FROM BERLIN WITH LOVE 2021

Kommentar Was macht eigentlich das Staatsballett Berlin?!
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Was macht eigentlich das Staatsballett Berlin?!

Der anhaltende Lockdown trifft - nicht unähnlich den meisten anderen Kultur- und Kunstschaffenden dieses Landes und des Rests der Welt - natürlich auch die Tänzerinnen und Tänzer der von seiner Personalgröße her (91!) "mächtigsten" Tanz-Company in Deutschland; doch was heißt schon "mächtig"; ohne ihren Führer oder ihre Führerin erweist sich dieses Wörtchen ("mächtig") allzu hohl und nichtssagend, also: Wie ist der aktuelle Stand der Dinge?

Nach der sang- und klanglosen Verabschiedung des sich so mir nichts dir nichts aus dem Staub gemacht habenden Führungsdoubels in Person der beiden Choreographenweltstars Waltz & Öhman liegen die Geschicke der Balletttruppe vorübergehend, und nicht nur rein administrativ, in den bewährten Händen von Christiane Theobald; sie und ihre geschäftsführende Direktorin Jenny Mahr stünden jetzt also erst einmal für eine Art von ausgleichender Zwischenruhe sowie programmatischer Solidität - bis dass ein Nachfolger und/ oder eine Nachfolgerin für die künstlerische Führungsposition gefunden würde - zur Verfügung. Die 1956 in Koblenz geborene Ballett-Dramaturgin und Kulturmanagerin war und ist die beste "Notlösung"; sie ist mit der Gesamtstruktur, auch schon zu Zeiten, als es drei Ballett-Ensembles (an den drei Berliner Opernhäusern) gab, also bevor es zum Zusammenschluss zu dieser Mega-Truppe kam, bestens vertraut; sie war auch schon unter dem Gründungsintendanten Malakhov und dessem Nachfolger Duato in der Position der Stellvertreterin.

Ein erster (Neu-)Blick auf die Website lässt ein neues Logo erkennen.

Was den aktuellen Spielplan angeht - für den 24. Januar um 11 Uhr werden in den Ballettsälen "zeitgleich ein klassischer und ein zeitgenössischer Workshop angeboten", 240 Minuten inkl. 1 Pause. Ob das so noch machbar sein würde? Am kommenden Dienstag (19. Januar) könnten Kanzlerin und MPK einen noch härteren Lockdown als jetzt beschließen, und womöglich machen die Kultureinrichtungen dann erst mal gänzlich dicht. Klaus Lederer ließ sowieso schon wissen, dass er die Berliner Bühnen erst mal bis April zuschließen will; auch wegen Planungssicherheit und so. Nein, niemand weiß derzeit, wie es konkret bis Ostern weitergehen soll...

Dann weist die Website noch ein Statement der Intendanz zu den Rassismus-Vorfällen am Staatsballett Berlin aus:


"Die rassistischen und Diskriminierungs-Vorfälle an unserem Haus, die in den letzten Tagen ans Licht kamen", heißt es da,"haben viele von uns sehr getroffen und gezeigt, dass an den nötigen Kompetenzen, um mit Diskriminierung jeglicher Form entsprechend umgehen zu können, hart gearbeitet werden muss, um letztendlich tiefgreifende Veränderungen in Gang zu setzen. [...] Eine externe Ombudsstelle, an die sich alle Beschäftigten des Staatsballetts wenden können, ist seit Dezember 2020 eingerichtet."

Vom "Umstrukturieren der Compagnie" und dem "Überarbeiten des Repertoires" ist da die Rede.

Und: "Wir sind uns bewusst, dass das Ballettgenre People of Colour im Laufe seiner Geschichte marginalisierte. Wir sehen es als unseren künstlerischen Auftrag an, ein Spiegel der Gesellschaft zu sein. Unser Repertoire muss in seiner künstlerischen Strahlkraft diese Diversität abbilden."

Mit Sicherheit wird alles das - frühestens - in der neuen Spielzeit aufgearbeitet oder, im Idealfall, abgeschlossen sein.

Wir werden nachschauen, auch weiterhin.

* *

From Berlin with Love war/ ist die Formel, unter der die seit geraumer Zeit im halbjährlichen Rhythmus ausgerichteten Ballett-Galas gestanden haben. Jeweils am Spielzeitende und zu Neujahr gibt es sie. Die letzte ihrer Art konnte dann "nur" als Stream und ohne Publikum zustandekommen, und das Video kann man aktuell auf Youtube sehen.

Eingebetteter Medieninhalt

Uns verblüffte und beeindruckte am meisten The Zero von und mit Ross Martinson- eine sowohl getanzte wie gesprochene Solo-Performance, in der Englischsprachunkundige zwar nicht verstehen konnten, worum es hier ging [bei so was wären/ sind noch immer deutsche Untertitel absolut empfehlenswert], umso verblüffender, beeindruckender wirkte "es" in Anbetracht ihrer Gesamterscheinung. Was man ahnen konnte, war, dass der Protagonist gewissen audiellen Einflüssen von außen (eine resp. zwei mit ihm womöglich kommunizierende Stimmen von scheinbar alten oder kranken Männern) ausgesetzt gewesen sein könnte; eine Art von Dialog fand statt, und Martinson ließ immer wieder wissen, dass er als der "gute Boy" parieren würde oder so. Als müsste er dann Sachen nachmachen bzw. vorführen, die er (in einem anrüchigen Chatroom?) anbefehligt kriegte? / Sehr, sehr suggestiv das Ganze!

[Erstveröffentlicht auf KULTURA-EXTRA am 17.01.2021.]

FROM BERLIN WITH LOVE 2021 | New Year's Gala | Staatsballett Berlin (Deutsche Oper Berlin, 01.01.2021)

Mare Crisium
Choreographie von Arshak Ghalumyan
Musik: Karl Jenkins
Mit: Filipa Cavaco, Weronika Frodyma, Sarah Hees-Hochster, Eloïse Sacilotto und Pauline Voisard

The Zero
Solostück von Ross Martinson
Text, Soundcollage, Choreografie und Licht: Ross Martinson
Mit: Ross Martinson

Schwanensee (Pas de deux vierter Akt)
Choreographie: Patrice Bart nach Marius Petipa
Musik: Peter I. Tschaikowsky
Mit: Yolanda Correa und Dinu Tamazlacaru

Für Elise
Musik: Ludwig van Beethoven
Mit: Elisa Carrillo Cabrera und Alina Pronina (Klavier)

Nussknacker (Pas de deux zweiter Akt)
Choreographie von Vasily Medvedev und Yuri Burlaka nach Lew Iwanow
Musik: Peter I. Tschaikowsky
Mit Aya Okumura und Alejandro Virelles

Stream auf Youtube

14:47 17.01.2021
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Andre Sokolowski

Andre Sokolowski ist Herausgeber und verantwortlicher Redakteur von KULTURA-EXTRA, das online-magazin
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