FAUST nach Goethe

Castorfopern Über sieben Stunden in der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz
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Frank Castorf schloss die Intendanz der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, also künstlerisch, mit Faust nach Goethe.

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Im vom VB-Dramaturgen und Autor Carl Hegemann herausgebenen Faust-Beibüchlein - unter dem vielsagenden Titel Wie man ein Arschloch wird - kommt Castorf selbst in einem über 12seitigen Text zu Worte, worin er den Leser auch darüber aufklärt, dass er mit dem vielzu früh verstorb'nen VB-Ausstatter Bert Neumann den Döblin-Roman über den Amazonas gern noch inszeniert hätte: "Wir wollten einen großen Fluss durch das ganze Haus bauen und das alles eigentlich in ein Amazonasbecken verwandeln. Es geht um das sechszehnte Jahrundert, um die Zeit des Habsburger Karl V., König von Spanien und Kaiser des Heiligen Römischen Reiches. Das Mittelalter ist zu dieser Zeit abgeschlossen, das Renaissancedenken gibt die Richtung an. Um die Kaiserwahl für sich zu entscheiden, hat Karl V. die einzelnen Kurfürsten mit Kaufmannsgeld bestochen. Um diese Schulden zu begleichen, treibt der die Expansion auf dem amerikanischen Kontinent voran. Und weil er seinen Finanzbedarf trotzdem nicht decken kann, verpfändet er Venezuela an die Welser - das größte süddeutsche Kaufmannsgeschlecht neben den Fuggern. Mit Feuer und Schwert landen dann deutsche Mannschaften in Venezuela - lange vor dem, was wir aus dem 20. Jahrhundert kennen. Auf ihrer Route entlang des Amazonas wollen sie Gold erobern und gehen mit den Ureinwohnern entsprechend um. Diese Ausbeutung erfolgt im Sinne des christlichen Abendlands, genauer im Sinne des Protestantismus - und viele Protestanten sind daran beteiligt. Und das führt naturgemäß zu Machtkämpfen mit den katholischen Konquistadoren spanischer Zunge und schließlich zum Tod der meisten Deutschen dort. Faust wird nun zugeschrieben, dass er Philipp von Hutten den Tod vorausgesagt haben soll" etc. pp. (Quelle: Carl Hegemann [Hg.], Wie man ein Arschloch wird. Kapitalismus und Kolonisierung, Alexander Verlag Berlin 2017)

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Das Alles [s.o.] ist dann irgendwie auch in dem Faust - zumindest in dem aktuellen Castorf'schen - verankert und verborgen. Castorf hatte sich schon immer, und v.a. intellektuell, gründlich wie allumfassend auf die ihn erwartenden Regie-Arbeiten vorbereitet; ja und aus der vielfach vorgearbeiteten Theorie vermochte und vermag er freilich selten ein auf ganz bestimmte Über- und Zentralthemen geeichtes Etwas vorzuweisen - meistens (also immer) blies er dann schlussendlich und mit voller Tatkraft in den Riesenhaufen seiner federflaumigen Ideenspäne, dass es nur so um ihn her wirbelte - - ununabhängig davon, dass sein hochpraktisches Herangehen natürlich mehr noch lüstern als im Wesentlichen philosophisch war und ist.

Die ihn jahrzehntelang in seinem fast schon infantil zu nennenden Zertrümmerungsbemühen treu begleitet habenden VB-Hörigen setzten ihm & sich - um nur ein Beispiel dieses Ausfasernden seiner Arbeit zu benennen - ein schon fast privat zu nennendes Familiendenkmal nach den ersten vier (von insgesamt weit über sieben) Stunden Spieldauer, indem so eine Art Theater im Theater als gestaltete/gelebte Probe eines x-beliebig anmutenden Boulevardstücks hochgenüsslich zelebriert wurde; und Daniel Zillmann (als Theaterdirecteur Monsieur B. aus Émile Zolas Nana gelistet) tat sogleich zum Castorf in gelebtester Aktion mutieren...

