ERNANI und Elvira im Krinolinen-Käfig

Premierenkritik Bei den Opernfestspielen Heidenheim gibt es seit 2016 eine Serie "jugendlicher" Werke von Giuseppe Verdi - und schon deswegen muss man dorthin!
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Suggestivfrage an potenzielle Klassikfreaks abseits des nordöstlichen Endes der Schwäbischen Alb:

Kannten Sie etwa auch [wie ich] die OPERNFESTSPIELE HEIDENHEIM bisher noch nicht? nein, wirklich nicht??

Dann wird's ja allerhöchste Zeit, Sie, dass Sie sie jetzt endlich kennen lernen!

Also:

Es gibt sie seit dem Jahre 1964 - damals "noch" als SCHLOSS-SERENADEN, die der damalige Städtische Musikdirektor Helmut Weigel organisierte und mit ihnen an die musikalische Tradition auf Schloss Hellenstein anknüpfte. Selbiges ragt übrigens hoch über der Stadt (nicht unähnlich, falls man es lediglich so als Erhebung sähe, jenem staatstragenden Grünen Hügel des womöglich größten Opernfestivals auf deutschem Boden) und will selbstbewusst zu einem Hochhinaufpilgern ermutigen; ein sehenswertes Kutschenmuseum, beispielsweise, tut den Gast vor Ort erwarten; doch halt nicht nur das...

2009 eröffnete die Stadt, quasi in Greifnähe zum alten Schloss, ihr neues Festspielhaus, das sie Congress Centrum Heidenheim nannte; es befindet sich gegenüber dem als Freilichtbühne genutzten Naturtheater; hier sowie im (ebenso als Freilichtbühne genutzten) Rittersaal von Schloss Hellenstein finden nun - spätestens seit 2010 und seit (der in Heidenheim geborene) Dirigent Marcus Bosch künstlerischer Direktor der OPERNFESTSPIELE HEIDENHEIM ist - alljährlich zwei Opern-Neuproduktionen statt; dieses Jahr sind es Tschaikowskis Pique Dame und Verdis Ernani. Außerdem gibt es die Kinderoper Gold! (im Opernzelt im Brenzpark), ein Jazzfrühstück (im Brunnengarten des Schlosses) und diverse Sinfonie- und kammermusikalische Konzerte. Auf der Liste der Mitwirkenden stehen reputante Namen...

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Internationales Aufsehen erregte und erregt ein seit vier Jahren gestemmter Zyklus mit "jugendlichen" Opern von Giuseppe Verdi; ab 2016 werden die Aufführungen als CD-Mitschnitte vermarktet, mit Oberto, Un giorno di regno, I Lombardi. Ernani (folgt dieses Jahr) und I due Foscariu (im kommenden Jahr) würden dann insgesamt fünf Referenz-Aufnahmen auf dem Phonomarkt zu finden sein - Respekt, Respekt!!

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Ernani erlebte also jetzt seine frenetisch umjubelte Premiere...

Das Stück an sich ist albern, unübersichtlich und kaum nacherzählbar; und in etwa ließe es sich vielleicht so auf einen Punkt bringen:Prinzessin wird von ihrem Onkel geliebt, den sie jedoch nicht widerliebt, stattdessen liebt sie den Räuberhauptmann, der sie aus den Fängen des Onkels befreien will und eigentlich kein Räuberhauptmann ist, sondern in Wirklichkeit ein Prinz, aber das Paar verendet trotzdem und vollzieht gemeinschaftlich so eine Art von Liebestod.

Die junge bosnische Regisseurin Jasmina Hadžiahmetović hatte sich ihren Reim darauf gemacht, indem sie's völlig unverkrampft und (unfreiwillig?) komisch inszenierte; und ein Brüller allererster Sahne war zum Beispiel, wie sich Leah Gordon ihre knallrote und allzu festsitzende Königin-Elvira-Perücke 'runterreißen wollte (was nicht gleich auf Anhieb klappte), weil sie flugs zum Ernani-Geliebten Sung Kyu Park in ihren Krinolinen-Käfig "unterzutauchen" beabsichtigte, wo die Beiden eines ihrer schluchzigen Duette zwitscherten, halt wie so'n Nachtigallenpaar unter Verschluss. Grandios gemacht!! Ansonsten mangelte es irgendwie an szenisch Auffäligem und vor allem auch Plausiblem; wenig nachvollziehbar war [für mich], warum dann nach der Pause die Großgruppe aller Elfen-Darstellenden Nachttischlämpchen auf die Bühne stellte oder so - freilich: es war ganz hübsch und niedlich anzusehen; etwas öd und karg das Einheitsbühnenbild mit ein paar Baum- und Busch- und Heckenkostproben von Sonja Füsti; doch egal.

Und sowieso punktete diese Aufführung vornehmlich und ganz außerordentlich vom Musikalischen her - ganz zuvörderst muss der fulminante Tschechische Philharmonische Chor Brünn (der meistens bloß herumstand, dafür aber um so bollwerkiger sang) genannt sein. Er UND das unter der Leitung von Marcus Bosch sensationell gut musizierende Festspielorchester der Capella Aquileia dürften wohl der Hauptgarant dafür gewesen sein, sich Ernani live hier zugemüte geführt zu haben!!!!

Ohne jeden Zweifel: festspielreif.

[Erstveröffentlicht auf KULTURA-EXTRA am 19.07.2019.]

ERNANI (Festspielhaus Congress Centrum, 18.07.2019)
Musikalische Leitung: Marcus Bosch
Regie: Jasmina Hadžiahmetović
Bühne und Kostüme: Sonja Füsti
Licht: Hartmut Litzinger
Dramaturgie: Patric Seibert
Besetzung:
Ernani, ein Bandit ... Sung Kyu Park
Don Carlos ... Marian Pop
Don Ruy Gómez de Silva ... Pavel Kudinov
Elvira, seine Nichte und Verlobte ... Leah Gordon
Giovanna, ihre Vertraute ... Stephanie Henke
Don Riccardo, der Schildknappe des Königs ... Christoph Wittmann
Jago, der Schildknappe Silvas ... Lancelot Nomura
Tschechischer Philharmonischer Chor Brünn
Cappella Aquileia
Premiere bei den Opernfestspielen Heidenheim: 18. Juli 2019
Weiterer Termin: 20.07.2019

16:25 23.07.2019
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Andre Sokolowski

Andre Sokolowski ist Herausgeber und verantwortlicher Redakteur von KULTURA-EXTRA, das online-magazin
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