizierbar) auf, um zirka eine halbe Stunde lang im Wiener Slang das Eine und das Andere aus Sportstück oder andern Werken der Nobelpreisträgerin zu monologisieren - gleichsam nimmt er irgendwann dann den Kontakt zu seinen MitspielerInnen (je 4 Frauen, Männer) auf; diese sind in muskel- und fettzonenbetonte Ganzkörperanzüge von Victoria Mechle und Emily Lisa Schumann gesteckt worden und tollen unaufhörlich auf der sport- und spielplätzeaffinen Bühne Orli Baruchs qietschvergnügt und kindlich ausgelassen hin und her und rauf und runter...

Das bei Jelinek'schen Abbrucharbeiten nicht auszuschließende Verführungspotenzial einer textabweichenden oder auch textinhärenten Wegverirrung und Verfransung bleibt auch hier - gottlob, sollte man meinen - überhaupt nicht aus; man kommt vom Hundertsten ins Tausendste, und dennoch bleibt eine gewisse texturale Disziplin erkennbar, was dann wiederum den Aufmerksamkeitspegel insbesondere der Zuhörenden wenig minimiert.

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Der Schauspieler Manuel Bittorf sitzt am Keyboard und erzeugt von dort aus, zusätzlich, die passende Musik.

Beeindruckend auch die Penthesilea-und-Achilles-Szene mit Paulina Bittner / Robert Flanze!!

In entwaffnend-nervender Showmaster-Attitüde: Tim Freudensprung!

Erschreckend und beängstigend auch jene Mob-Szene, wo schlussendlicher Weise Jelinek höchstselbst physische "Züchtigung" erfährt; kurz vorher tat sie freilich noch auf Elias Canettis Masse und Macht verweisen, was bei den wutbürgerlichen Unterschichtlern weder intelektuell noch irgendanderswie verfangen hätte können; außerdem fließt Weißbier in die Kehlen und das Antlitz der Erdinger Schankwirtin, ja und es riecht auch stark danach.

Zum überraschenden Finale dreht die Drehbühne, worauf wir Publikum die ganze Zeit über verharrten, zweimal ihre Runde; Ruby Commey nutzt die Zeit, um aus dem Off heraus das Jelinek'sche Ur-Trauma zwischen dem Papa und der Mama und der Tochter vorzutragen.

Prima, prima, prima!!!

[Erstveröffentlicht auf KULTURA-EXTRA am 13.12.2018.]

EIN SPORTSTÜCK (UNI.T - Theater der UdK Berlin, 12.12.2018)
Regie: Hermann Schmidt-Rahmer
Bühne: Orli Baruch
Kostüme: Viktoria Mechle und Emily Lisa Schumann
Choreographie/Stunt Coordinator: Alfred Hartung
Stimme und Sprechen: Gabriella Crispino
Dramaturgie: Marion Hirte
Mit: Zainab Alsawah, Paulina Bittner, Manuel Bittorf, Franziskus Claus, Ruby Commey, Robert Flanze, Tim Freudensprung, Bineta Hansen und Maximilian Schimmelpfennig
Uraufführung am Burgtheater Wien: 23. Januar 1998
UdK-Premiere war am 7. Dezember 2018.
Weitere Termine: 13.-16., 19., 20.12.2018
Ensembleprojekt des 3. Jahrgangs Schauspiel in Kooperation mit den Studiengängen Bühnen- und Kostümbild der UdK Berlin

10:20 13.12.2018
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Andre Sokolowski

Andre Sokolowski ist Herausgeber und verantwortlicher Redakteur von KULTURA-EXTRA, das online-magazin
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