Ganz getreu seiner Zertrümmerungsdevise "weil man mit dem Faust machen kann, was man will" werden so Ausschnitte oder Fragmente von ihm aus den zwei Tragödienteilen durcheinandergepustet und an dieser oder einer andern Stelle des Projekts positioniert und in der altbewährten Tradition mit Fremd-/Begleittexten und vielen sprachlich-spielerischen Improvisationen aufgemischt sowie ergänzt.

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Martin Wuttke ist Faust!

Marc Hosemann ist Mephistopheles!

Valery Tscheplanova ist das Gretchen und die Helena in Einem!!

Alexander Scheer tritt als Lord Byron und Anaxagoras auf!!

Lars Rudolph spielt den Doktor Wagner!

Lilith Stangenberg (Meerkatze Satin), Hanna Hilsdorf (Homunculus), Thelma Buabeng (Phorkyade) und Angela Guerreiro (Papa Legba/Baucis) stehen für "das Ewig-Weibliche" in Castorfs Stücke-Sicht; und ihre tollen Glitzerfummel und die hohen High Heels hat Designerin Adriana Braga vorentworfen.

Sophie Rois (Die Hexe) und Frank Büttner (Valentin) steh'n für "arg kurze" aber unvergesslich-einprägsame Schauspiel-Sternstundenmomente des erlebten Siebenstündlers.

Abdoul Kader Traoré, Sir Henry und Bukowski (Schwarzer Pudel ganz in echt) sind ebenfalls dabei.

Der Bühnenbildner Aleksandar Denić konnte seine Bau-Erfahrungen aus Gounod's Faust (Staatsoper Stuttgart) fortvertiefen und ergänzen - auch Castorfs und sein Frankreich-Algerien-Aspekt von dort wurde hierher quasi als Eins zu Eins (obgleich viel größer und noch viel, viel funktionaler!!) übernommen...

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Komisch auch - dieses so plötzliche Gefühl:

Was sollte mir der Castorf in der Zukunft Großes noch erzählen wollen?

Weiß ich nicht.

Egal erst mal.

[Erstveröffentlicht auf KULTURA-EXTRA am 07.03.2017.]

FAUST (Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, 05.03.2017)
Regie: Frank Castorf
Bühne: Aleksandar Denic
Kostüme: Adriana Braga
Licht: Lothar Baumgarte
Kamera: Andreas Deinert und Mathias Klütz
Videoschnitt: Jens Crull und Maryvonne Riedelsheimer
Musik/Ton: Tobias Gringel und Christopher von Nathusius
Tonangel: Dario Brinkmann, Lorenz Fischer, William Minke und Cemile Sahin
Dramaturgie: Sebastian Kaiser
Besetzung:
Faust ... Martin Wuttke
Mephistopheles ... Marc Hosemann
Margarete und Helena ... Valery Tscheplanowa
Lord Byron und Anaxagoras ... Alexander Scheer
Die Hexe ... Sophie Rois
Doktor Wagner ... Lars Rudolph
Meerkatze Satin ... Lilith Stangenberg
Homunculus ... Hanna Hilsdorf
Monsieur Bordenave, directeur du Théâtre des Variétés ... Daniel Zillmann
Phorkyade ... Thelma Buabeng
Valentin ... Frank Büttner
Papa Legba und Baucis ... Angela Guerreiro
Baron Samedi & Monsieur Rap rencontrent Aimé Césaire ... Abdoul Kader Traoré
Der Leiermann ... Sir Henry
Premiere war am 3. März 2017.
Weitere Termine: 10., 12., 17., 18., 31.03. / 01., 14., 15.04.2017

00:05 07.03.2017
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Andre Sokolowski

Andre Sokolowski ist Herausgeber und verantwortlicher Redakteur von KULTURA-EXTRA, das online-magazin
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